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Mittwoch, 10.10.2007

Brave New World

Beschaffungsmaßnahmen

Am vergangenen Wochenende begab es sich, dass wir ins Kleine Schauspiel in Frankfurt einfielen. Das Kleine Schauspiel würde andernorts wahrscheinlich Kammerspiele heißen, gegeben wurde das Stück »Männerbeschaffungsmaßnahmen« von Dieter Loeffler, einem Kahlkopf mit Bauchansatz im karierten Hemd, der am Klavier saß und kompositorisch verantwortlich zeichnete für einen Liederabend mit fünf, na ja, sagen wir mit viereinhalb Frauen.

Machen wir es kurz: Der Liederabend endete mit frenetischem Beifall, mit Standing Ovations für das Ensemble, das über eine halbe Stunde hinweg immer wieder zurück auf die Bühne gezwungen wurde und bis zur körperlichen Erschöpfung Zugaben singen musste.

Mein eigenes, anfänglich ungläubiges Staunen hatte sich längst zuvor in begeistertes Gelächter gewandelt, spätestens als eine der Damen singend ihr Geständnis ablieferte: Als sie ihrem Liebhaber im rechten Moment die Frage aller Fragen stellte, »woran denkst Du?«, habe dieser geantwortet: »Homebanking« …

V.o.n.u.: Angela (Katharina Linder), Chantal (Bert Tischendorf), Sabine (Pe Werner) bei der Männerbeschaffung

Auffällig war übrigens, dass keine der frustrierten Frauen auf der Bühne während des ganzen Stücks auch nur in Versuchung kam, sich eine Trostzigarette anzustecken. Undenkbar dies, auch nur vor einem Jahrzehnt; welcher Regisseur hätte bis vor ein paar Jahren einer solchen gestischen Manifestation der Befindlichkeit widerstehen können?

Aber wie auch immer: Beschwingt durch die Männerbeschaffungsmaßnahmen begaben wir – eine elfköpfige, schnatternde Hydra – uns anschließend zu Fuß ins kaum viertelstündig entfernte Café Metropol.

Man stelle sich vor: Samstagabend in der Mainmetropole, das Metropol in zentraler Lage, studentisch-bürgerliches Einzugsgebiet, laue herbstliche Temperaturen. Ehrlich gesagt hatten wir mit Problemen gerechnet, einen Tisch für unsere Hydra zu bekommen. Doch siehe da, die Kneipe war praktisch leer! Vereinzelt saßen Pärchen oder Trios an Tischen, der Großteil des Gastraumes jedoch war unbesetzt. Dafür aber roch es gut. Oder sagen wir besser: Es roch nicht nach Zigarettenqualm, der zuvor fester Bestandteil des Metropolschen Interieurs gewesen war, zumal da eine ausreichende Belüftung nicht gerade zu den Stärken dieser Kneipe gehört. — Halten wir fest: fünf Tage nach Inkrafttreten des Rauchverbotes in hessischen Gaststätten war das Café Metropol rauchfrei, aber gastarm.

Unser Kellner berichtete, das sei schon die ganze Woche über so gelaufen, prophezeite dem Lokal jedoch trotzdem goldene Perspektiven, da in rauchfreier Zukunft ganz bestimmt viel mehr Gäste kommen würden als früher. Zweifellos ist der Mann ein Optimist, aber genau solche Leute brauchen wir ja in diesem unserem Land des Jammerns und des Heulens und des Zähneklapperns. Ich wünsche ihm, er möge Recht behalten, habe jedoch meine Zweifel, ganz ehrlich gesagt. Auch wenn der besagte Abend sogar für mich, den noch immer nicht konvertierten Quarzer, durchaus gewinnbringend war. Ich habe mir bestimmt einen Euro Zigarettengeld und etwa drei bis sechs Euro für weitere Getränke gespart, die ich nicht getrunken habe, weil es nichts zu Rauchen dazu gab.

