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Donnerstag, 7.5.2009

Spanische Splitter

Der goldene Schuss

Diese Erzählung widme ich meinem Neffen Marco. Marco ist Jurist und außerdem – viel wichtiger – ein Madridista, also erklärter Anhänger des gewichtigen Fußballclubs im Herzen Spaniens, deren Spieler man landläufig auch als Merengues bezeichnet und deren Hinchas bei Spielen der Champions League schon mal gerne ein Fußballtor niederreißen, das dann vor gelangweiltem Publikum in stundenlanger Prozedur wieder aufgerichtet werden muss, bevor die Partie endlich angepfiffen werden kann. So geschehen im April 1998 bei der Begegnung zwischen Real Madrid und Dortmund im Bernabeustadion in Madrid.

Aber ich schweife ab. Zwischen Marco und mir, dem erklärten Barcelonista, steht es seit dem vergangenen Wochenende sozusagen 2:6. Mit diesem Torergebnis demontierte nämlich der FC Barcelona die Madrilenen in deren eigenem Stadion im Kampf um den Titel in der spanischen Primera División. — Lieber Marco, lo siento muchísimo!

Was das mit dem »goldenen Schuss« zu tun haben soll, erschließt sich wahrscheinlich im ersten Ansatz weder dem Leser, noch Marco, dem geschätzten Neffen. Denn zumindest er wird keinen Bezug mehr aufbauen können zur deutschen Fernsehkultur und der legendären Fernsehserie der sechziger Jahre mit Vico Torriani.

Aber ich will das gerne erklären: Bekanntlich initiierte damals, in den Jahren der beginnenden, bundesdeutschen TV-Kultur der Moderator den televisiven Schuss auf den tellschen Apfel stets mit den rituellen Worten »Bitte, Peter, den Bolzen!«. Der solchermaßen instruierte Peter legte dann einen Schussbolzen in die Armbrust ein.
 

Ich bin sicher, dass gestern Abend, gegen 21.40 Uhr der werte Herr Pep Guardiola, seines Zeichens Trainer des FC Barcelona, zu seinem Exekutor Andrés Iniesta Luján auf spanisch sagte: Por favor, Andrés, la saeta!

Der auf diese Weise instruierte Herr Iniesta legte sich daraufhin den Schussbolzen zurecht und ballerte die Kirsche mit Urgewalt ins Kreuzeck des ehrenwerten Herrn Cech, in Amt und Würden als Torhüter des FC Chelsea, der mit seiner außergewöhnlichen Kopfbedeckung immer ein wenig an Snoopy, das Fliegeras erinnert, aber in diesem Fall trotz seiner martialisch wirkendenen Schutzbekleidung dem brachialen Akt des Schützen keine wirkungsvolle Abwehr entgegensetzen konnte:

1:1

Der besagte Bolzen des Herrn Iniesta bewirkte nun, dass die Herren Cech, Ballack und Konsorten im Fußballclub Chelsea in den wenigen verbleibenden Spielsekunden keine andere Gegenmaßnahme mehr ergreifen konnten, als den Unparteiischen aufs Heftigste zu beschimpfen und sich dennoch nach dem Halbfinalspiel aus dem europäischen Wettbewerb der Spitzenmannschaften zu verabschieden; weil das Beschimpfen des Schiris hat im Fußball ja noch nie etwas gebracht. Und außerhalb des Fußballs auch nicht.
 
Andrés Iniesta nach seinem goldenen Schuss

Mit einem Freundentänzchen feierte jedenfalls nicht nur Don Andrés dieses späte Glück in der dreiundneunzigsten Spielminute, sondern auch ich und mein Weißbierglas. Die historische Randnotiz von Sepp Herberger, dass ein Spiel neunzig Minuten dauert, hindert uns heutzutage nicht daran, auch drei, vier oder fünf Minuten nach dem eigentlichen Spielende noch substanzielle Ergebnisverschiebungen zu konstatieren.

Golden gelb vor Neid mag nun Neffe Marco das finale Resultat der Fußballpartie durch den goldgelben Schuss des gelb beunterhemdeten Schützen Iniesta hingenommen haben. Ich aber tröste ihn – zwar ungern – mit der Einsicht, dass es auch wieder anders kommen mag; für Barça möglicherweise schon im Finale gegen ManU in Rom am 27. Mai. Wir sprechen uns dann an dieser Stelle wieder.

Übrigens: Bei E-Script gibt es außer diesem noch 21 weitere »Spanische Splitter«. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1241729051

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