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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Samstag, 20.12.2008

Brave New World

Konsum 2008

#BBBBBBleigrau ist der Himmel heut, ein feiner, unangenehmer Nieselregen wird von Windböen durch die Straßen und in die Mantelkrägen der Passanten getrieben, die Temperaturen sind gegen Mittag auf sieben Grad Celsius gestiegen; zu kalt zum Wohlfühlen, zu warm für Winter. Wir bräuchten nicht auf den Kalender zu sehen, diese Wetterlage kann nur eines bedeuten: Weihnachtsabend steht vor der Tür.

Viele tun sich schwer mit Weihnachten, mit dem Konsumrausch, mit dem Mangel an Möglichkeiten zu Rückbesinnung, Innehalten, Ruhe. Ich übrigens auch. Es gibt aber Gründe, warum ich in diesem Jahr gelassener bleibe als sonst und warum ich stets ein fröhliches Lächeln auf den Lippen habe, auch wenn es wieder mal ganz dick kommt.

Im Dezember 2007 konnte ich mich noch staunend erregen über die wahnwitzigen Blüten der Konsumgüterindustrie. Dieses Jahr bin ich entregt. Konsum ist out. Wer heute noch den Konsumentenkopf in den Sand Wühltisch steckt und zum Fest der Feste (hoppla, war das nicht eher Ostern? Egal, vielleicht früher mal) in Güter investiert, die er nicht dringend für das tägliche Leben benötigt, wird spätestens in ein paar Monaten, wenn die Obamania abgeflaut ist, in Heulen und Zähneklappern ausbrechen.

Stück Weihnachtsstollen?Egal. Wenn wir dann nichts mehr zum Beißen haben, heuern wir eben unter Mindestlohn bei irgendeinem Kurierdienst an und fischen uns die fetten Christstollen, oder jahreszeitlich angepasst die gebackenen Osterlämmer aus den Paketen. In schweren Zeiten wird schon auch mal eine dicke Landwurst an die hungernde Verwandtschaft in der Stadt geschickt. Auf die werden wir dann schon gewartet haben.
Aufpassen müssen wir nur darauf, nicht den gleichen Fehler zu machen, wie die beiden Schwachmaten, die dem Chefredakteur der Frankfurter Rundschau ein paar vertrauliche Kreditkartendaten statt des weggefressenen Stollens zukommen ließen.

Ganz Deutschland Europa Mutter Erde lacht über den Vorfall, und für mich ist das seit vielen, vielen Jahren die schönste Weihnachtsgeschichte, die ich mir vorstellen kann. Die Stollenstory ist Weihnachten live im dritten Jahrtausend. Ehrlicher geht nicht. Konsum 2008 @ its best.

Das Weihnachtsmärchen von den beiden blöden Stollenklauern ist verantwortlich für den linken Teil meines lächelnden Mundes. Diese Geschichte werde ich bestimmt noch in vielen Jahren der dann hoffentlich vorhandenen, zahlreichen Enkel- und Urenkelschar erzählen können in einer der lauen Weihnachtsgrillnächten, auf die wir uns freuen dürfen in den kommenden Dekaden.
 

Den rechten Teil meines Lächelns verdanke ich der namenlosen Schar grenzenlos gieriger Bänker, die ohne nach links oder rechts zu schauen nur ihrer nächsten Bonuszahlung hinterher hechelten. Und den Strategen all der Automobilkonzerne, die nun in Deckung gehen hinter Halden unverkäuflicher Hummers, X5ern, Q7ern, oder M-Klassikern.

Bernard MadoffBei einem von Euch – man beachte die höfliche Verwendung der Majuskel! – möchte ich mich stellvertretend bedanken. Er hat Eurer gesichtslosen Geiermeute ein Antlitz verliehen, ein mildes, freundliches, Vertrauen erweckendes Gesicht. — Wer würde diesem Mann nicht sein Vermögen, seine Kinder und seine Ehefrau anvertrauen?

Mein lieber Bernard Madoff, für Deinen Nachnamen kanst Du ja nichts. Und glücklicherweise heißt Du wenigstens mit Vornamen nicht Max. Ich bedanke mich herzlich für Dein Weihnachtsgeschenk. Vergiss bitte nicht, auch all Deinen Freunden und Brüdern im Geiste meine Dankesworte auszurichten. Durch Euer unermüdliches Gewinnstreben habt Ihr es geschafft, den drohenden Konjunkturaufschwung nicht nur zu stoppen, sondern regelrecht zu exekutieren. Meinen aufrichtigen Dank dafür.

Als Ende des Sommers die Weltwirtschaft aus einem ekstatischen Rausch in den nächsten taumelte, da war mir angesichts meines Immobilienkredites mit variablen Zinsen langsam aber sicher der Kragen eng geworden. Der für meine Kreditraten maßgebliche Basiszinssatz, der 1-Monats-Libor auf Schweizer Franken, hatte am 9. Oktober nach stetigem Aufstieg die Drei-Prozent-Hürde überklettert. — Ächz!
Vor einer Woche ist der Libor unter 0,5 Prozent gefallen, der Zinsanteil meiner aktuellen Raten ist auf einen Bruchteil der Herbstraten zurückgegangen.
 

Die mittlerweile arg strapazierte Weisheit, dass im Chinesischen der Begriff Krise 危机 jeweils aus einem Schriftzeichen der Begriffe Gefahr 險 und Chance 會 besteht, lässt zumindest mich die Schultern zucken und entspannt wie einen zufriedenen, dicken Buddha ins Jahr 2009 blicken.

Den Buddha wünsche ich Euch auch, selbst wenn es draußen regnet und von weihnachtlichen Gefühlen wie jedes Jahr kaum die Rede sein kann. Nehmt es leicht. Ist nur ein Geburtstag wie jeder andere, auch wenn der Kerl längst zweitausend Jahre alt geworden wäre.

Und kommt gut rüber, nach 2009. — Wir lesen uns im nächsten Jahr!

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1229808951

Kommentare

Kristof?

Link zu diesem Kommentar Kristof [@], 5.1.2009 um 15:17 h:

Uiuiuiui! Dein Spammer ist ja noch fleissiger als meiner. Respekt!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 10.1.2009 um 19:12 h:

Eieieieiei, kaum ist man in der sogenannten »staden Zeit« mal zwei Wochen ohne Netz und doppelten Internetboden unterwegs, schon stapeln sich die Paris Hilton Sex Tapes und sonstiger Mist in den Regalen. — Habe eben satte 28 Dosennachrichten dem ewigen Vergessen zugeführt.

Außerdem: Tag auch beisammen, und wünsche wohl ins neue Jahr gestartet zu sein!

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