Beim Gehen, kurz nach Mitternacht habe ich ihn dann entdeckt. Draußen im Freien, ein paar Meter abseits der Eingangstüre stand ein Barhocker und darauf der Aschenbecher für Verzichtsmuffel. Ein paar Kippen lagen tatsächlich auch drin, konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unweigerlich zu Ende geht mit dem Rauchen.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Wirte aus dem Frankfurter Kneipenviertel Sachsenhausen veranstalten seit vergangener Woche »Montagsdemos« gegen das Rauchverbot, Dresden und Leipzig lassen grüßen. Die Gastronomin Luzie Hartel verteidigt auf der Website ihrer Nachtkneipe ein Lebensgefühl: »Jede Nacht ne' Party, alle qualmen die Bude voll […] ABER WIR LIEBEN ES!« Sogar ein eigenes Weblog haben die überzeugten Kneipenraucher ins Leben gerufen.

Ob das alles etwas nützen wird? Ich bin skeptisch und angesichts des restriktiven Zeitgeistes gespannt, wie lange zum Beispiel das ehrwürdige Wochenblatt Die Zeit die anachronistisch anmutende Rubrik Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt durchhalten wird.

Nach fünfhundert Jahren Auf und Ab um den Tabakqualm scheint nun auch den letzten Feuerzeugen endgültig das Gas auszugehen. Aber solange die Sargnägel nicht vollständig verboten werden, bleiben wir Raucher eben zu Hause und denken bei der Zigarette danach an … Homebanking.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1191992401

Kommentare

Finola?

Link zu diesem Kommentar Finola, 10.10.2007 um 14:40 h:

Du erwartest jetzt aber nicht wirklich Mitleid, oder?

Also ich bin Nichtraucher und froh das nicht mehr gequalmt werden darf. Meines Erachtens nach hätte es aber auch gereicht den Nichtraucherschutz auf Gaststätten und Restaurants zu beschränken. Nichts ist ekeliger als gerade eine Gabel mit leckerem Mampf in den Mund zu schieben und dabei eine Zigarettenwolke vom Nachbartisch durch die Nase ziehen zu müssen.

Ich denke mit den Rauchern ist es wie mit allen anderen Gruppierungen auch: ein paar unverbesserliche Idioten versauen es der ganzen Truppe weil sie sich nicht benehmen können und Rücksicht ein Fremdwort ist.

Das erste worauf mich ein Bekannter angesprochen hat als wir uns zufällig begegnet sind und ich gerade in SGE-Tracht war: Du gehst ins Stadion? Da gibt es doch immer Schlägereien! Nein, nicht die Freude am Fußballspiel fällt ein sondern gleich das negative Benehmen einiger weniger Deppen. Leider bekommen die oft mehr Medienaufmerksamkeit als die restlichen 96 % die sich benehmen.

Warum soll's den Rauchern besser gehen als den Fußballfans.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 10.10.2007 um 21:29 h:

Nein, bitte kein Mitleid! — Ich betrachte das Gewürge ohne eigene Präferenz, weil ich die Argumente von Nichtrauchern durchaus gut heiße.

Allerdings fällt es mir als Verfechter der Selbstbestimmung schwer zu akzeptieren, dass man den Gastwirten nicht die Entscheidung lässt, das ist mir zu viel staatliche Einmischung.

Wenn schon Rauchverbot, dann bitte ganz: Zigaretten konsequent verbieten und bewusst auch auf die Steuereinnahmen verzichten. Aber dann wäre wohl als nächstes auch der Alkohol an der Reihe, wenn man wirklich konsequent dächte. Und abgesehen davon, dass ich ein Alkoholverbot für kaum durchsetzbar halte, ginge mir der ganze Aktionismus auch viel zu sehr in Richtung Orwellstaat.

Aus diesen und keinen anderen Gründen hege ich Sympathien für die Kneipenraucherfront.

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