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Donnerstag, 20.11.2008

Brave New World

Details

Als ich vor ein paar Jahren nach einem Kundenbesuch bei den Granden einer nicht unbedeutenden deutschen Stadt den versprochenen Rückruf nicht »Clothes« erhielt und auch auf Nachfrage keine Antwort bekam auf meine Frage, ob denn nun unser Produkt eine Chance hätte, rief mein damaliger Chef an bei den Herren im hohen Hause. Die verblüffende Antwort: »Das Produkt ist okay, aber schicken Sie uns nie wieder den UB. Der hatte ja noch nicht mal Manschettenknöpfe an den Hemdsärmeln.« — »Am Arsch hängt der Hammer!«, hätt' ich schreien sollen, oder möglicherweise einen kräftigen Tritt in den entsprechenden Hintern applizieren, am besten mit einem Westernstiefel am Fuß. Statt dessen kaufte ich mir Hemden mit Umschlagmanschetten for cufflinks, pour boutons de manchette, para gemelos. Und was soll ich sagen: Man gewöhnt sich an allem, sogar am Dativs, sogar an Anzug, Krawatte und Manschettenknopf. Nur zu Hause, hinter zugezogenen Vorhängen, da lasse ich gern den reaktionären Prolo raushängen in Jeans und Unterhemd zur Dose Bier.

Aber davon wird später noch die Rede sein, und zu Hause bin ich sowieso anders. Überhaupt: Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu. Was einst Ödön von Horvath sagte, gilt hundertprozentig auch für mich. Und für meine Einrichtung. Natürlich steht hier jede Menge Pressspan herum. »Furniture«Aber eigentlich gefielen mir alte Möbel viel besser. Also jetzt nicht unbedingt antike Schränke, sondern eher so Dinge, die andere Menschen auf den Sperrmüll schaffen, wenn Vattern und Muttern das Zeitliche gesegnet haben. Die gemütlichste Wohnung, an die ich mich erinnere, war die von einem befreundeten Paar, das allein aus finanziellen Gründen die ganze Wohnung mit Second-Hand-Möbeln ausstaffiert hatte. Kein Holzimitat, sondern ehrlicher, graugrüner Glanzlack auf Vollholz.

Auf diesem graugrün lackierten Küchentisch meiner Freunde stand – zumindest gefühlt: immer – ein Trinkglas mit ein paar Salzletten darin. Das war das Markenzeichen der beiden und auch gut so. Denn wenn ich auf Knabberbares scharf bin, dann sind es Salzletten. Am liebsten solche, die schon ein paar Tage außerhalb der »Sweet« Vakuumpackung zugebracht haben und nicht mehr ganz kross, sondern schon ein bisschen labberig sind. Mit Süßigkeiten hingegen kann man mich nicht ködern. Lasst in meiner Gegenwart Pralinenschachteln, Schokoladentafeln, Gummibärchen oder sonstigen Naschkram offen herumliegen; ich rühre nichts davon an. In meinem Büro steht seit vielen Jahren eine Schale mit allerlei Süßkram auf dem Tisch. Gummibärchen, Konfekt, Schaummäuse, Weingummi und sonstiges, zuckeriges Allerlei bevorrate ich im Aktenschrank und fülle stets nach, nasche aber selbst nie daraus. Meinen »Motivationstopf« nenne ich die Schale; Kollegen schimpfen mich dafür die »Schlange«, den Verführer im Paradies.

Zu meinen second-hand-möblierten und salzlettigen Freunden habe ich den Kontakt verloren. Zum Teil habe ich selbst daran Schuld, weil ich mich irgendwann aus dem Staube machte, um mich in umittelbarer Nachbarschaft des Camp Nou niederzulassen. Nicht der Fußball lockte mich damals an, sondern die Stadt: Aus Barcelona hätten mich keine zehn Pferde mehr weggebracht. »City«Vertrieben hat mich dann allerdings irgendwann der drohende Hungertod. Wenn die Firma pleite macht und die beiden Alternativen spanische Arbeitslosigkeit und Jobangebot in Deutschland sind, hat man dann wirklich noch die Wahl? — Zumindest weiß ich jetzt ganz genau, wie sich im Jahr 1492 Boabdil, der letzte Sultan von Granada gefühlt hat, als er vertrieben wurde und auf einer Passhöhe südlich von Granada – dem berühmten Suspiro del Moro – einen letzten Blick auf seine Stadt warf.

Ay, Barcelona, ich vermisse dich. Das liegt übrigens nicht nur am Wein, auch wenn böse Zungen behaupten, das Liebste an der katalanischen Hauptstadt seien mir die Bars gewesen. »Drink«Wahr ist wohl, dass ich dort gerne das eine oder andere Glas Tinto konsumiert habe. Aber so habe ich es immer und überall gehalten, nicht nur in Barcelona; stets mit dem Heiligen Ambrosius, dem Bischof von Mailand: »Wenn in Rom, tu wie die Römer« — Wein in Spanien, Bier in Bayern, Köm an der See. Nur einmal, da hat uns der Gaumen den Dienst versagt. Über das, was man in Hessen trinkt, darüber wollte ich am liebsten gnädig den Mantel des Schweigens breiten. Nur soviel: Apfelwein geht gar nicht.

