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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Donnerstag, 9.10.2008

Mauerstraße

Tragödie im Finanzdistrikt von Kleinmichelshausen

Woher der Fremde kam, wusste niemand zu sagen. Aber dass er gut gekleidet war und eine respektable Figur abgab, konnte jeder in unserem Dorf sehen. Der Mann nahm sich ein Zimmer im einzigen Dorfgasthof und gab am nächsten Tag eine Annonce im Lokalblättchen auf, in der er ankündigte, für jedes Wildschwein, das man ihm brächte, 100 (in Worten: einhundert!) Euro zu bezahlen.

Wir Bauern wussten, dass die Wälder rund um unser Dorf voll von Wildschweinen waren und rannten auf der Stelle los, um das Viehzeug einzufangen; das war ein leichtes Geschäft. Und der Mann im Dorfgasthof kaufte uns tatsächlich – wie versprochen und ohne mit der Wimper zu zucken – mehrere hunderte von Wildschweinen zum Preis von 100 Euro pro Tier ab.

Als dann nur mehr wenige Wildschweine in den Wäldern zu finden waren und es schwierig wurde, diese zu fangen, verloren die Leute im Dorf das Interesse. Da bot uns der Mann 200 Euro pro Wildschwein und die Leute rannten wieder zurück in die Wälder. Wir dezimierte die Wildschweinrotten erneut, und schließlich bot der Mann für jedes Schwein 300 Euro. Die Bauern jagten die wenigen Wildschweine, die übrig geblieben war, bis es ein Ding der Unmöglichkeit geworden war, in den Wäldern auch nur auf ein einziges der Tiere zu stoßen.

Als man ihm keine Wildschweine mehr zum Kauf anbot, erhöhte der Mann die Kopfprämie auf 500 Euro, übergab jedoch einem Stellvertreter die Ankaufsvollmacht bis zu seiner Rückkehr aus der Stadt, wo er für einige Tage wichtige Angelegenheiten zu erledigen hatte.

Kaum hatte der Mann unserem Dorf den Rücken gekehrt, wandte sich sein Vertreter an die Bauern: »Seht euch einmal all die Wildschweine an, die in der Koppel hinter dem Gasthof eingepfercht sind. Das sind weit über tausend Tiere. Ich weiß wohl, dass in den Wäldern keine Wildschweine mehr zu finden sind. Aber ich mache euch einen Vorschlag. Ich biete euch jedes der Wildschweine für den Preis von 350 Euro zum Verkauf. Und sobald der Chef wieder aus der Stadt zurückkommt, verkauft ihr sie ihm für 500 pro Stück.«

Wir legten all unsere Ersparnisse zusammen, kauften sämtliche Tiere in der Koppel auf und warteten auf die Rückkehr des Chefs. Doch seit diesem Tag haben wir weder den Chef, noch seinen Stellvertreter je wieder zu Gesicht bekommen. Ständig vor Augen haben wir einzig und allein die Koppel voller Wildschweine, für die wir unser bis dahin sauer Erspartes ausgegeben haben, obwohl sie zuvor für jedermann kostenlos in den Wäldern zu haben waren. — Aber jetzt wissen wir wenigstens, wie Börse und Wertpapierhandel funktionieren.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1223553490

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 10.10.2008 um 14:02 h:

Wo hast du denn diese Geschichte ausgegraben?
Oder hast du sie selbst erfunden ? Passend zum Irrsinn der aktuellen Bankenkrise?

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 10.10.2008 um 21:05 h:

Bonustext »The Making Of«:
Die Idee zu diesem Destillat entstand am vergangenen Wochenende unter maßgeblicher Mitwirkung 1 spanischen Bekannten vom Dorf*, 2 Flaschen Rotweins aus Navarra, 2 Gläsern Brandys der Marke Veterano sowie einiger Stunden Zeit.
Der Text selbst verdankt seine Form 2 Tassen Milchkaffee und ½ Stunde Gedankenversunkenheit.
Die genannten Preise sind rein fiktiv und entsprächen höchstens zufällig den aktuellen Rahmenwerten des Terminwarengeschäftes.

Wer vermag angesichts dieser Historie zwischen Erfindung und Analogie zum Tagesgeschehen zu unterscheiden?

*) Aus Mazaleón wurde letztlich Kleinmichelshausen.

limone?

Link zu diesem Kommentar limone [@], 11.10.2008 um 0:33 h:

geniale, anschauliche erklärung! :-)

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 11.10.2008 um 20:10 h:

Besten Dank, Frau Limone, für die nächtliche Bestätigung. — Nur mit Humor lässt sich noch die Angst übertünchen, seit sich nicht einmal mehr die Ackermänner und sonstigen Peanutsprecher in der Angelegenheit zu Wort melden …

Link zu diesem Kommentar blogotronic, 12.10.2008 um 12:07 h:

chapeau!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 12.10.2008 um 20:29 h:

… claque! — Danke, mein Bester … =;o)

blogotronic?

Link zu diesem Kommentar blogotronic [@], 12.10.2008 um 21:23 h:

gern doch! übrigens, grad wollt' ich fragen, wo mein gravatar denn geblieben ist, aber dann fiel mir ein, dass ich beim ersten kommentar ja meine mail-adresse gar nicht angegeben hatte. ich versteh' dieses webzwonull irgendwie noch nicht.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 12.10.2008 um 22:12 h:

Mach dir nichts draus. Webzwonull ist ohnehin bald passee, dann kommt Webdreinull. Ohne Online-Banking, ohne Bezahlen im Internet. Das gibt es dann erst wieder mit Webviernull mit der Möglichkeit, Kaurimuscheln über HTTP zu beamen. Oder Kamele.

Kristof?

Link zu diesem Kommentar Kristof [@], 14.10.2008 um 14:03 h:

Das heisst Kamelle! Alaaf!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 14.10.2008 um 23:55 h:

Moment mal! — Du bis fast einen Monat zu früh dran mit den Kamellen.

(Obwohl: Vielleicht sollten sich unsere Politiker schon mal jetzt die Narrenkappen aufsetzen?)

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