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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 11.8.2008

Brave New World

Rollende Bookmarks

Was ich an meinem früheren Job am meisten gemocht habe, war die Tatsache, dass ich das Büro in weniger als einer Stunde mit dem Fahrrad erreichen konnte. Den Wert solcher Möglichkeiten erkennt man immer erst hinterher, wenn sie nicht mehr vorhanden sind. Jetzt zwingen mich Entfernung und das Fehlen zumutbarer öffentlicher Transportmittel zur werktäglichen Autofahrt: Hin und zurück insgesamt zwei Stunden hinterm Lenkrad.

Das ist öde. Daran können auch vergleichsweise interessante Radiosender nichts ändern, denn irgendwann gehen einem auch die auf den -Sack- Senkel. Selbst Silberlinge mit Musik oder Audiobooks können mir auf Dauer die Eintönigkeit der immer gleichen Fahrstrecke nicht mehr versüßen.

Irgendwann verfällt man als Fahrer auf die absonderlichsten Ideen, um der bleiernen Schwere der Eintönigkeit zu entrinnen. Glücklicherweise bin ich kein Schnellfahrer, sonst liefe ich bestimmt Gefahr, mein Heil in der Geschwindigkeit zu suchen und alles was nicht schnell genug vor mir herführe, rasant zu umkurven, um letztlich irgendwo auf der B455 an einem Baum zu enden. So wie Wiebke und Max Singh in der vorletzten Kurve kurz vor Eppstein, an deren Holzkreuzen ich tagein, tagaus vorbeifahre.

An Stelle von Geschwindigkeitsübertretungsorgien suche ich mir lieber andere Spielchen. Ich habe mich schon dabei ertappt, die Gullideckel auf der Strecke zu zählen, die ich mit einem Reifen überrolle, statt sie zwischen die beiden Fahrzeugspuren zu nehmen, wie es die Regeln des von mir kreierten Spieles verlangen. Ja, da sehen Sie mal, was ich meine mit »absonderlichen Ideen«; ganz knusper kann das nicht sein.

Aber ich tröste mich immer mit dem Gedanken, dass ein agiler Geist sich eben irgendeine Beschäftigung sucht, wenn er unterfordert ist. Das ist so ähnlich wie mit den Halluzinationen, denen Autofahrer nachts zum Opfer fallen, bevor sie am Steuer einschlafen: Ihr Hirn gaukelt ihnen kurz vor dem Wegtreten zum Beispiel einen Baumstamm vor, der quer über der Fahrbahn liegt. Ich bin auf meinen Fahrten zwar hellwach, aber möglicherweise weiß dies mein Gehirn nicht?

Einziger Durchbruch der täglichen Eintönigkeit ist das Fahrzeug, das jeweils vor mir fährt. Zumindest wenn da eines ist. Ich betrachte meine Vorderleute nicht als Ausbremser, sondern als Informationsträger. Man erinnert sich womöglich, dass ich keine Bumper Sticker mag. Immerhin aber bieten sie mir die Gelegenheit, mich über den Fahrzeuginhaber zu entrüsten, diesen dümmlichen Dämlack, der nicht davor zurückschreckt, der Welt auf dem Autolack mitzuteilen, unter welchen Mentaldefekten er leidet. Empörung hilft bei Langeweile und lässt einen sogar die Kanaldeckel zwischen den Fahrzeugreifen vergessen!

Noch besser aber als Autoaufkleber sind Heck-URLs. Also Internetadressen auf Stoßstangen oder Kofferraumdeckeln. Das macht neugierig, finde ich. Man muss sich die Adressen nur einprägen, um abends am Bildschirm nachsehen zu können, wem man tagsüber hinterhergerollt ist.

Na gut, manche Heck-URLs bieten eher geringes Überraschungspotenzial. Der laubgrüne Pritschenwagen mit Rasenmäher auf der Ladefläche und einem gelben www.immo-herbst.de auf der Klappe wird kaum einem Rätselfreund den Schweiß auf die Stirne treiben. Aber letzthin folgte ich einem brandneuen VW Golf Plus in Lichtblau mit groß angelegtem Hinweis auf www.olgaorange.de auf der Heckscheibe. Olga Orange?

Das ist doch mal wenigstens was. Ich meine, wer rechnet schon mit einem zwei Meter großen Travestiekünstler mit Sechziger-Jahre-Toupetfrisur im Wagen vor einem. Da wird die Arbeitsfahrt fast schon zum Kleinkunstereignis.

Möge Christopherus mit euch sein!

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1218434401

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