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Montag, 30.10.2006

Elektrodomestiziert

Herr Mens ist der Kühl-Killer

Gerade streiche ich den zweiten Streifen Tesafilm an der Kühlschranktüre fest, als mich mein Freund Mens mit schnarrender Stimme anfährt: »Lassen Sie das, Herr Brossmann! Sie kitzeln mich ja.« Erschrocken halte ich inne, doch Mens ist wach. »Was kleben Sie mir da überhaupt auf die Tür?«, fährt er verärgert fort. »Was steht denn auf diesem Zettel?«

Kalte Speisen und Getränke schädigen Ihren Magen irreversibel»›Kalte Speisen und Getränke schädigen Ihren Magen irreversibel‹? … Sind Sie denn jetzt vollkommen übergeschnappt, Herr Brossmann? Das ist Rufmord!« — Helle Empörung lässt das menssche Kühlaggregat schnalzen, und auf einmal herrscht Totenstille im Lagerkeller.
Ich nehme meinen letzten Mut zusammen. Ein derartiger Ausbruch war zu erwarten gewesen, auch wenn ich gehofft hatte, wenigstens dieses eine Mal unbemerkt davon zu kommen. »Sie, Herr Mens«, setze ich behutsam an. »Das ist nicht meine Idee gewesen. Ich setze lediglich eine Vorgabe der EU-Kommission um.« Ich fühle mich schäbig, spüre, wie mir die Schamesröte ins Gesicht steigt, schlucke und beginne zu stammeln: »Verstehen Sie doch, an allen Kühlschränken muss jetzt dieser Warnhinweis angebracht werden. Sie sind nicht der Einzige. Auch die beiden Liebherren oben in der Küche müssen mit dem Aufkleber leben!«

Das Kühlaggregat springt wieder an, mein Hinweis auf die verhasste Konkurrenz aus Edelstahl hat Herrn Mens hellhörig werden lassen. Ich nutze die Gunst der Stunde und fahre rasch fort:
»Glauben Sie denn, dass mir das Spaß macht? Haben Sie schon mal die Bierflaschen in Ihrem Inneren genauer angesehen? Da steht jetzt auch auf jeder einzelnen zu lesen, dass Bier Gehirnzellen tötet. Und dort auf dem Rotwein im Regal …«, ich eile in die Kellerecke und ziehe eine Flasche meines geliebten Palacio de la Vega aus dem Lager. »Sehen Sie nur selbst!«

»›Rotwein verschwefelt Ihre Sinne‹«, liest Herr Mens vom Etikett der Flasche ab. — »Wer lässt sich denn einen solchen Blödsinn einfallen?«, fragt mein Freund nach einer kurzen Pause. »Die müssen doch zu tief ins Rotweinglas geschaut haben.«

Ich zucke hilflos die Achseln. Herr Mens hat ja Recht; aber leider kein internationales EU-Recht. »Das ist leider noch längst nicht alles, Herr Mens.« Ich fühle mich unendlich müde und setze mich vor meinem alten Freund auf den Steinfußboden des Kellers. »Draußen vor der Haustür steht die Familienkutsche. Vor einem Monat schon habe ich diese Aufkleber an beiden Vordertüren angebracht, auf denen in großen Buchstaben in schwarzem Rahmen steht, dass Autofahren uns, unsere Kinder und unsere Umwelt umbringt, und dass man sich an seine Tankstelle wenden soll, wenn man mit dem Autofahren aufhören möchte.«

Mens schweigt noch immer, also rede ich weiter. »Seit dieser Woche ist im Fernsehen im unteren Drittel der Mattscheibe ständig der Hinweis zu lesen, dass die laufende Sendung die Intelligenzquotienten der Zuschauer dauerhaft senkt und außerdem blind macht. Nächstes Jahr muss eine ähnliche Warnung auch stets auf allen Computerbildschirmen innerhalb der EU angezeigt werden. Und bei der nächsten Fußball-Europameisterschaft wird auf mindestens jedem vierten Bandenwerbebanner der Hinweis zu lesen sein, dass Leistungssport Mord ist. — Ist das nicht grauslig?«

Frustriert öffne ich zuerst die Kühlschranktüre und gleich darauf eine Flasche etikettierten Gerhirnzellentod.

»Die EU also?«, sinniert Herr Mens mit Grabesstimmer. »Das sind doch diese Sesselpupser, die sich eigentlich um eine gemeinsame europäische Verfassung kümmern sollen? Verordnen die etwa all diese dümmlichen Texte aus Langeweile, weil sie die wirklich wichtigen Dinge nicht auf die Reihe bringen?« — Mein Freund Mens klingt verunsichert.

»Ach!« Ohne dass ich es verhindern könnte, springen mir die Tränen aus den Augen. »Sie haben ja so Recht, Herr Mens!« Verzweifelt reiße ich mein Hemd an der Brust auf und strecke meinem ältesten Vertrauten die nackten Tatsachen entgegen, die letzte Offenbarung der EU-Kommission entblößend. Wo einst fröhlich Brusthaar wucherte, glänzt seit ein paar Tagen eine rechteckige, gebleichte Hautstelle. Darauf ein schwarzer Rahmen und darin schwarze Schrift auf heller Haut. Stockend liest Herr Mens von meiner Brust ab:

»›Das Leben – endet meist – tödlich‹«

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1162203806

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Finola, 31.10.2006 um 7:48 h:

Ach ja, danke das du mich daran erinnerst das wie alle unmündige Bürger sind denen man wie Kleinkindern die Gefahren dieser Welt aufzeigen muß... und der Tag hatte bis zum Aufruf dieser Webseite so schön angefangen ;-)

Wie sagte mir einst ein Bekannter aus der Ex-DDR: Der Tod erfolgt meistens durchs Sterben.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 10.11.2006 um 23:27 h:

Ja, das Leben ist ein kurzes und grausames. Traurig ist, dass die, die wir damit beauftragt zu haben glaubten, unsere kurzen Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, diese unsere Aufgabenstellung völlig missachten und uns statt dessen ständig vorbeten, warum unsere Leben so kurz sind.

Gerne möchte man ihnen wegen Themenverfehlung eine glatte Sechs-Setzen verpassen. Leider interessieren sich die Herrschaften nicht für Zensuren. Sie leben schließlich in Brüssel und nicht in Pisa.

christian?

Link zu diesem Kommentar christian, 5.1.2007 um 18:38 h:

Hallo und frohes neues Jahr noch, auch wenn es schon bald wieder Weihnachten ist...

habe eben Deine Kommentare zu geltenden Eu-Vorschriften entdeckt und an etwas denken müssen, was mir ein Freund mal zugeschickt hat, es stammt aus irgend einer deutschen Richtlinien- und Vorschriftensammlung, welche es genau ist, weiss ich nicht, aber der Satz lautete:

"Der Tod stellt die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar"

und wenn ich dann Fiolas Kommentar lese, mit welchem Sie formuliert, was sicher eine Menge Menschen auf der Erde über Politik, Gesetzesmacher und Bürokratie denken, dann frage ich mich wie so oft, was kann man dagegen tun? Kann man etwas tun? Wenn man etwas tun kann, darf ich dabei mithelfen...?

Tschö

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