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Mittwoch, 28.1.2009

Nachruf

Unter dem Astronautenmond

Meine Rückkehr auf den Boden der literarischen Tatsachen verdanke ich dem mir persönlich unbekannten Herrn Molvig. Kai Molvig. Er hatte einen englischen Roman mit dem Titel »Rabbit Redux« ins Deutsche übersetzt, der hierzulande als Unter dem Astronautenmond erschien. Wahnsinnstitel, dachte ich bei mir, als ich Anfang der Achtziger ein dunkelblaues Taschenbuch aus dem Geschenkpapier wickelte und zunächst etwas verstört beiseite legte. In meinem Bücherregal standen damals hauptsächlich Autoren wie Douglas Adams, J.R.R. Tolkien, oder gar schwere Depressionshämmer zum Beispiel von Alberto Moravia.
 
John Updike,  27.01.2009

Den Austronautenmond von John Updike habe ich dann direkt zweimal hintereinander gelesen, bevor ich mir ganz schnell den Vorgängerroman Hasenherz besorgte. Da war es schon um mich geschehen. Mit dem Beziehungsneurotiker Harry Angstrom stakste ich selbst mit zehn bis zwanzig Jahren Verspätung durch ein Amerika, das sich mir im Laufe der beiden Romanfolgen zu erschließen und das ich zu lieben begann.

Nach mehrmaliger Lektüre der beiden Bände hatte ich Updike und seinen Antihelden in der Zeit eingeholt und stieg direkt in die aktuellen Nachfolger ein. Weil es noch keine deutsche Übersetzung gab, las ich den englischen Band drei der Serie, Rabbit Is Rich. Als zehn Jahre später der vierte Teil des Lebensgeschichte Harry »Rabbit« Angstrom erschien, hatte sich die Beziehung zwischen Updike und mir auf einmal umgekehrt:
Bis dahin hatte ich »Rabbit« wie einen entfernten Bekannten begleitet, Rückschlüsse auf mich selbst hatte ich nicht gesehen oder zugelassen. Mit Band drei und vier aber hatte nun John Updike seinerseits mich eingeholt. So viel anders als Angstroms Leben verlief meines auch nicht, zumindest nicht in Hinblick auf die große Linie hinter all den Szenen und Erlebnisse.

Der letzte, nachgeschobene Band, Rabbit Remembered, gibt Harrys Geschichte so etwas wie einen halbwegs versöhnlichen, wenn auch bitteren Abschluss, den ich lieber nicht auf meine eigene Zukunft projiziere.
 

Ohne Zweifel gehört John Updike zu den wenigen Autoren, die mich als Leser geprägt haben. Neben der Rabbit-Pentalogie habe ich auch viele der anderen Updikeromane mit höchstem Genuss gelesen, darunter natürlich die Hexen von Eastwick und die Ehepaare. Seither bin ich dem Herrn Updike treu geblieben, bis zuletzt. The Widows of Eastwick (2008) steht bereits im Regal; ungelesen zwar, aber immer wenn ich vorbeikomme mir zuflüsternd, leise, aber fordernd: »Lies mich! Es wird sich lohnen!«

Seit gestern, nach Updikes Krebstod, lamentiert nun der internationale Kulturbetrieb über das Versäumnis, Updike den Nobelpreis verweigert zu haben. Marcel Reich-Ranicki spuckt wahrscheinlich schon Feuer und Galle. Wenn ich jedoch ehrlich bin und mich daran erinnere, wie in den letzten Jahren die Verleihung des noblen Preises verlaufen ist, wer mit welchen Begründungen zum Titelträger avancieren durfte, dann bedauere ich es nicht, dass meinem geliebten Updike dieser Spießrutenlauf erspart geblieben ist.

Ruhe in Frieden, John, wir werden Dich auch ohne Nobelpreis nicht vergessen.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1233175203

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Axel, 29.1.2009 um 11:04 h:

Lieber Ulf, vielen Dank für diesen Nachruf. Er spricht mir aus der Seele. Mein erstes Updike-Buch war das letzte aus der Rabbit-Tetralogie "Rabbit at Rest". Nach der Lektüre dieses Buches wollte ich alles über Harry Angstrom wissen. Es war ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis. Inzwischen (nach mehr als zehn Jahren) habe ich sämtliche Bücher noch einmal gelesen und ich bin sicher, es war nicht das letzte Mal.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 29.1.2009 um 21:51 h:

Wir merken, dass wir alt geworden sind, wenn unsere Lieblingsschriftsteller sterben. Wie geht es eigentlich T.C. Boyle?

Link zu diesem Kommentar Axel, 30.1.2009 um 23:18 h:

Über Boyle war neulich ein Filmbericht auf arte. Leider habe ich nur die letzte Viertelstunde gesehen. Äußerst sympathischer Bursche, der uns glaub' ich noch lange erhalten bleibt.

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