Wer Apfelwein trinkt, der singt auch bei Adam und die Micky's mit. Zum Beispiel den kultigen Abgesang auf die Runkelroiweroppmaschin. »Music«Aber so wie den Apfelwein verweigere ich auch Gesang über Feldfrüchte. Groß geworden bin ich mit John, Paul, George und Ringo und die höre ich immer noch gerne. Von den fabulösen Vier abgesehen habe ich keine Lieblingsmusiker, keine musikalische Lieblingsstilrichtung. Was (fast) immer gut kommt, sind Zusammenstellungen von Freunden oder Fremden. Früher haben wir sowas Samplerkassette genannt, heute heißt es Swap und kommt auf Silberlingen im MP3-Format daher. Davon habe ich noch einige ungehört im Regal liegen und dadurch womöglich bis zur Rente akustisch ausgesorgt.

Im Spagat von der Musik zum Fernsehen schließe ich mich unbedingt Frau Nina Hagen an. Wenn man verinnerlicht, »TV« dass ihr Song »Ich glotz TV« eine deutsche Version des Tubes-Titels »White Punks On Dope« ist, dann kann man sich eine ungefähre Vorstellung von meinem Verhältnis zum Fernsehprogramm machen. Ich stelle eine These auf: Fernsehen ist noch schlimmer als Apfelwein und Rünkelrüben. An meine Netzhaut lasse ich nur das echte Leben ran, die obligatorische Tagesdosis Bildschirmstrahlung aus dem PehZeh und …

… ab und an den einen oder anderen Kinofilm. Ich gestehe allerdings, dass die Betonung auf »ab und an« liegt. Mein erster Kinobesuch liegt ungefähr vierzig Jahre zurück: Das Dschungelbuch mit Papa und Mama. »Film« Meinen letzten Film auf der großen Leinwand habe ich vor ein paar Wochen gesehen und schlurfte danach baader-meinhof-komplexbeladen aus dem Saal. Die inhaltliche Diskrepanz dieser beiden Extreme spiegelt durchaus meine kinogängerische Bandbreite wider. Ein dedizierter, wählerischer Cineast bin ich also nicht. Ich nehme, was kommt. Und das äußerst selten. Immer seltener.

Angesichts meiner hier durchscheinenden medialen Unzugänglichkeit fragt sich der frustrierte Leser mittlerweile, womit ich meine Freizeit überhaupt totschlage. »Workout« Es bleibt ja fast nur mehr die Leibesertüchtigung. Wahrscheinlich nimmt man mich bereits als legitimen Nachfolger Armin Harys wahr. Doch weit gefehlt, oh mein durchhaltefreudiger Sherlock Holmes! Joggen ist mir ein Gräuel und nordischen Gehstäbchen vermag ich rein gar nichts abzugewinnen. Den schweißmodrigen Duft körperertüchtigender Muskelinstitute lehne ich vollständig ab, und Chlorbäder erachte ich weder für Mensch noch für verzehrfähiges Geflügel als zuträglich.

Vermutlich habe ich nur deshalb noch nicht die gigantischen Ausmaße so mancher US-amerikanischer Mitmenschen angenommen, weil ich noch nicht einmal aus Langeweile den Versuchungen der Zuckerbäckerei verfallen bin. »Pastries« An dieser Stelle räume ich zwar ein, dass ich dem traditionellen Mohnstreusel meiner Mutter geschmacklich verfallen bin, allerdings wegen der Entfernungslage – 440 Kilometer Familienheimfahrt – kaum Gefahr laufe, zuviel des Guten zu mir zu nehmen. — Davon einmal abgesehen halte ich es für eine absolute Americanada, für ein reines US-Phänomen, hier zwischen Sweet (siehe weit oben) und Pastries zu unterscheiden. Lasst es doch mal gut sein, Leute! Das Leben besteht nicht nur aus Essen.

Gar kein Laster? Ist UB einer dieser langweiligen Quadratköpfe, die das Leben einzig unter gesundheitszuträglichen Aspekten angehen? — »Coffee«Nein. Denn wenn es um Kaffee geht, dann geht mit mir der Gaul durch. Ich bin ein Kaffeefreak. Morgens zwei Tassen Café con Leche aus der Aluschraubkanne (Barcelona lässt grüßen) und im Büro zwei, drei oder vier Cappuccini aus der dallmayrschen Massenfertigung. Darunter geht gar nichts. Gerne erinnere ich mich an einen anderen Kundenbesuch, nicht den bei den oben erwähnten Granden. Letztes Jahr war ich bei Albert Darboven zu Gast. Schon bei der Ankunft am Werkstor war eines klar. Hier ist mein Arbeitsplatz! — Rein olfaktorische Bauchentscheidung.
 

Nach dieser Tour de Force durch meine Vorlieben und Abneigungen bleiben wenige Fragen offen. Eines aber muss ich hier und jetzt unbedingt noch anmerken: Nein, ich glaube nicht, dass man durch den Verzehr von Känguruhoden schwanger werden kann, Fräulein McLean.

P.S.: Wer sich über diese Geschichte wundert, der mag bei der Kaltmamsell nach Hintergründen forschen, von der ich mich habe inspirieren lassen.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1227160801

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