Leser seit April 2002
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Mittwoch, 18.2.2009

Kinder, Kinder

Making out in Eastbourne

»Ihstbuhn!«, so werde der Ortsname ausgesprochen, erklärten mir meine Gasteltern, als ich am ersten Morgen beim englischen Frühstück am Küchentisch saß: lauwarme, dunkelviolette Wurstscheiben, gebratene Tomaten, Bacon und Spiegelei. Die Begebenheit liegt gut drei Jahrzehnte zurück und ich war am Abend zuvor im südenglischen Küstenstädtchen Eastbourne zu einem Sprachkurs angekommen.

Ich war sechzehn und fühlte mich ungeheuer erwachsen, ganz alleine so weit weg von zu Hause. Am Flughafen hatte ich mir eine giftgrüne Schachtel Dunhill Menthols besorgt und war erfreut, dass beide Gasteltern in ihrem engen Backsteinhäuschen wie die Fabrikschlote qualmten und es als Selbstverständlichkeit hinnahmen, dass ich, der Gast aus Deutschland, trotz meines jugendlichen Alters ebenfalls rauchte.

Das ließ sich prima an, dachte ich und dehnte meine Überlegungen auf alle Chancen aus, die sich mir in den kommenden drei Wochen bieten würden. Es müsste doch zum Beispiel mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht auch eines der Mädels aus dem Sprachkurs abbekommen würde.
Der Ausgang meiner amourösen Abenteuer offenbart sich dem aufmerksamen Leser bereits in der Formulierung »abbekommen«. Denn mit passivem Abwarten auf Abbekommen hat es wohl noch kaum ein Teenager zu einer Eroberung gebracht, selbst dann nicht, wenn er weltmännisch englische Mentholzigaretten qualmte. Also wundert sich wahrscheinlich niemand darüber, dass sich meine Absichten ganz unspektakulär in der milden, englischen Sommerluft der Siebzigerjahre in ein Nichts auflösten.

So richtig landen konnte damals nur der Jan; ein siebzehnjähriger, etwas kurz geratener, rothaariger Holländer aus unserem internationalen Sprachkurs, der es mit seiner großen Klappe geschafft hatte, eine gleichaltrige, schwarzhaarige Italienerin herumzukriegen, die er eines Nachmittags vor uns anderen und unter großspurigem Ansagen in ein Gebüsch kommandierte, wo es offenbar zur Sache ging. Das behauptete er zumindest hinterher, und wir Jungs glaubten Jan natürlich jedes Wort. Wir wollten ihm glauben.

Allerdings erinnere ich mich daran, dass ich damals ein ungutes Gefühl hatte, als Jan und die Italienerin ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr an ihren Namen aus dem Gebüsch zurückkamen. Die beiden sahen alles andere als glücklich aus. Sollte es das etwa gewesen sein? Das erste Mal hinter vegetalem Sichtschutz mit zwanzig verbissenen Beobachtern und möglicherweise auch Beobachterinnen in Rufweite? Ich beschloss, dem Jan sein Erlebnis doch lieber nicht zu neiden.

Alfie, Maisie und ChantelleUnd jetzt lese ich ziemlich entgeistert über Alfie und Chantelle aus Eastbourne, die gerade Eltern einer kleinen Maisie geworden sind. Alfie ist dreizehn und sieht vier Jahre jünger aus, Chantelle ist fünfzehn. Und alle Zeitungen schreiben, dass Alfie auf die Frage, wie er seine Familie denn einmal ernähren wolle, mit der Gegenfrage antwortete, was das Wort »finanziell« bedeute.

Mein Sohn ist auch gerade dreizehn, sieht aber zumindest im Gegensatz zu Alfie auch aus wie dreizehn. Und meine Tochter ist wie Chantelle fünfzehn. In Gedanken vergleiche ich die zwei mit den beiden frisch gebackenen Eltern da oben auf dem Bild. Es will mir einfach nicht gelingen, mir meine Kinder an Stelle von Alfie oder Chantelle vorzustellen. Ich befürchte, das wäre eine Katastrophe; weniger für mich, als für die beiden.
Ich male mir aus, wie mein Sohn womöglich in sechs Jahren auf seinen Schulabschluss büffelt, während zeitgleich sein eigenes Kind ein paar Zimmer weiter aufgeregt in der ersten Klasse sitzt. Stoff für ein paar erstklassige Albträume!
 

Die Zeitungen ziehen natürlich alle auch das Gegenbeispiel zu meinen Befürchtungen aus der Tasche und weisen auf James Sutton hin, einen Engländer, der 1999 im zarten Alter von zwölf Jahren Vater von Zwillingen geworden war und inzwischen als Zweiundzwanzigjähriger mit seiner (immer noch gleichen) Familie ein ruhiges Leben im Eigenheim führt.

Doch das Beispiel von James Sutton besteht nicht vor meinen Ansprüchen an einigermaßen zielgerichtete Lebensentwürfe. James und Alfie sind zehn Jahre ihrer Entwicklung beraubt worden. Wobei noch zu klären wäre, wer sie da eigentlich beraubt hat.

Ist es dieses oft bemühte Schicksal, das die Schuld trägt? Oder haben die Eltern entsetzlich versagt? Oder etwa diese schwer zu greifende »Gesellschaft«? Handelt es sich vorzugsweise um das Problem sozialer Randgruppen? Ist es die »Englische Krankheit«? Allein den Jungs und ihren Partnerinnen den Vorwurf zu machen, sie hätten sich eben selbst unwiederbringlich die Zukunft verbaut, scheint mir absurd. Einen solchen Vorwurf kann man meines Erachtens Dreizehn- oder meinetwegen auch Fünfzehnjährigen nicht machen.
 

Vollkommen irrational beschließe ich zunächst einmal, die Option Eastbourne als Ziel für Bildungsreisen meiner Kids zu streichen.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1234936801

Kommentare

Link zu diesem Kommentar kathleen, 18.2.2009 um 17:43 h:

Vielleicht hat auch einfach die Evolution Mist gebaut? Menschen in dem Alter schon einen Sexualtrieb zu verpassen, ist eine eher dumme Idee - es sei denn, man befindet sich in der Frühzeit des Menschengeschlechts.

Die Eltern allerdings - habe die nicht mitgekriegt, daß ihre Tochter schon ...? Müßte man da nicht in Sachen Verhütung geredet wie auch gehandelt haben?
Wie auch immer - es bleibt ein großes, erschüttertes Kopfschütteln.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 18.2.2009 um 23:41 h:

Vielleicht passt auch unser gesellschaftliches System einfach nicht zu unserer biologischen Entwicklung? Vielleicht hätten wir alle mal besser Urvölker bleiben sollen?

Was weiß denn ich? Aber erschüttert bin ich genauso wie du, Kathleen.

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