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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Samstag, 1.9.2007

Werken

Bastelstunde mit den Shuars

Also nicht, dass es jetzt gleich heißt, ich hätte mich in den vergangenen Wochen und Monaten zum versponnenen Einsiedler entwickelt, der sich mit den wunderlichsten Hobbys auseinandersetzt. Weit gefehlt, meine Lieben! Vielmehr habe ich nicht geruht und keine Mühen gescheut, um meinen Gästen ein wenig Extravaganz in ihren grauen Alltag mitbringen zu können.

Ich weiß, dass man am ersten Tag nach den Ferien die Kolleginnen und Kollegen nicht sofort mit den Schwänken aus dem Urlaub zutexten und sich lieber thematisch ein wenig zurückhaltend zeigen sollte. Aber seien wir mal ehrlich: Es kommt doch keiner von Ihnen hierher, um sich einen warmen Händedruck abzuholen. Sie alle suchen Unterhaltung, mal 'was Neues, etwas Außergewöhnliches, nicht wahr?

Deshalb habe ich heute einmal ein Originalrezept der Shuars mitgebracht. Das ist einer dieser Indiostämme aus dem Amazonastiefland, der sich mit der Blasrohrjagd beschäftigt oder mit dem Herstellen von Tsantsas, also Schrumpfköpfen. Wie alle anderen Kunsthandwerker benötigt auch der Hersteller von Schrumpfköpfen eine gewisse Technik. Aber mit ein wenig handwerklichem Geschick werden auch wir bald in der Lage sein, erfolgreich ganz exquisite Köpfe zu schrumpfen. Beachten Sie bitte, dass wir im Folgenden absolut konservativ und Schritt für Schritt nach der traditionellen Methode vorgehen werden.

Erster Schritt: Nehmen Sie den Kopf vorsichtig in beide Hände. Die Aufgabe besteht nun darin, ihn zu entbeinen, um lediglich die Haut übrig zu behalten. Unverzichtbar ist es daher, den Kopf mit äußerster Behutsamkeit zu handhaben.

Zweiter Schritt: Nähen Sie die Augenlider und die Lippen zusammen. Auf diese Weise verhindern wir, dass diese sich verformen oder gar einreißen.

Dritter Schritt: Mit großer Vorsicht und sehr, sehr langsam die Haut am Hinterkopf einschneiden und vom Schädelknochen lösen.

Vierter Schritt: Kochen Sie die Haut in Wasser, dem Sie aromatische Kräuter, Baumrinde mit hohem Tanninanteil und nach Möglichkeit den Saft einer Liane beimengen, die unter dem Namen Chinchipi bekannt ist.

Zu diesem Zeitpunkt beginnen die Shuars damit, ihre Arbeit mit religiösen Tänzen und Gebeten zu begleiten. Dies ist kein unverzichtbarer Bestandteil der Herstellungsprozedur, aber ein schönes Detail und sorgt erst für die typische Atmosphäre. Die Begleitung wirkt mitreißend, vor allem dann, wenn Sie Zuschauer haben.

Fünfter Schritt: Wir wickeln die gegerbte Gesichtshaut um einen kugelförmigen, stark erhitzten Stein, den wir sozusagen anstelle eines speziell geformten Bügeleisens benutzen. Die Hitze sorgt dafür, dass die Haut sich nach und nach zusammenzieht, sozusagen schrittweise eingeht. Der Stein sollte dabei immer wieder durch einen kleineren ersetzt werden, solange bis die gewünschte Größe des Werkstücks erreicht ist. Wichtig dabei ist, dass alle Steine heiß sein müssen.

Sechster Schritt: Zusammennähen, schwarz bemalen, mit Öl bestreichen und die Haare frisieren – fertig!

Stellen Sie Ihren Schrumpfkopf in einer Vitrine am schönsten Platz Ihres Heims aus oder machen sie ihn ihren besten Freunden zum Weihnachtsgeschenk. Das Fest steht sowieso schon wieder vor der Tür, stellen Sie also am besten gleich mehr als nur einen Schrumpfkopf her. Übung macht den Meister. Das einzige, was Sie dazu benötigen sind ein paar Köpfe; je frischer, desto besser. — Dies ist wahrscheinlich der schwierigste Punkt beim Schrumpfen von Köpfen. Zwar liegt es nicht daran, dass Köpfe eine Seltenheit wären, sondern an einem gravierenden Mangel an Kooperationsbereitschaft auf Seiten der Köpfeinhaber. Meist versteifen sie sich darauf, ihre Köpfe auf den Schultern zu behalten, obwohl die große Mehrheit sie eigentlich so gut wie nie gebraucht.

Ich bedanke mich herzlich beim Plüschtier für das tolle Rezept.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1188626401

Kommentare

KaschBär?

Link zu diesem Kommentar KaschBär, 3.9.2007 um 22:39 h:

Mein lieber Ulf,

das ist doch wahrlich mal ein ausgesprochen nettes, höchst dekoratives und vorallem sehr intimes Geschenk, gerade für den ehemaligen Besitzer eben jenes Hut-/Kappenständers oder Kopftuchhalters. (Ja, es gibt auch männliche Kupftuchträger ;-) ) Allerdings nimmt die Beschaffungskriminalität erschreckend zu, man braucht ja nur in den Irak oder nach Afghanistan zu schaun. Ob da jemand das Weihnachtsgeschäft forcieren will??

Grüße vom ollen KaschBär ;-)

blogotronic?

Link zu diesem Kommentar blogotronic [@], 4.9.2007 um 16:41 h:

jetzt muss ich nur noch herausfinden, welcher bäume rinde den höchsten tanninanteil hat. ähm, ja: und natürlich einen kopf erbeuten.

(erste versuche mit dem blasrohr waren nicht gerade vielversprechend)

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 5.9.2007 um 21:55 h:

Werte Herren, es ist mir ein Fest, euch hier zu lesen. Musste ich doch befürchten, dass bald alle Kommentatoren vergrault würden, nachdem ich unlängst meinen Türsteher wieder einmal dazu anhalten musste, den Besuchern die Daumenschrauben fester anzuziehen. — Ich erwäge ernsthaft, ein kreatives Script zu entwickeln, das die geistlosen Köpfe dieser lästigen Dosenspammer schrumpft. An derlei Köpfen herrscht nun wahrlich kein Mangel!

Ob sie allerdings Kopftücher tragen oder heftig auf Pfeilgift reagieren, wage ich nicht zu beurteilen. In letzter Zeit haben die Kerle meist griechische Nicknames. Vielleicht handelt es sich dabei aber auch um einen besonders abgefeimten Vertuschungsversuch chinesischer Hacker. (Gerate ich gerade in den Verdacht, an Verfolgungswahn zu leiden? Pekingtrojaer allüberall auf den Tanninspitzen?)

Apropos: Tannine findet man übrigens außer in Weintrauben auch im Holz und der Rinde von Eichen und Kastanien, in den Hülsen des Divi-Divi-Baumes, in Sumachgewächsen, Myrobalanen, Trillo, Valonea, Blutwurz sowie in pflanzlichen Gallen. Diese Stoffe werden außerdem von Akazien wie der Verek-Akazie produziert, um potenzielle Fressfeinde abzuschrecken. Tannine sind auch im Hopfen sowie in Schwarzem und Grünem Tee enthalten, werden bei Tee allerdings als Catechine bezeichnet.

Man kann also durchaus kulinarische Kreativität beweisen beim Würzen des Gerbsudes.

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