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Freitag, 25.4.2008

Polit·Ticker

Hoch auf dem gelben Wagen

Hand aufs Herz: Wer kennt Herrn Gyatso? Ich behaupte einmal, dass der Mann selbst halbwegs gebildeten Europäern weder unter seinem angenommenen religiösen Namen, noch unter seinem Geburtsnamen Lhamo Dhondrub bekannt ist. Sein Gesicht und seinen Titel dürften jedoch mehr Deutschen kennen, als Name und Foto des derzeitigen Bundespräsidenten.

Der »Ozeangleiche Lehrer«

Der 14. Dalai Lama wird in diesem Sommer 73 Jahre alt und ist seit über siebzig Jahren die höchste weltliche und religiöse Autorität Tibets. Allerdings ist die weltliche Facette seines Amtes seit 1959 dem Zeitpunkt seiner Flucht ins indische Exil »faktisch nicht wirksam«.

Ein Sympathieträger ersten Ranges ist Tenzin Gyatso allemal. Gibt es jemanden unter den LeserInnen, der ihn als Person oder Persönlichkeit ablehnt? Das kann ich mir beileibe nicht vorstellen. Immer wieder bin ich überrascht über seine Freundlichkeit, sein offene und humorvolle Art. Selbst wenn es in und um Tibet wieder einmal drunter und drüber geht, bleibt der Dalai Lama gemäßigt in Form und Aussage: ein wahrer Gentleman im engsten Sinn des Wortes, könnte man sagen.

In diesen Eigenschaften ähnelt der Dalai Lama durchaus seinem katholischen Pendant, dem Papst, und sogar den letzten deutschen Bundespräsidenten. Sie alle haben eines gemeinsam: Ihre Untertanen blicken bewundernd zu den Galionsfiguren auf, selbst wenn deren Einfluss doch sehr begrenzt ist. Könige ohne Thron sind sie. Oder »nette Onkels«.

Was ich mit diesem despektierlich anmutenden Titel zum Ausdruck bringen will, ist der Hinweis auf die Auswirkungen des Fehlens von Machtfaktoren. Der ehemalige Politiker Walter Scheel zum Beispiel galt einst als deutscher Außenminister zusammen mit dem damaligen Kanzler Willi Brand unbestritten als Vater der Entspannungspolitik, genoss internationales Renommee. Was aber vom späteren Bundespräsidenten Scheel vorrangig in Erinnerung blieb, ist sein Auftritt als Volksmusikant mit seiner Interpretation des Titels »Hoch auf dem gelben Wagen«.
Einer der Nachfolger Scheels im Bundespräsidialamt, Karl Carstens, ist zumindest mir als Wanderfreund durch Deutschland in Erinnerung geblieben. Roman Herzog war in Hinsicht auf Sprechgeschwindigkeit und Intonation ein besonders milder Präsident, zu dem seine viel beachtete »Ruck«-Rede gegen die verkrusteten Strukturen in Staat und Gesellschaft zunächst gar nicht recht passen wollte.

Doch gerade an Herrn Herzog ist das Grundsatzproblem der netten Onkels deutlich erkennbar. Wie soll sich ein Politiker profilieren, den zwar alle gut leiden können, dem meinetwegen sogar allerorten Achtung gezollt wird, der jedoch nicht über Möglichkeiten Kraft seines Amtes verfügt, seine Überzeugungen politisch durchzusetzen. Er mag dem Bürger aus der Seele sprechen, Applaus an allen Stammtischen erzeugen; doch was er sagt, hat keine Relevanz, keine Anwendbarkeit auf tatsächliche Politik. Damit begibt sich dieser Politiker und gerade im Fall von Roman Herzog wird das erkennbar ein Stück weit in die außerparlamentarische Opposition, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

Damit sind wir wieder zurückgekehrt zum Dalai Lama. Dem geht es nämlich in der Machtfrage kein Stück besser als deutschen Präsidenten, europäischen Königen oder Päpsten. Gott und die Welt haben ihn lieb, er sagt tolle Sachen konfuzianischer Tragweite wie »Bedenke: Nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall«. Auf die Auswirkungen der Geschehnisse in Tibet jedoch hat er keinen Einfluss, egal wie er sich verhält und was er dazu sagt.

