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Montag, 25.8.2008

Brave New World

Wertevermittlung

Zum besten aller Söhne sag ich schon seit Jahren: »Junge, bind Dir die Schnürsenkel, sonst haut es Dich irgendwann so auf die Fr****, dass Dir Hören und Sehen vergeht.« — Haben meine Ermahnungen etwas gebracht? Nein. — Seit Jahren und Tag für Tag zwängt der Sprößling seine Gehwarzen in Schuhwerk, dessen Schuhbänder in einem unauflösbaren Geflecht verwurstelt und seit dem Kauf niemals gelöst worden sind. Auf die Schnauze ist er leider noch nie gefallen.

Bislang hatte ich den Erfolgsmangel meiner erzieherischen Ermahnungen stets dem Schweizer Georges de Mestral in die Schuhe geschoben. Wie soll ein Heranwachsender auch gelernt haben, sich die Schuhe zu binden, wenn er seine gesamte Kindheit Treter dank der Erfindung des Klettverschlusses mittels Ritsch-Ratsch öffnen und verschließen konnte.

Olympisches SchnürgesenkelSeit ein paar Tagen jedoch teilt sich der Schweizer Erfinder George meinen väterlichen Hass mit einem Leichtathleten aus Jamaika, diesem Usain »Donnerblitz« Bolt. Kann man einem Erziehungsbedürftigen den Wert korrekter Schuhschleifen vermitteln, wenn so ein daher gelaufener Jogger einen Weltrekord nach dem anderen erläuft, ohne sich auch nur die Sportschuhe zu binden? — Zur Erläuterung: Der Bildausschnitt zeigt Usain Bolts Schuhwerk während seines Weltrekordlaufs auf 100 Meter in Peking; der Mann deklassiert die gesamte Weltelite, ohne auch nur dem Zustand seiner Ausrüstung das geringste Augenmerk zu schenken.

Handelt es sich etwa in Wahrheit bei den baumelnden Senkeln um hermessche Götterschwingen, die dem gelassensten aller Läufer den nötigen Extra-Kick bescherten und ihn im engsten Sinn des Wortes beflügelten? Heiligt der Zweck die Mittel?

Von allen Athleten der Olympischen Pekingspiele sind gerade mal eine schlappe Handvoll Menschen und ebenso viele Pferde des Dopings überführt worden. Schnürsenkel-Bolt gehörte nicht dazu. Auch Delphin-Phelps, der größte Schwimmerkönig aller Zeiten nicht. Trotz solcher augenscheinlich blütenreiner Erfolge stelle ich einmal eine These auf: Mehr als fünfzig Prozent aller in China erfolgreichen Sportler verdanken ihren Erfolg der eigentlich verbotenen Einnahme Leistung steigernder Mittel. Punkt. Ende der These.

Möglicherweise bedeutet »mehr als fünfzig Prozent« ja auch neunzig Prozent. Oder fünfundneunzig Prozent. Der Generalverdacht jedenfalls legt solche Schlussfolgerungen nahe. Im Gegensatz zur offiziellen Journaille bin ich als rein privater Schreiberling nicht dem Gedanken der Unschuldsvermutung verpflichtet.

Aber was heißt schon »eigentlich verboten«. Was geht, das wird auch gemacht. Über moralische Einschränkungen sind wir doch längst alle erhaben: Ob es um zumwinkelige Steuersparmodelle in Liechtenstein geht, um siemensianische Auftragsbestechung, um Genforschungskodices oder um olympische Chemie-Medaillen. Wir diskutieren längst nicht mehr das Ob; auch nicht mehr das Wieviel. Wir verwalten nur noch das Warum-eigentlich-nicht.

Alle tun es. — Warum also soll sich der Sohn noch die Schnürsenkel binden?

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1219644001

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