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Freitag, 6.7.2007

Brave New World

Zeugnisnoten

Da liegen sie vor mir: drei vierseitige Zeugnisschreiben meiner lieben Kleinen. Liebevoll von Hand geschrieben, alle zwölf Seiten, mit mehr oder weniger liebevoll gehaltenen Bemerkungen zu den Leistungen und dem Verhalten des Nachwuchses.

Flashback. Vor ungefähr dreißig Jahren prägte meine damalige Deutschlehrerin, Frau R., für meinen Banknachbarn und mich die mehr oder weniger liebevoll gemeinte Bezeichnung "meine beiden Sargnägel". Das stand dann damals zwar nicht in meinem Zeugnis, hat sich mir aber dennoch bis zum heutigen Tag eingeprägt. Unauslöschlich.

Trotz der Ursachen ihrer Verhaltenskritik hat Frau R. es irgendwie geschafft, mir den Umgang mit der Interpunktion und Rechtschreibung halbwegs erfolgreich zu vermitteln. Auch durch den Wust an gelben Reclamheftchen mit Texten der deutschen Klassiker hat sie uns allesamt durchgeschleust, obwohl wir – das muss ich zugeben – oft nicht bei der Sache waren und uns viel lieber im banknachbarlichen Dialog mit dem Lauf der Dinge, dem Leben an sich oder zum Beispiel auch mit der eigenartigen Anatomie von Frau R. beschäftigten.

»Wie eine Flasche!«, dozierte Sargnagel M., der damals stets links neben mir am Schultisch saß. Zu seinen Worten malte er mit beiden Händen die Umrisse einer Flaschengestalt in die Luft; oben schlank und unten nach außen gewölbt. Wegen ihrer auffällig ausladenden Hüften hätten wir Frau R. als alles andere als »sexy« bezeichnet, wenn wir uns an derlei Beurteilungen herangetraut hätten.

Aber solche Gedanken behielten wir natürlich für uns. Es wäre uns niemals eingefallen, unser Geheimnis an die große Glocke zu hängen, oder gar Frau R. persönlich mitzuteilen, nicht einmal anonym.

Back to the future. Auf dem Schülerportal Spickmich können Schüler ihren Lehrern Noten geben. Wer sich dort anmeldet, könnte nachsehen, wie die Schüler zum Beispiel von Frau R. ihren Unterricht beurteilten, wenn sie denn heute noch im aktiven Schuldienst wäre. Interessant ist, dass es auch eine Benotung in der Kategorie »sexy« gibt. Was wir in den Siebzigern flüsternd unter vier Augen kommentierten, könnte also jetzt, im neuen Jahrtausend, jedermann an die internetten Klowände schmieren: »Frau R. sieht aus wie Flasche leer. Fünf minus.«

Ich befürchte, Frau R. wäre nicht begeistert. Und die Mehrzahl ihrer Schülerinnen und Schüler von damals auch nicht. Diese Einschätzung bezieht sich übrigens nicht nur auf die absurde Bewertung von Äußerlichkeiten, die Spickmichel verbreiten, sondern auch auf schulisch relevante Kriterien wie Qualität des Unterrichts. Moderne Unternehmen ermutigen ihre Angestellten zwar durchaus, die Leistung ihrer Vorgesetzten zu bewerten. Aber sie hängen die Ergebnisse nicht am Schwarzen Brett in der Kantine aus, veröffentlichen sie nicht im Intranet und geben sie ganz sicher nicht für den Rest der Welt sichtbar auf öffentlichen Internetseiten zum Besten.

Wie ich wohl reagieren würde, wenn ich in irgendeinem Forum den Kommentar eines meiner Mitarbeiter entdecken müsste, in dem er oder sie coram publicum feststellte, dass Herr Brossmann in Hinblick auf soziale Kompetenz eine wahre Wildsau sei? — Wahrscheinlich würde ich den kürzestmöglichen Weg zum Anwalt einschlagen. Grunz!

Ebenso wahrscheinlich aber würde mich der Anwalt meines Mitarbeiters vor Gericht erfolgreich darauf hinweisen, dass die Gattung der Wildschweine in der Regel außergewöhnlich soziales Verhalten an den Tag lege und deshalb der Kommentar des Beklagten nicht negativ zu verstehen, sondern vielmehr als Lob gemeint sei. Damit sind wir jedoch bei einem anderen Thema angelangt, nämlich dem der Interpretation von Bewertungen:

In den Zeugnissen meiner Kinder, die übrigens konservativ im verschlossenen Umschlag an die Eltern gingen und nicht etwa auf der Webseite der Schule veröffentlicht wurden, entdeckte ich heute an einigen Stellen Formulierungen salomonischer Qualität: »… Diese Fähigkeit darf er im nächsten Schuljahr gerne weiter ausbauen.« — Ob das nun einer zwei oder einer vier entspricht, darüber dürfen Kinder und Eltern unbedingt unterschiedlicher Meinung sein.

Frau R. jedenfalls hat zu meiner Schulzeit Kritik noch konkreter, wenn auch nicht weniger blumig formuliert: »Hätte ich seine Schachtelsätze nicht ab und zu gestoppt, würde er Gefahr laufen, als zweiter Julius Cäsar in die Geschichte einzugehen.« Rein sprachlich gemeint. Und fast bin ich mir sicher, dass sie eine ähnliche Bemerkung noch heute in den Kommentaren unter diesem Beitrag hinterlassen würde, wenn sie hier unverhofft vorbeikäme und ihre natürliche Scheu vor öffentlichen Bloßstellungen zu überwinden in der Lage wäre.

Nachtrag am 23.06.2009: Was macht eigentlich Spickmich heute?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1183757264

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