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Dienstag, 11.12.2007

Brave New World

Konsum 2007

Das zurückliegende Jahr war das Jahr des Aufschwungs: Hurra, endlich ist die Depression überwunden! Wir konnten wieder unbeschwert konsumieren. Zumindest ein paar Monate lang. In Kürze, so warnen die Wirtschaftsweisen, wird es vorbei sein mit mit der wirtschaftlichen Erholung. Bis dahin aber sollte ich mal so richtig einkaufen und der Industrie auf die noch wackeligen Beinchen helfen.

CrocsMeine eigenen Beinchen sollte ich zu diesem Zweck beispielsweise in Gummisandalen stecken. In vielen Farben gibt es die Crocs, auf die der moderne Fußfetischist abfährt wie einst Schumi im Ferrari. Damit sich ein jeder von der Masse der uniformen Sandalenträger abheben kann, gibbets Jibbitz, die man in die Lüftungslöcher der Schlappen pfropft. Früher hätte man solche Steckteile Pins genannt, und noch füher vielleicht Anstecknadeln. Die Jibbitz für die Gummilatschen sind aber ganz was anderes, es soll sie sogar mit Edelsteinbesatz geben.

Zumindest edel ist auch der letzte Schrei der mobilen Kommunikation. Wer etwas auf sich hält, trägt kein schnödes Handy mit sich herum, sondern ein iPhone.

ApplePhoneVierhundert Euronen blättert man hin, um in die Riege der Avantgardisten aufgenommen zu werden, die sich mit einem iPhone schmücken. Für diesen Betrag erhält man einen Flachmann mit großem Glasfenster, auf dem man zum Zwecke digitaler Kommunikation mit allen Fingern der Hand wischende Bewegungen vollzieht wie Wahrsagerinnen auf ihren nebelgefüllten Glaskugeln. Der horrende Kaufpreis und die satten Monatsgebühren des deutschen Anbieters T-Mobile lassen die Kosten für jeden Fingerwisch über die Glasscheibe in astronomische Höhen schnellen. — Goldfinger! (Der geneigte Leser stelle sich hier bitte die musikalische Begleitung des Textes durch Shirley Bassey vor.)

Möglicherweise noch bewegungsaktiver als das iPhone ist Nintendos Spielmaschine Wii. Die kam zwar bereits Ende 2006 auf den Markt, erreichte ihren verkaufstechnischen Höhenflug aber erst in diesem Jahr und steht deshalb hier auf meiner Liste.

Nintendos WiiVerspielte Zeitgenossen können sich an den Ausläufern dieser Konsole im wahrsten Sinn des Wortes austoben. Zur Bedienung gehört nämlich nicht nur schlappes Knöpfchendrücken, sondern schwungvolle Aktion an der Wiimote und dem Nunchuk. Zum Tennisspiel schwingt man die Bedienelemente fast wie echte Schläger, und beim Abschießen von Spielpfeilen zischt das Geräusch von der Fernbedienung in Richtung Bildschirm. Die Frage, warum ich nicht lieber gleich zum Tennis auf den Court, oder zum Bogenschießen nach draußen gehen soll, hat mir allerdings niemand beantworten können.

Auch der oft geäußerte Einwand, dass das Verletzungsrisiko beim Wii-Match im Wohnzimmer nicht viel geringer ist als auf dem roten Ascheplatz, blieb bis heute ohne überzeugende Erwiderung. Das Ding ganz links im Bild ist übrigens der Nunchuk. Der hat nichts mit Basketballstiefel tragenden Nonnen zu tun, wie ich zunächst gemutmaßt hatte. Vielmehr verweist der Begriff auf das Nunchaku, eine mörderische Waffe, die mir zu Jugendzeiten als »Tschakko« bekannt war und zur Ausstattung der üblen Schläger im benachbarten Valley's gehörte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn wir aber schon bei der Vergangenheit sind, kann ich gleich noch ein weiteres Produkt aufführen, das uns 2007 ans Käuferherz gelegt wurde: den neuen Fiat Cinquecento.

Fiat 500 reloadedNach dem neuen VW Käfer und dem neuen Mini Cooper bescherte uns nun auch der Autobauer Fiat eine Neuauflage seiner kultigen Rennsemmel aus den sechziger Jahren. Wer sich unbedingt in Verklärung der Vergangenheit ein Stück Retrooptik zulegen möchte, ist bestimmt gut bedient mit dem automobilen Italoei.

Aber machen wir uns nichts vor: Die Zeiten, in denen man dauergewellt und ohne Helm im Kleid und Damensitz auf dem Vesparücksitz, oder zu fünft wie Sardinen in ein unterdimensioniertes Automobil geschichtet auf große Fahrt ging, sind unwiderruflich vorüber. Ich denke jedenfalls nicht daran, mich mit Gummipantoffeln an den Füßen neben mein Gepäck in ein Minimobil zu quetschen und dabei mit wirbelnden Fingern die Zukunft auf flach geplätteten Glaskugeln heraufzubeschwören. Und darüber hinaus weigere ich mich, in meinem Wohnzimmer Tennis zu spielen.