Meine sardonischen Gene wünschen sich, einmal beobachten zu dürfen, wie sich jemand schlägt, der es geschafft hat, aus der Warteschleife und einem theoretischen Amtsanspruch heraus auch praktische Machtausübung abzuleiten. Konkret: Ob wohl der Dalai Lama sich im politischen Leben behaupten könnte, wenn er Gelegenheit bekäme, sein Amt auf einmal tatsächlich auszufüllen? Doch da nicht damit zu rechnen ist, dass die Realität plötzlich 180-Grad-Kehrtwendungen vollziehen wird, müssen wir uns langfristig um die Zukunft der netten Onkels sorgen, egal ob sie nun hoch auf dem gelben Wagen sitzen oder singen.

Eines Tages, wenn die Fesselballons unserer Gesellschaft wieder einmal über die Baumwipfel eines Konjunkturtals dahinschrappen, werden womöglich unsere Onkels die Sandsäcke sein, die wir opfern werden, um nicht allesamt abzustürzen.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1209103201

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 28.4.2008 um 15:49 h:

Meiner Meinung nach, üben sowohl der Dalai Lama, als auch der Papst reale Macht aus, findest du nicht ?
Die Tatasache, dass die beiden auf dich keine Macht ausüben, heisst ja nicht, dass das auch für tausende Andere gilt. Gerade durch und über die Religionen kann man machtvoll -herrschen-

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 28.4.2008 um 21:22 h:

Mit Verlaub, Frau Muschel: Nein, das finde ich nicht. Die Definitionen von »realer Macht« und von »Herrschen«, die Du bevorzugst, meinte ich nicht in meinem Text. Ich rede von Machtausübung mit unmittelbarer Konsequenz auch im Fall, dass der Angesprochene eben nicht so will wie der Macht Ausübende.

Dass es sehr viele Menschen gibt, die in tranceartige Verzückungen fallen, sobald Papst, Dalai Lama, oder meinethalben auch ein deutscher Bundespräsident eine populäre Weisheit äußern, das will ich nicht in Frage stellen. Das ist diese Art von Macht, von der Du schreibst. Was aber sollen die genannten guten Onkels tun, wenn Dinge passieren, die ihnen gehörig gegen den Strich gehen?

Im Beispiel: Der Dalai Lama ist gegen die gewalttätige Konfrontation seiner Landsleute mit der chinesischen Regierung. Aber der Gipfel seiner Reaktionsfähigkeit bestand darin, seinen Rücktritt anzudrohen, falls man seinen Wünschen nicht nachkommen werde. Das ist in meinen Augen vielleicht moralisch, nicht aber politisch relevant, das ist keine Machtausübung.

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 30.4.2008 um 7:48 h:

Moin lieber Ulf !
Bleiben wir bei deinem Beispiel...
WENN aber der Dalai Lama zum Kampf gegen die chinesischen -Besatzer- aufrufen würden, DANN würden die Menschen zu den Waffen greifen ! Er tut es nur nicht, weil es seiner Lebenseinstellung widerspricht.
Und wenn der Papst beispielsweise zu einer Wahlverweigerung aufrufen würde, DANN würden auch tausende
Menschen seinem Aufruf folgen, WEIL sie ihn über die weltlichen Machthaber und Regierungen stellen. -
Ich weiss, was du meinst, aber ich denke trotzdem ,wenn die "Onkels" etwas nicht
verlangen, so heisst das nicht, dass sie es nicht könnten.
Ich möchte lieber nicht erleben, WAS passieren würde, wenn es zum Exempel käme.

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