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Donnerstag, 31.1.2008

Man's Best Friend

Statistische Musik

Wer ist denn nun des Menschen bester Freund? Der Hund? Oder die Musik? Oder doch eher des Bloggers liebste Katze? — Reine Geschmacksfrage? Verbindliche Antworten auf derlei Fragestellungen versuchen seit Menschen Gedenken Statistiker zu geben. Auf der Basis von Umfrageergebnissen werden dabei die gewagtesten Hypothesen aufgestellt und dem Wissbegierigen als engültige Wahrheiten präsentiert.

Unterhaltsam wird es meist, wenn Statistiker sich daran machen, aus Umfragen menschliche Durchschnittsprofile zu destillieren: Welche Erwartungen hegt der durchschnittliche Wähler? Oder: Was legt der Durchschnittskonsument in seinen Warenkorb? Oder: Welche Musik hört mensch am liebsten?

Die CD zur Erhebung: The Most (Un)Wanted SongDer letztgenannten Fragestellung sind die Herren Dave Soldier, Komar und Melamid in akribischer Manier nachgegangen. Aus einer höchst repräsentativen Umfrage unter fünfhundert Teilnehmern zogen sie Schlüsse zu musikalischen Vorlieben der Menschheit, beantworteten also die Frage nach Man's Best Friend nicht auf Makro-, sondern auf Mikroebene bezogen auf den musikalischen Kosmos.
Die gewonnenen Erkenntnisse beinhalten etwa, dass beliebte Musikstücke ungefähr fünf Minuten dauern, im Text von der Liebe handeln und maßvoll mit Tonlage, Tempo und Lautstärkeschwankungen umgehen. Am untersten Ende der Beliebtheitsskala stehen Instrumente wie Akkordeon, Dudelsack und Orgel, atonaler Soprangesang und Muzak (Kaufhausgedudle) – Details siehe im Gesamturteil unten *.

Große Statistik. Wahrlich eine Eröffnung. Doch mit dem theoretischen Ergebnis haben sich die drei Herren nicht zufrieden gegeben. Die oben abgebildete CD-Hülle hat den furchtlosen Leser dieser Kolumne sicher bereits vorgewarnt: Dave Soldier setzte die Theorie in zwei Kompositionen um, indem er einfach alle »Zutaten« für gute Musik in den einen Topf und die für schlechte Musik in einen zweiten Topf warf und jeweils kräftig umrührte. Das schlechteste Musikstück aller Zeiten habe ich via Jens bei Mario gefunden; besten Dank auch für Hinweise und Rezension. Tatsächlich gehört die Komposition zum Ungewöhnlichsten, das je an meine Trommelfelle geklopft hat. Ich bin davon überzeugt, dass sich vielen Menschen nach dem Hörgenuss eine ganz neue Interpretation des Begriffs »Katzenmusik« erschließt.

Mein persönliches Urteil wird die Leserschaft wahrscheinlich verwirren: Ich finde den Song gar nicht mal schlecht. Zugegeben, es gibt ein paar Sequenzen, da sträuben sich auch mir die Haare. Aber wenn ich das Stück erst noch ein paar Male gehört habe, werde ich womöglich zum Fan. Man mag nun gerne einwenden, dass man von jemandem, der Joanna Newsom mag, nichts anderes erwartet hätte.
In meinen Augen aber stützt das unglaubliche Werk eine These: Statistik ist der vollkommen untaugliche Versuch des Menschen, unerklärliche oder nur schwer fassbare Unterschiede und Vielschichtigkeiten zu durchleuchten und zu quantifizieren.
Den Verdienst von Komar & Melamid und Dave Soldier sehe ich in der gelungenen Persiflage auf eine mathematische Disziplin, die deren Grenzen sehr schön deutlich macht.

Ganz große Musik. Grandios. Muss ich gleich nochmal hören.

