Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Dienstag, 23.6.2009

Brave New World

Zeugnisnoten II

Tochter 3.0 meckert herum, während ich im Marmeladenglas nach Belag für ihr Frühstücksbrot angle. Die selbst gemachte Erdbeerkonfitüre ist in diesem Jahr etwas flüssig geraten, schmeckt aber außerordentlich lecker. Das interessiert die Tochter aber gerade nicht. Lieber möchte sie wissen, warum ihre Eltern es nicht toll finden, wenn Schüler ihren Lehrern zum Beispiel bei Spickmich Noten geben können: »Wieso nicht? Die geben uns doch auch Noten!«

Tja, gute Frage, warum eigentlich nicht mal andersherum? — Ich schubse die Flüssigmarmelade auf dem Butterbrot von links nach rechts und wieder zurück. Natürlich könnte ich es mir einfach machen und darauf hinweisen, dass an der Schule unserer Kids die Lehrer auch keine eingedampften, numerischen Schulnoten vergeben, sondern für jedes Fach einen oder mehrere Prosaabsätze mit Bewertungen in die Zeugnisse schreiben. Zumindest bis zur achten Klasse. Aber ein solcher Hinweis meinerseits würde mir bestimmt als Feigheit vor dem Feinde ausgelegt.

Also reiche ich das Frühstücksbrot über den Tisch und nehme Tochter 3.0 ins Kreuzverhör: »Stell Dir vor, Du gehst hier durch die Stadt, und an jedem Laternenpfahl klebt so eine kopierte DIN-A4-Seite auf der steht, dass Sandra B. in der letzten Woche nur ein einziges Mal den Tisch gedeckt hat, die Spülmaschine nur an einem Abend ausgeräumt hat und ihr Zimmer seit über zwei Wochen aussieht, als ob Agent Orange und die Hiroshimabombe gleichzeitig darin gewütet hätten. Und darunter ist dann ein Foto abgedruckt, das einen Blick durch die Tür in Dein Zimmer zeigt. — Wie fändest Du das? Du weißt nicht, wer den Zettel in der ganzen Stadt verbreitet hat; und außerdem findest Du, dass das gar nicht wahr ist, weil Du die Spülmaschine immerhin an zwei Tagen ausgeräumt hast.«

Tochter 3.0 wirft mir einen Blick zu wie einem aussätzigen Brückenpenner, der sich seit Frühherbst 2008 nicht mehr gewaschen hat: »Das kann man nicht vergleichen, schon deshalb nicht, weil ich die Spülmaschine an drei Tagen ausgeräumt habe und an den beiden anderen Tagen gar nicht da war.«
Bestimmt würde sie mir jetzt die Zunge herausstrecken, wenn sie dann nicht Probleme bekäme, Brot und Flüssigmarmelade bei sich zu behalten. »Und außerdem: Wer ist Agent Orange?«

Ich verschiebe die Beantwortung der letzten Frage ins kommende Jahrzehnt und stelle lieber fest, dass mein schnell gebasteltes Beispiel gar nicht so schlecht ist. Man kann das schon nachvollziehen, dass Lehrer diese anonymen Bewertungen in zehn »Fächern« bei Spickmich nicht sonderlich schätzen. Dabei Objektivität zu erwarten, heißt doch nichts anderes, als auf das Prinzip Hoffnung zu setzen. Und die Wahrscheinlichkeit, von bespaßten und spaßigen Schülern enttäuscht zu werden, schätze ich sehr hoch ein.

Deshalb hätte ich auch fest damit gerechnet, dass der Bundesgerichtshof der Klage einer Lehrerin gegen die Spickmichel stattgeben würde.
Aber denkste! Eben muss ich lesen, dass die Bewertung von Lehrern im Internet laut BGH nicht gegen deren Persönlichkeitsrecht verstößt. — Auf unser Abendessen bin ich jetzt echt gespannt.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1245772801

Kommentare

Db?

Link zu diesem Kommentar Db, 28.6.2009 um 15:46 h:

Vielen Dank für das griffige Beispiel! Und, wie war das Abendessen?

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 28.6.2009 um 21:24 h:

Tach, Db, danke der Nachfrage; das Abendessen war sehr schmackhaft.
Aber im Ernst: Die Kids waren gar nicht sonderlich beeindruckt. Vielleicht hat sich die Lehrerbewertung bei Spickmich tatsächlich schon selbst überlebt, weil die Plattform mittlerweile »zur ›interaktiven Schülerzeitung‹ degeneriert ist, auf der die Bewertung von Lehrer/innen nur noch eine Marginalie darstellt«. (Quelle: Spickmich ist jetzt Bravo im Internet)

Ich argwöhne inzwischen, dass wir uns im Fall Spickmich mehr Gedanken machen als notwendig.

M7?

Link zu diesem Kommentar M7, 4.2.2010 um 13:57 h:

Hallo
und danke schön für die amüsanten und auch ínteressanten (= nachvollziehbaren) Anmerkungen zum Thema.
Ähnliches "durfte" ich mit meinem Sohn ebenfalls vor einiger Zeit erleben.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 4.2.2010 um 22:59 h:

Kinder sind doch stets ein Quell der Freude, nicht wahr, Frau oder Herr M7?

Kommentar abgeben: