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Dienstag, 13.5.2008

Elektrodomestiziert

Herr Mens und die Made in China

Aus der Wand unserer Küche ragte zwei Jahre lang ein dickes, graues Elektrokabel. Letzthin sagte die beste aller Ehefrauen: »Wir brauchen Licht!« Was diese Formulierung bedeutet, weiß der geneigte Stammgast bereits seit dem 17. Dezember 2003. Im aktuellen Fall mündete die Bedarfserörterung in den Erwerb zweier Wandleuchten mit der Produktbezeichnung Gyllen in Graublau.

Zu sagen, wo die Lampen erstanden wurden, kann ich mir nach Nennung des Produktnamens sparen. Nur soviel: Ich war nicht dabei. Aber selbst wenn die Anschaffung Sache der Frau ist, verbleibt die Aufgabe, die Gerätschaft an das hässliche Kabel zu hängen, bei mir. Klassische Rollenverteilung.
 
Stilleben mit Liebherrn und graublauer Chinalampe

Ich schraube also die Lichtorgeln unter Auferbietung aller mir zu Verfügung stehender Kreativität (siehe Bild oben) und elektrotechnischen Sachverstandes ans Mauerwerk. Als gut erzogener Hausmann sammle ich nach vollbrachtem Tagwerk Bohrer, Isolierzange, Teppichmesser und Schraubenzieher zusammen, um die Gerätschaft wieder im Keller zu verstauen. Auf dem Rückweg mache ich kurz Station im Vorratskeller, um mir nach gutem, altem Handwerkerbrauch nach getaner Arbeit eine Halbe Bier zu gönnen.

»Die neue Lampe ist ja wohl der Wahnsinn!« Herr Mens überfällt mich mit einer Verbalattacke, kaum dass ich den Kellerraum betreten habe.
»Wie bitte?«, stammle ich schockiert. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass sich unsere Neuanschaffung so schnell bis ins Untergeschoss herumsprechen würde.
»Na, das Ding sieht ja nicht nur chinesisch aus, das ist ja sogar aus China!«, schnarrt mir mein Freund Mens mit nicht zu überhörender Missbilligung entgegen. »Made in China!«

»Wo bleibt bloß Ihr politisches Gewissen, Herr Вrоѕѕmаnn!« Mens' Stimme dröhnt in meinen Ohren wie die Trompeten von Jericho. »Überlegen Sie doch mal: Mit diesem Kauf finanzieren Sie auf direktem Weg die Dum-Dum-Geschosse, die tibetische Mönche zerfetzen! Wie können Sie das nur mit ihrem Gewissen vereinbaren?«
Ich schlucke. Wieviele Teilmantelgeschosse kann man wohl für 58 Euro erwerben?

Mens dröhnt derweil weiter: »Und reden Sie sich jetzt bitte nicht darauf hinaus, dass mit Ihrem Blutgeld ja auch Verpflegung für inhaftierte chinesische Dissidenten angeschafft werden könnte. Dieses Argument greift nicht, weil die eh nichts zu fressen kriegen! Finden Sie sich mit dem Gedanken ab, dass Sie Finanzier eines Völkermordes sind.«

Ein wenig lahm versuche ich, eine robustere Verteidigungsposition einzunehmen: »Nun machen Sie mal halblang, Sie, Herr Mens!« — Wer schreit, hat Unrecht, fällt mir zu spät ein. — »Auch ich muss schließlich zusehen, dass ich nicht mehr ausgebe, als reinkommt. Schließlich habe ich unter anderem drei Kühlschränke mit Strom zu versorgen.« (Mieser Trick, das mit dem Abschieben der Verantwortung, ich weiß. Aber manchmal kann ich mich Mens gegenüber nicht anders zur Wehr setzen.)

»Die Lampen waren einfach gut im Preis«, setze ich nach. »China hin, Tibet her!«

»Ha!« Herr Mens triumphiert. »Weil Sie gerade den Preis ansprechen: Preiswert ist die eine Sache, billig eine andere. Haben Sie denn überhaupt nicht daran gedacht, dass die Bemalung der Lampenschirme höchstwahrscheinlich einen Bleigehalt aufweist, gegen den Ihre Dum-Dum-Geschosse die reinsten Ökoartikel sind? Wer an diesen Leuchten auch nur vorbeigeht, ist Sekunden später derartig schwermetallisiert, dass er genau so gut ein Glas Quecksilber auf Ex trinken könnte.«

Mens schnaubt. »Und nur einen Meter neben diesen Todesscheinwerfern stehen die beiden Liebherren. Wie können Sie das verantworten?«

Jetzt werde ich aber schlagartig hellhörig. — »Nanu? Seit wann sorgen Sie sich denn um die Liebherren, Ihre elementarsten Widersacher, Herr Mens? Was ist denn da im Busch?«
Wenn Kühlschränke erröten könnten, wäre Mens jetzt zur elektrischen Tomate mutiert. Er schweigt.
 

Ich aber schweife in Gedanken ab. Denke an das Besteck in meinen Schubladen, an die Gläser in den Schränken, das Innenleben meines Mobiltelefons, den Teppich, die Bettwäsche, mein T-Shirt. Alles made in China.

Das Bier in meinem Keller ist aber noch zuverlässig deutsch. — Oder?

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1210654801

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 19.5.2008 um 12:48 h:

Die Lampen sehen echt chinesisch aus,...
hoffentlich setzen sie dich und dein handwerkerisches Können ins rechte Licht!
grins

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 21.5.2008 um 22:41 h:

Oh ja, die Lichtausbeute ist trotz möglicher Bleibelastung prima. Das mag aber auch einfach an den Osram-Birnen liegen. Die leuchten selbst hinter chinesischen Lampenschirmen treudeutsch.

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