*) Übersetzung von Dave Soldiers Interpretation der Erhebung (notes by the composer):
»Die Befragung bestätigt die Hypothese, dass aktuelle Popmusik in der Tat eine präzise Einschätzung der Wünsche der Bevölkerung erlaubt. Das beliebteste Ensemble, bestimmt durch eine Bewertung der Teilnehmer auf Basis ihrer Lieblingsinstrumente im Zusammenspiel, besteht aus einer mäßig großen Gruppe (drei bis zehn Instrumente) die sich zusammensetzten sollte aus Gitarre, Klavier, Saxophon, Bass, Schlagzeug, Violine, Cello oder Synthesizer, und begleitet werden könnte von leisen männlichen oder weiblichen Gesangsstimmen im musikalischen Stil des Rock oder Rythm'n'Blues. Die bevorzugten Songtexte erzählen eine Liebesgeschichte, die beliebteste Hörumgebung ist das eigene Zuhause. Das einzige Merkmal in Bezug auf die Songinhalte, das sich sowohl in den Aufzählungen zu musikalischen Vorlieben wie in denen zu Ablehnung gleichermaßen findet, ist der Begriff der ›intellektuellen Stimulation‹. Die meisten Teilnehmer mögen Musikstücke in maßvoller Dauer (ungefähr fünf Minuten), in mittlerer Tonlage, gemäßigtem Tempo sowie mäßiger bis hoher Lautstärke; Alternativen zu diesen Qualitäten werden gänzlich abgelehnt. Wenn die vorliegende Erhebung eine zutreffende Analyse der genannten Faktoren für die Menschheit beinhaltet, und wenn wir weiterhin annehmen, dass die Akzeptanz eines jeden dieser Faktoren einer gaußschen Normalverteilung folgt, so wird die Kombination der Ausprägungen ein musikalisches Opus ergeben, das unweigerlich und unkontrollierbar von 72 Prozent der Zuhörer ›gemocht‹ wird (Standardabweichung plus minus 12 Prozent auf Basis des Kolmogorov-Smirnov Tests), sogar dann noch, wenn es in dem Stück zu Sinnesüberlastung und Stilbrüchen kommt.

Am meisten abgelehnte Musikstücke sind demnach über 25 Minuten lang, schwanken zwischen lauten und leisen, schnellen und langsamen Passagen, beinhalten extrem hohe und tiefe Tonlagen; jeder dieser Gegensätze wird in abruptem Wechsel dargeboten. Das unbeliebteste Orchester besteht aus einer großen Anzahl von Instrumenten, unter denen sich das Akkordeon und der Dudelsack befinden (beide Instrumente teilen sich mit jeweils 13 Prozent Abneigungsquote den letzten Platz in der Beliebtheitsskala) sowie Banjo, Flöte, Tuba, Harfe, Orgel und Synthesizer (dem einzigen Instrument, das sich sowohl in der Vorlieben- wie in der Ablehnungs-Instrumentenliste wiederfindet). Eine opernhafte Sopranstimme übt Sprechgesang oder singt atonale Sequenzen, untergemischt sind Werbemelodien, politische Parolen und Kaufhausmusik, ein Kinderchor singt Jingles und Feiertagslieder. Die unbeliebtesten Themen für Songtexte beziehen sich auf Cowboys und Urlaub, unbeliebteste Hörbedingungen sind unfreiwillige Berieselung mit Werbung und Kaufhausmusik. Aus diesem Grund kann belegt werden, dass weniger als 200 Individuen der gesamten Weltbevölkerung dieses Musikstück genießen würden, wenn man davon ausgeht, dass keine Kovarianz besteht – dass also zum Beispiel jemand, der Dudelsäcke ablehnt, mit gleicher Wahrscheinlichkeit Kaufhausmusik hasst, wie jemand, der Orgeltöne verschmäht.«
(Hervorhebung durch mich)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1201784288

Kommentare

Finola?

Link zu diesem Kommentar Finola, 1.2.2008 um 9:20 h:

Hmm, interessant. Dudelmusik finde ich cool in mittelalterlicher Musik die ich teilweise auch in der Rockversion mag. Gleichzeitig hasse ich das Kaufhaus- und Fahrstuhlgesülze. Mein persönlicher Musikcoctail wird noch gewürzt durch die Hingabe an guten alten Heavy Metal der 80er. Na? Analyse bitte wo bin ich denn angesiedelt he?

Richtig! Alles Humbug und Blödsinn diese Analysen. Vielleicht habe ich auch einfach nur genug Charakter um selten mal in ein Schema zu passen. Recht so, bin stolz drauf.

In diesem Sinne, schönes Wochenende Ulf.

PS: Sorry, habe es mit den digitalen Weihnachtskeksen nicht mehr geschafft. Die Hoffnung bleibt, daß es auch dieses Jahr wieder Weihnachten wird... :-))

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 1.2.2008 um 9:51 h:

wie wäre der Vorschlag den Kolmogorow-Smirnow-Text zu vertonen und diesen von Herrn Bush singen zu lassen,begleitet vom Chor der bei -D-sucht den Superstar 'rausgeflogenen Kandidaten und unterlegt vom Dudelsacksoli des Rentners Dieter B.aus Stenkelfeld ?
Das dürfte grandios zusammen harmonieren.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 2.2.2008 um 23:25 h:

Finola, ich sag ja: Statistik müsste man eigentlich mit ck schreiben. Und wegen der Weihnachtskekse nur keine Sorgen machen; der Januar ist ja schon wieder vorbei, der nächste Advent steht praktisch schon vor der Tür!

Frau Muschel, an Ihnen ist gewiss eine meisterliche Compositeuse verloren gegangen. Sie sollten sich beeilen mit Ihrem Werk, sonst geht dem Dieter womöglich die Luft aus bei seinem Dudelsacksolo.

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