Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Sonntag, 20.4.2008

Brave New World

Nabaztag

Oder: das armenische Karnickel

Früher war ich auch mal ein Early Adopter. Ich hatte zum Beispiel als einer der ersten so einen Psion Taschenbuch-PC. Heute gehöre ich eher zu den Late Grumblers, den »Späten Meckersäcken«. So habe ich erst mit zwei Jahren Verspätung von der Existenz des armenischen Karnickels erfahren.

Ich bin der Nabaztag, hab mich bitte lieb!

Dieser »bezaubernde und charmante Hase spricht, singt, spielt und tanzt das Internet«. Für schlappe 150 Euronen. Ohne dass mein PehZeh angeschaltet zu sein braucht. Das verspricht zumindest der Nabaztore.

Früher haben wir fern gesehen. Mit Sendeschluss, aber auch in der Hoffnung, dass das einmal ganz anders würde: Fernsehen ohne Grenzen. TV without limits. Jetzt ist es endlich anders, es gibt Fernsehen ohne Grenzen. Aber auf einmal will es keiner mehr haben.

Danach haben wir Internet geguckt. Mit vor Staunen offenen Mündern. In der Hoffnung, dass das einmal ganz anders würde. Dass wir selbst unseren Kram um die ganze Welt blasen könnten. Auch das ist dann passiert.

Aber so mancher Internetschreiberling will inzwischen nichts mehr von dieser ganzen Welt auf seinen Seiten wissen und denkt darüber nach, welche Tortenstücke des Planeten er von seinen Seiten fernhalten sollte. Und wie er sie fernhalten könnte, all die russischen, chinesischen, taiwanesischen, koreanischen, englischen und deutschen Spammer, die ihm den Feierabend versauen, weil sie nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als ihre Viagrabestände zu annoncieren.

Und weil wir keine Lust mehr darauf haben, unsere Mailaccounts, Foren und Weblogs anzuwerfen, nur um nachzusehen, wieviel Mist dort wieder eingegangen ist seit dem Vorabend, wollen wir am liebsten überhaupt nicht mehr per Bildschirm ins nette Netz gehen. Also stellen wir uns Plastikhasen auf Wohnzimmerschränkchen und Nachtkästchen, die mit unschuldig dreinblickenden, aufgemalten Knopfaugen den digitalen Türsteher mimen, mehrfarbig SOS blinken, uns dabei Wetterberichte oder Kurznachrichten vorlesen, von denen wir die Nase eigentlich längst voll haben, und E-Mails avisieren, die wir am Computer nicht mehr zu lesen wagen, weil sie inhaltlich doch wieder nur von blauen Pillen, Krediten oder prallen T*tten künden.

Den Nabaztag gibt es schon seit 2006 im Handel. Er ist stolze dreiundzwanzig Zentimeter groß (ohne Ohren), und sein merkwürdiger Name bedeutet »Hase« auf Armenisch. Er winkt mit seinen Ohren, die man auch austauschen kann gegen angesagtere Lauscher in vielen Farben oder mit Herzchen drauf, natürlich gegen Entgelt. Auch des Hasen Dienste will sich sein Vermarkter, die Firma Violet, bezahlen lassen, sobald sofern sie die internetten Hasenseiten irgendwann einmal fehler- und problemlos betreiben werden können, ohne die all die Plastikstatuetten keinen Mucks von sich geben.

Beim Besuch der Selbsthilfegruppen der Anonymen Nabaztagger wird rasch klar, dass das Ding seit zwei Jahren nicht so richtig funktioniert. Das liegt weniger an den Viechern selbst, als an den violetten Webservern, die massenhaft Information aggregiern und sekündlich an zigtausend Hasen verteilen sollen. Dies mag auch der Grund sein, warum nicht längst so ein Ding in allen Wohnzimmern und Büros herumsteht. Darüber bin ich ziemlich glücklich, weil ich gute Gründe habe, einen Karnickelerwerb abzulehnen.

Wie bereits Aristoteles zu vermelden wusste: »Was es alles gibt, das ich nicht brauche!«

 
Nachtrag am 21.04.2008: Haben Roboter Gefühle?

»›Wir interessieren uns dafür, wie Menschen im Alltag eine lang andauernde Beziehung zu künstlichen Wesen aufbauen können. Wir werden zwar noch nicht so bald Roboter sehen, die uns beim Spülen helfen, aber wir hoffen, herauszufinden können, wie eine solche freundliche Technik entwickelt werden kann, und vorauszusagen, wie die intelligenten Maschinen von morgen aussehen könnten und wie wir damit umgehen‹, erklärt Peter McOwan, Informatiker der Londoner Queen Mary University und Koordinator des Projektes. Für das auf viereinhalb Jahre angelegte Projekt hat die EU 8,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Beteiligt sind Wissenschaftler von zehn Universitäten aus sieben europäischen Ländern.«

»Der amerikanische Robotiker David Hanson behauptet übrigens von seinem Roboter Zeno, dass er bereits über Emotionen und eine Persönlichkeit verfüge.«

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1208674801

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 24.4.2008 um 8:35 h:

Der Roboter soll doch eigentlich auf Befehle hin funktionieren, ohne zu widersprechen, zu hinterfragen und ähnliche "lästige" , menschliche Eigenarten...
Warum versucht der Mensch dann andererseits, einer Maschine menschliche Emotionen und -Seele- einzugeben, wenn es genau das ist, was die Kontrolle über die Maschine verhindert.
Ich persönlich finde es nicht angenehm mir vorzustellen, wie ein Robotermaschinenmensch anfängt sich zu verlieben,zu ärgern, beleidigt zu sein etc.
Bei den Tieren versuchen wir doch auch eine Vermenschlichung zu vermeiden.
Wenn man Interaktion im zwischenmenschlichen
Bereich sucht, kann man sich doch an seinen Mitmenschen versuchen.
DAS ist dann (anstrengend) genug und dafür findet mancheiner ja schon keine Zeit mehr........

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 24.4.2008 um 22:08 h:

Urtraum oder Trauma der Menschheit: göttliche Genesis nachzuvollziehen und Dingen menschliches Verhalten und menschliche Reaktion beizubringen.

Vor über zwanzig Jahren, ganz zu Anfang meiner beruflichen Tätigkeit, haben wir uns an sogenannten »Expertensystemen« versucht, die Antworten auf Fachfragen geben sollten, wie es bis dahin nur menschliche Experten konnten. An der Uni habe ich damals ein Expertensystem zur Auswertung von Elektrokardiogrammen gebastelt. Das hat alles nicht so funktioniert wie geplant.

Aber schon damals war der Turing-Test dreißig Jahre alt: Kann ein Mensch im Dialog mit einem (nicht sichtbaren) Gegenüber feststellen, ob dieser Gesprächspartner Mensch oder Maschine ist?

Bis jetzt hat noch keine Maschine den Test bestanden. Trotz des ausgelobten Preisgeldes. Aber aufgeben werden wir es wohl nie …

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