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Dienstag, 13.11.2007

Elektrodomestiziert

Herr Mens geht unter Leute

»Will you still need me, will you still feed me, when I'm sixty-four« — Die Zeilen des legendären Beatles-Refrains geisterten ohrwurmhaft durch meine Gehirnwindungen und schafften es beinahe bis zu meinen Stimmbändern, als ich vor ein paar Tagen mit zwei Tüten voll Leergut in den Händen die Kellertreppe hinunterstapfte. Wie in aller Welt kam ich plötzlich auf diesen Song? Im Radio war er nicht gelaufen, unser CD-Spieler ist seit Jahren im Eimer und mein Plattenspieler hatte bereits im Jahr 1991 seinen Geist in der Seeluft Barcelonas aufgegeben.
Erst als ich damit beschäftigt war, leere Flaschen in die Getränkekisten einzusortieren, wurde mir schlagartig klar, was – oder besser wer – die Erinnerung an den musikalischen Klassiker hervorgerufen hatte. Das Aggregatbrummen meines Freundes Mens war hier unten aus direkter Nähe zu vernehmen. Ohne Zweifel summte mein Kühlschrank gerade »when I get older, losing my hair«, und ich ertappte mich bei dem irrationalen Gedanken an ein Elektrogerät mit Haarausfall.

Was wollte mir mein Freund Mens zu verstehen geben? Ich drehte mich um und blickte ihn erwartungsvoll an. Da stand er mit Unschuldsmiene an seine Kellerwand gelehnt und summte vor sich hin.
»Sie, Herr Mens, sind Sie in der Midlife-Krise?«, wollte ich wissen.
»Ach«, erwiderte mein Freund, »ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Brossmann. Aber nach so vielen Jahren in Ihren Diensten, fragt man sich eben, wie lange das noch gut gehen wird. Man hört so viel von schwer vermittelbaren arbeitslosen Älteren.«

Als ich in der Pause, die Mens einlegte, nicht das Wort ergriff, fuhr er fort: »Ich finde, Sie sollten mir die Möglichkeit einräumen, mich auch einmal anderswo dienstbar zu machen, Kontakte zu knüpfen, mich zu bewerben.«
Damit war es heraus. Herr Mens fühlte sich vernachlässigt, seine ungewisse Zukunft schwebte wie ein Damoklesschwert über ihm, obwohl rein physikalisch zwischen Mens und der Kellerdecke nicht mehr als ein kleines Taschenmesser Platz gehabt hätte.

»In letzter Zeit sind doch soziale Netzwerke im Internet in aller Munde, Herr Brossmann.« Mein Freund sprach jedes Wort langsam und deutlich aus. Unmissverständlich. »Lassen Sie mich einen Account bei Xing einrichten. Oder vielleicht bei Facebook, da hört man viel Gutes von; angeblich laufen die kalifornischen Geeks derzeit scharenweise von Google zu Facebook über, ein Lebensgefühl soll das sein, kein bloßes Internetportal. Oder wie wäre es mit einem gewissen elitären Touch? Bildung kommt immer an, das gilt sicher auch im Fall von Kühlschränken. Ich könnte mir gut vorstellen, mich bei StudiVZ anzumelden, wollte schon immer mal wissen, wie sich Gruscheln anfühlt.«

Erstaunt blickte ich meinen Freund an. »Woher wissen Sie eigentlich vom Gruscheln? Und außerdem ist mehr Schein als Sein nicht unbedingt eine vertrauensbildende Maßnahme. Wenn erst bekannt wird, dass Sie nie auch nur eines Ihrer höhenverstellbaren Füßchen in eine Universität gesetzt haben, können Sie die Kontaktanbahnung beim Studentenverzeichnis direkt knicken.«
Missbilligend begann Mens zu brummen, doch ich ließ mich nicht unterbrechen. Jetzt war ich in Fahrt geraten.
»Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass Sie bei Xing gut ankommen würden. Das ist dort eine Ecke zu businessmäßig für einen Kerl wie Sie. Sie haben schließlich eher die Qualitäten eines stets bereiten Butlers, nicht die einer Heuschrecke … äh, Verzeihung: die eines mit allen Wassern gewaschenen Managers.« Das menssche Brummen verstummte.

