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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Sonntag, 28.9.2008

Elektrodomestiziert

Die Kompetenz des Herrn Mens

»Zum zweiten Mal in dieser Woche wurde der größte Teilchenbeschleuniger der Welt am Genfer CERN abgeschaltet. Einer der riesigen Elektromagneten, die den Teilchenstrahl im Zaum halten sollen, überhitzte sich. Die Reparatur könnte Wochen dauern.« — Ich lege die Zeitschrift beiseite und betrachte das Schwarze Brandloch in meinem linken Hemdsärmel, das von einer zu hastig und unkontrolliert bewegten Zigarette herrührt.

Die Gefahr oder Hoffnung, dass all meine irdischen Besitztümer und mit ihnen all meine Sorgen in absehbarer Zeit in einem vom LHC verursachten Schwarzen Loch verschwinden könnten, ist relativiert. Oder vertagt. Seufzend bedanke ich mich im Geiste bei Einstein und seiner Relativitätstheorie und steige hinab in den Keller, gedanklich bereits beschäftigt mit der nahenden Hopfenkaltschale, die ich mir dort abzuholen gedenke, um meine teilchenbeschleunigten Nervenzellen abzukühlen.

»Ich finde, wir sind verpflichtet, unsere Kompetenzen in den globalen Dienst der Wissenschaft zu stellen«, brummt es mir aus dem Vorratskeller entgegen. Ich zucke zusammen. Mein Freund Mens kann es wieder einmal nicht abwarten, mich mit seiner Auslegung der Aktualität zu konfrontieren.

Rasch greife ich nach einer gekühlten Bierflasche, um den zweifellos anstehenden Schlussfolgerungen meines Kühlschrankes nicht vollkommen schutzlos ausgeliefert zu sein. Und schon doziert Herr Mens in getragener, wissenschaftlich ambitionierter Tonlage weiter: »Sicher haben auch Sie von den eidgenössischen Kühlproblemen gehört, Herr Вrоѕѕmаnn!«

Ich schrumpfe zusammen wie ein Marshmallow in der Hitze eines Lagerfeuers. Wenn mich Mens mit Nachnamen anredet, steht Ungemach ins Haus. Das weiß ich aus Erfahrung und versuche vergeblich, meine Zeitungslektüre mental zu verdrängen. — Also nehme ich einen tiefen Zug Gerstensaft zur Brust. Was kommt jetzt?

Herr Mens holt tief Luft und fährt fort: »Immer haben Sie betont, ich sei das perfekte Kühlaggregat, nicht wahr?« — Ich nicke unterbewusst. — »Das weiß ich wohl zu schätzen«, beschwichtigt mein elektrischer Freund. »Deshalb fällt es mir einerseits schwer, Sie um einen Gefallen zu bitten. Andererseits appelliere ich an Ihren Sinn für globale Verantwortung. Helfen Sie mir, meine Kernkompetenz in den Dienst des CERN zu stellen. Ich will für die Menschheit kühlen!«

»Aber Herr Mens«, wende ich stotternd ein, »was soll denn aus meinem Bier, meinem Wasser und meinem Wein werden, wenn Sie in die Schweiz emigrieren, um eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen?« Ich lasse diesen Versuchsballon steigen; ein Appell an die persönliche Verantwortung hat bisher noch immer gezogen bei Mens.

Er aber hat wohl mit meiner Reaktion gerechnet und schnurrt mir empört entgegen: »Ach, Sie haben doch die Liebherren oben in der Küche. Ich fühle mich zu Höherem berufen. Denken Sie doch mal an all die überhitzten Teilchen dort unten in den Schweizer Bergen. Irgendjemand muss denen doch mal sagen: ›Hey, immer schön cool bleiben, ihr Hitzköpfchen. Ich bin für Euch da!‹«

Freund Mens brummt bedeutungsschwanger vor sich hin. Ich schweige verzagt. Und so platziert Mens den Todesstoß: »Das ist die ultimative Herausforderung. Ein Leben im Dienste der Wissenschaft. Mein letzer Wunsch. Bitte helfen Sie mir.«

Wohl ist mir nicht dabei, als ich unser Anschreiben aus dem Drucker nehme. Aber was bleibt mir schon anderes übrig. Ich überfliege den Text: »Sehr geehrte Herren!« — Auf die Damen verzichten wir. Bestimmt sitzen am CERN-Projekt wieder mal nur Männer in den verantwortlichen Positionen. — »Nach reiflicher Überlegung haben Herr Mens und ich beschlossen, der Wissenschaft eine Chance anzubieten: Wir kühlen sie/Sie herunter. Dieses Angebot soll unseren Beitrag zur Zukunft des Planeten Erde darstellen. Bitte beachten Sie, dass wir damit all unsere persönlichen Anliegen bedingungslos den Träumen der Menschheit unterordnen. Als Referenz legen wir die vollständige Bedienungsanleitung von Herrn Mens bei. Hochachtungsvoll …«

Und so weiter, und so fort. — Herr Mens summt zufrieden vor sich hin.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün (9.10.09)
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1222585201

Kommentare

blogotronic?

Link zu diesem Kommentar blogotronic [@], 29.9.2008 um 13:54 h:

sämtliche elektrogeräte hier im hause drücken die daumen. (unter uns: einige rechnen sich wohl chancen aus, ebenfalls auf-/auszusteigen)

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 3.10.2008 um 18:12 h:

Herr Mens lässt danken. Sollte seine Bewerbung Früchte tragen, sei er durchaus geneigt, sein Beziehungsnetzwerk für Freunde spielen zu lassen, sagt er. — Ob das Euer Haushalt verkraften würde, könnt Ihr Euch ja vorsichtshalber schon mal überlegen.

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