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Montag, 6.7.2009

Historienkram

Hornberger Schießen 2009

Jetzt weiß ich, warum Googles Webmaildienst auch nach fünf Jahren noch immer nicht aus der Betaphase raus ist. Die viel gepriesenen Kontextanzeigen, die dem Nutzer auf Basis seiner E-Mailtexte relevante Werbung präsentieren sollen, sind entweder belanglos, reizen zum Lachen, oder rufen auf zum Widerspruch. Bereits im vergangenen April musste ich Googles Werbeabteilung auf fehlgeleitete Dauerberieselung hinweisen.

Wann haben Sie sterben? 10 wichtigen Thema. Machen Sie eine Tötung und nicht wissen! 2,99e/5tUnd letzthin überraschte mich die Werbespalte in meinem Postfach mit einem Schmankerl, das ich Euch nicht vorenthalten darf: »Wann haben Sie sterben?« Dem Todeslink musste ich natürlich sofort nachschleichen, mit der erhobenen Firewall im Anschlag und dem Spybot-Killer in der Hinterhand. Das Ergebnis meiner Expedition ins Land der gefährlichen Dummköpfe war banal: Irgend so eine obskure Firma will über den Link persönliche Daten mit gesundheitlichem Hintergrund sammeln (Rauchen, Trinken, Essen, Schlafen, etc.), das ist nichts Neues. Die grammtische und semantische Gestaltung der Anzeige allerdings gibt zu denken. »Du haben sterben? Tötung machen und nicht wissen?« — Ja, Du mich auch, Du Todesstern! (Am A**** hängt der Hammer.)

Ich räume ein, es ist nicht besonders ruhmreich, über Sprachschwächen von Ausländern im Deutschen herzuziehen. Aber warum müssen die auch unbedingt versuchen, Werbeslogans zu verfassen, die von Prägnanz und Schärfe leben. Das muss ja schief gehen! — Doch wie auch immer; die werbliche Frage nach dem Sterben und der Hinweis auf die Tötung und nix wissen haben mich letztlich an den alten Herrn Demjanjuk denken lassen, der in diesen Tagen in der Münchener Landespension Stadelheim einsitzt.

Hauptbeweisstück: Dienstausweis von Iwan Nikolai Demjanjuk

Ich bin zwar sicher, dass Demjanjuks juristische Befragung nach Tötung und Sterben in Sobibor dank kompetenter Dolmetscher in sprachlicher Hinsicht ein höheres Niveau haben wird als meine eben belästerte Lieblingswerbung. Dass allerdings inhaltlich Gehaltvolles im Prozess zu erwarten sein wird, möchte ich bezweifeln. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, fast fünfzig Jahre nach den Ereignissen in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager die Beteiligung eines kränkelnden Greises nachzuweisen, der einfach nur den Mund und seine Nickerchen im Gerichtssaal zu halten braucht.

Das Verhalten aller Beteiligten spiegelt Hilflosigkeit wider: Die amerikanischen Behörden weisen einen US-Bürger zum zweiten Mal nacheinander aus – und dies auch erst nach mehreren Anläufen –, weil sie so wenig wie möglich mit der Peinlichkeit eventuell überführbarer Nazischergen zu tun haben wollen; die israelische Justiz, die Herrn Demjanjuk bereits vor gut zwanzig Jahren zum Tode verurteilt hatte, hob dieses Urteil wieder auf; die deutschen Behörden, die den alten Mann aus moralischen Gründen nicht einfach vergessen kann und darf, muss sich bereits auf längere Prozessdauer einstellen: Demjanjuk ist zwar verhandlungsfähig, mehr als zweimal 90 Minuten pro Tag dürfen die Gerichtstermine jedoch nicht dauern. Und das ist sicher nicht die letzte Verfahrensauflage.

Mein Tipp zum Ergebnis des Prozesses: Das Verfahren wird Herrn Demjanjuk nicht überleben. — Nein, das n ist kein Tippfehler und ich meine es tatsächlich so herum. Die Gesundheit des Angeklagten wird so lange immer wieder in Frage gestellt werden, bis das Gerichtsverfahren eingestellt wird. Frei nach Schiller: »Da ging's aus wie's Schießen zu Hornberg und die Staatsanwälte mussten abziehen mit langer Nase.«

Ob allerdings Demjanjuk noch viel vom Leben haben wird, wenn alles vorbei ist, stelle ich in Frage. — Müssen wir da wirklich alle unbedingt durch?

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1246881068

Kommentare

Muriel?

Link zu diesem Kommentar Muriel, 7.7.2009 um 22:38 h:

Ich überlege jetzt schon eine ganze Weile, wie man diese merkwürdige Anzeige durch eine automatische Übersetzung aus dem Englischen erklären kann, aber ohne Erfolg. Vielleicht ist die Ursprungssprache eine andere.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 7.7.2009 um 22:51 h:

Die erwähnten Nachforschungen haben ergeben, dass die Betreiber der fragwürdigen Seite im Kleingedruckten eine Telefonhotline in der Schweiz angeben und an Stelle einer eindeutigen Impressumsangabe ohne Link auf das Unternehmen Total Tim mit Sitz in Lissabon verweisen, das im Verzeichnis portugiesischer Innovationsfirmen als Hauptaktivität »Mobile and Interactive Marketing Services« angibt.
Ein schöner Nepp ist das, und garantiert fallen wieder jede Menge Naivlinge darauf herein.

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