Sicher heißt es jetzt wieder, ich sei ein Spielverderber, der nicht nur selbst den wirtschaftlichen Aufschwung boykottiert, sondern durch sein blödes Geschwätz darüber andere davon abhält zu konsumieren. Aber das stimmt nicht. Ich bewege mich durchaus auf der Höhe der Zeit, und retro bin ich auch: Die Karrosse vor meiner Haustür ist immerhin zwölf Jahre alt. Und weiß! Also bitte.

Im Übrigen winke ich euch jetzt gleich weiter durch bis zur Kasse. Kauft das Zeuchs da oben, es muss raus aus den Regalen. Platz machen für Neuware in 2008.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1197352801

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 11.12.2007 um 8:17 h:

Danke für die weihnachtliche Konsumführung.....
Ich hatte mir allerdings erhofft von dir einen Wunschzettel vorzufinden mit den Dingen an denen dein Herz hängt.
Vielleicht sucht noch der ein oder andere Blogger noch ein Geschenk für dich. Muss ja nichts medientechnisches sein.
Wie wäre es z.B. mit Telefonterror beim Bauheinz seitens der Leserschaft, damit dieser in die Hufe kommt?
Oder soll es lieber etwas selbst-gestricktes/gebasteltes/gebackenes sein ?

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 11.12.2007 um 23:50 h:

Ach, nein danke, Frau Muschel. Was ich brauche, das habe ich bereits. Vielleicht sogar mehr als mir lieb sein soll. Die Idee mit dem Telefonterror bei Bauheinzens klingt zwar apart, aber ich sehe (noch) nicht die Notwendigkeit dazu. Belassen wir es einfach bei einem schlichten, verbalen Weihnachtsgruß; an mich, nicht an Heinz &hellip=;oD

Kristof?

Link zu diesem Kommentar Kristof [@], 12.12.2007 um 13:42 h:

Dein Blog bezichtigt mich des Spams! :(

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 12.12.2007 um 23:04 h:

Ach du liebes bisschen! Tut mir echt leid, Kristof. Habe deinen Kommentar eben aus dem Spamprotokoll gefischt und mach ihn gleich hier drunter rein. Sorry, mein Torwächter hat dich leider nicht erkannt und ist deshalb wahrscheinlich in wüste Beschimpfungen ausgebrochen. Ich entschuldige mich hiermit in aller Form für seine Ausdrucksweise. Er ist halt ein grober Klotz und manchmal ein wenig übereffizient …

Kristof?

Link zu diesem Kommentar Kristof [@], 11.12.2007 um 20:07 h (restauriert):

Es gibt sie noch, die preiswerten Konsumgüter!

Finola?

Link zu diesem Kommentar Finola, 13.12.2007 um 8:41 h:

Na ja, wenn man doch aber Technikfan ist? So ein iPhone würde mir auch gut zu Gesicht stehen. Ist mir nur zu teuer und ich hab' schon so viel moderne Technik bei mir zuhause rumstehen. Sicher könnte ich schwach werden wenn das Ding in zwei oder drei Jahren überholt und damit billiger ist.

Was Weihnachtskonsum angeht, dem verweigere ich mich erfolgreich die letzten paar Jahre. Selbstgebackene Plätzchen und wenige Kleinigkeiten für meine Eltern - die nicht einsehen wollen das alles nur noch Kommerz ist und ohne Geschenk beleidigt wären.

Hmmm, ich überlege gerade wie ich dir ein paar digitale Selbstgebackene zukommen lassen könnte. Ob die wohl schmecken ;-)

Kristof?

Link zu diesem Kommentar Kristof [@], 13.12.2007 um 13:45 h:

Ulf, du mußt dich nicht entschuldigen, ich kenne doch die Tücken der Technik. Und besser, ich werde hin und wieder von deinen Bodyguards angemault, als dass hier die Wände mit Geschlechtsteilverlängerungswerbung besudelt wären.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 14.12.2007 um 21:59 h:

@Finola: Digitale Plätzchen? Schick doch mal ein Foto, das bau ich dann hier ein, und wir trinken alle digitalen Glühwein zur digitalen Backware.

@Kristof: Sehr geschickt gewählt, dein drittletztes Wort. Wunderbar hast du dich um alle Reizwörter herumgeschlängelt, die meinen Türsteher erneut in ein cholerisches, die Neunschwänzige schwingendes Monster verwandelt hätten.
(Glückwunsch übrigens zur Erfindung des Donuttransporters. Hassu schon mit Tupperware telefoniert zur Lizenzverhandlung? 1 Cent an Kristof für jeden Donatupper?)

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