War mein Freund nachdenklich geworden, oder war er eingeschnappt? Rasch schob ich einen versöhnlichen Versuchsballon nach.
»Mit Ihren beeindruckenden Sprachkenntnissen wäre vielleicht Facebook das Richtige für Sie, dort läuft ohne Englisch nichts. Außerdem ist es bestimmt auch nicht so langweilig wie bei Xing.«
»Lassen Sie es gut sein«, fiel mir auf einmal Mens ins Wort, »Xing ist sowieso nicht so mein Ding. Aber dass ich mich nicht mal von einer jungen, hübschen Studentin grüßen und kuscheln lassen soll – dies bedeutet nämlich ›gruscheln‹, das weiß ich wohl –, das versetzt mir dann doch einen Stich in meiner gefühlvollen Seele. Ich werde langsam alt, Herr Brossmann. Wissen Sie eigentlich, dass Elektrogeräte im Allgemeinen und Kühlschränke im Besonderen mindestens sechsmal so schnell altern wie Menschen?«
Noch bevor ich meine Überraschung überwinden und die notwendige Kopfrechenarbeit beenden konnte, fuhr Herr Mens fort: »Ja, nach Ihren Maßstäben bin ich schon sechzig. Und glauben Sie nicht, Herr Brossmann, dass die jahrelange Arbeit in dieser Mine hier unten meinen Gesundheitszustand positiv beeinflusst hätte.«

Auf den Seitenhieb hatte ich längst gewartet. Seinen Arbeitsplatzwechsel von der Küche in den Keller hatte Herr Mens bis zu diesem Tage nicht verknusen können. Deshalb konnte ich ihn auch gut verstehen. Meine steten Beteuerungen, ich würde ihn nicht ausmustern und er würde sich bei mir immer das Gnadenbrot verdienen können, reichten Herrn Mens nicht aus. Vielleicht war es tatsächlich nur recht und billig, ihn noch einmal etwas erleben zu lassen?

»Wissen Sie was, Herr Mens?«, rief ich ein wenig zu laut in die traurige Stille hinein, die nach seinen letzten Worten entstanden war. »Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass Facebook das Richtige für Sie wäre. Das ist eine Spielwiese für avantgardistische Internetjunkies, für Early Adopters. Tausend tolle Funktionen gibt es dort, und jeder kann an allen Ecken und Enden sein Ding dranstricken. Ich glaube nicht, dass Sie dort glücklich würden. Lassen Sie mich Ihnen einen Vorschlag machen.«

Augenblicklich verstummte das leise menssche Summen, das während meiner Ausführungen aus der Stille heraus entstanden war. Ich hatte die volle Aufmerksamkeit meines Freundes. »Wie wäre es mit MySpace, Herr Mens? Ich weiß schon, dort treiben sich fast nur ganz junge Leute herum und Sie sind immerhin sechzig. Dafür aber haben die allein dreieinhalb Millionen deutsche Mitglieder, und mehr als die Hälfte von denen sind Mädels.«
»Ja, und dann der ganze Trubel«, Mens sprach ganz langsam, war wohl ins Träumen geraten. »Jede Menge Stars, Sternchen und solche, die es werden wollen. Und die vielen bunten, blinkenden Bildchen auf den Profilseiten. Ich glaube, dort könnte ich mich wohl fühlen. Und bis ich einmal so weit bin, dass ich hier meinen Dienst nicht mehr klaglos verrichten kann, was sicher noch Jahre dauern wird«, jetzt sprühte endlich wieder Zuversicht aus der Stimme meines Freundes, »bis dahin sind die MySpace-Girlies auch schon junge Mamas, die vielleicht einem alten Kühlschrankopa dankbar die Türe auf- und zuklappen werden, weil sie gar nicht das Geld für neue Elektrogeräte haben.«

»Meinen Sie denn, Herr Brossmann, wir könnten? Sie würden? Es wäre möglich, dass …?« — Und so kam es, dass Herr Mens nun über eine eigene Webseite bei MySpace verfügt. Dass ich es auch bei Facebook versucht habe, die Anmeldung eines Kühlschrankes dort aber nicht akzeptiert wurde (Sorry, you are ineligible to sign up for Facebook), binde ich ihm vorsichtshalber nicht auf die frostige Nase, meinem treuen Freund Mens.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1194933601

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 13.11.2007 um 9:21 h:

ach Herr Brossmann, Sie sind wirklich ein Schatz, weil Sie Herrn Mens einen Internetzugang und Familienanschluss auf seine alten Tage garantieren.Das er Ihren Keller als Mine bezeichnet hat, ist sicherlich nur eine momentane Frustration im Gehäuse.Dann dürfen wir jetzt also gespannt sein, wie Herr Mens nunmehr seine Karriere in
MySpace beginnt und an allen Ecken und Enden SEIN Ding 'ranstrickt ?

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 22.11.2007 um 1:14 h:

Na ja, was Herr Mens aus seinem Ding macht, darauf dürfen wir gespannt sein. Frustriert ist der Kerl jedenfalls schon seit Jahren. Und außerdem ist er bekanntermaßen schnell eingeschnappt. Aber er kühlt wie Hölle … =:o)

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