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Mittwoch, 26.11.2008

Smart People

Der Atomkuss

So konnte es nicht weitergehen. Erst vor wenigen Wochen waren im Wendland so viele ihre namenlosen Mitstreiter von den Eisenbahnwaggons des Castor-Transportes heruntergezerrt, von sorgsam in die Bahngleise eingelassenen Betonankern losgeschnitten und einzeln aus Sitzblockadegruppen weggetragen worden. Ziviler Ungehorsam war von der Staatsmacht gebrochen worden, es hatte wieder einmal alles nichts genützt; der aufbereitete Atommüll war trotz aller Protestaktionen im Zwischenlager in Gorleben angekommen und eingelagert worden.

»Das ist doch alles Kokolores!«, hatte Marvin wutentbrannt geschrien, als er, Isolde und Vera die Bilder der Anti-Atomkraft Demonstration in den Nachrichten gesehen hatten. »Wir versuchen doch bloß, Symptome zu bekämpfen, statt das Übel an der Wurzel zu packen und auszureißen!«

Die beiden jungen Frauen hatten Marvin zugestimmt, und so kam es, dass sie nach sorgfältiger Planung in einer nebligen, kalten Novembernacht in Südhessen im Kreis Bergstraße mit Hilfe einer Eigenkonstruktion aus Aluminiumleitern über einen Elektrozaun geklettert waren, zwei Wachhunde mit präpariertem, rohem Valiumhackfleisch in den Schlaf versetzt und einen Wachposten im dichten Nebel umschlichen hatten.

Lautlos huschten die drei Gestalten mit gerußten Gesichtern und in dunklen Parkas durch die Nebelschwaden in Richtung der silbrig schimmernden Lichtglocken, die die Atomreaktoren in dieser Frühwinternacht umhüllten wie plötzlich sichtbar gemachte Atomstrahlenschilder.

Knack! Knack! Knack! Knack! Marvin trennte mit dem Bolzenschneider die letzte S-Draht-Rolle auseinander, die sie zu überwinden hatten, bevor sie ans Ziel ihrer Aktion gelangen sollten. Sie mussten die Reaktoren erreichen, bevor ein Wachmann die schlafenden Hunde, ihre Leitern oder den durchschnittenen Stacheldraht entdecken und Großalarm auslösen konnte.

»Da sind sie!« Durch den Nebel und die Kondenswolken ihres Atems erkannten die Freunde die Umrisse der Reaktorkuppeln, nur etwa hundert Meter vor ihnen. Auf diesen Moment hatten sie sich lange vorbereitet. Seit Tagen hatten Isolde, Vera und Marvin nichts mehr gegessen; der Hunger krallte sich mit scharfen Tatzen in ihre Eingeweide. Jetzt sprinteten sie über den gefrorenen Boden auf direktem Wege auf ihr Ziel zu, ohne weiter auf ihre Umgebung zu achten. Es gab nun kein Zurück mehr:
 
All you can eat!
 
Sie würden die Atomreaktoren einfach auffressen!

Mein Dank und meine Anerkennung gelten dem GreenTeam der 9. Klasse der Waldorfschule in Oberursel, dessen streitbare Mitglieder nicht nur essbare Tschernobylisken auf Leibnitz- und Dickmannbasis hergestellt, sondern auch jede Menge Alternativen zum Atomstrom vorgestellt haben. Chapeau, meine jungen Damen und Herren!

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UB

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