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Freitag, 17.7.2009

Sommergeschichte

Mendelssohn shocked (1)

Wie an jedem Werktag um diese Uhrzeit saß Mendelssohn in der Straßenbahn. Seit fünfundzwanzig Jahren fuhr er die selbe Strecke von zu Hause ins Amt; und um halb fünf in umgekehrter Richtung wieder nach Hause. Morgens stieg Mendelssohn an der Endhaltestelle der Linie 18 zu und setzte sich immer auf den gleichen Platz. Seit fünfundzwanzig Jahren. Nur einmal, da hatte sich doch tatsächlich ein anderer vor ihm auf seinen Stammplatz gesetzt. Diese Fahrt war die Hölle gewesen für Mendelssohn, und er ärgerte sich heute noch darüber, den Fremden nicht in die Schranken und von seinem Platz gewiesen zu haben.

Aber das war nicht seine Welt, das Aufstehen, das Aufbegehren, um jemandem die Meinung zu sagen. Nein, Mendelssohn hasste Auseinandersetzungen. Er hasste sie so sehr, dass er es sogar in Kauf nahm, sich auf einen anderen Sitzplatz in der Straßenbahn zu setzen und dabei die ganze Fahrt über den Blick nicht von diesem Fremden wenden zu können, der nicht genug Sensibilität zu haben schien, seine, also Mendelssohns Unruhe zu spüren, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und den Platz ungebeten frei zu machen.

Auch heute war Mendelssohn schlechter Laune. Seine Stimmung sank immer tiefer, je näher die Haltestelle am Amt rückte. Obwohl er heute auf seinem Platz saß, und überhaupt alles so zu sein schien wie immer, so wie es sein sollte. Auf seinem Schoß lag die schweinslederne, abgenutzte Aktentasche, die er von seinem Vater geerbt hatte, als ein Schlaganfall dessen Beamtenlaufbahn beendet hatte, damals vor zwanzig Jahren. An den Füßen trug Mendelssohn eines der beiden Paare brauner Lederschuhe, die er seit über zehn Jahren besaß und einmal im Jahr zum Schuster um die Ecke trug, um Sohlen und Absätze richten zu lassen. Und draußen, hinter dem Glas des Straßenbahnwaggons schien sogar die Sonne und versprach einen weiteren warmen Spätsommertag. Und dennoch war Mendelssohn miserabel gestimmt.

Denn tatsächlich war etwas eben doch nicht so, wie es sein sollte. Schon gestern und vorgestern war es nicht so gewesen, seit er nach drei Wochen aus seinem Jahresurlaub zurück an den Schreibtisch kehren wollte. Er hatte sein Büro gar nicht erst betreten, war sogleich weiter gelaufen, mit hallenden Schritten den langen Gang hinunter, die Treppe nach oben in den sechsten Flur. Ganz außer Atem hatte er geklopft an der Türe seines Chefs und beim Warten auf das »Herein?« hatte er sich die lange Haarsträhne wieder über den Schädel gelegt, die ihm während seines aufgeregten Laufes verrutscht war und wie ein Spaghettivorhang über sein linkes Ohr nach unten auf die Schulter hing.
Entsetzt, mit Speichel sprühender Ungeduld hatte er endlich seine Klage hervor gestoßen, dass das doch nur ein Scherz sein könne; wer denn soetwas habe zulassen können, er verstehe das nicht. Perplex hatte er dann dort gesessen auf einem der beiden Besucherstühle an der Besucherseite des Schreibtisch seines Chefs und dem Vorgesetzten gelauscht, der ihn ermahnte, doch ein bisschen flexibel zu sein. Während seines Urlaubs habe der Ministerialdirigent endlich die neue Heizungsanlage installieren lassen, auf die sie doch alle im Amt schon seit Jahren gewartet hätten, er doch auch, Mendelssohn, oder etwa nicht? Wo gehobelt werde, dort fielen eben auch Späne. Und freilich, das sei keine optimale Lösung mit dem Büro von Mendelssohn. Aber so katastrophal, wie er es schildere, sei es doch nun beileibe auch wieder nicht. Außerdem sei das gut für seine, Mendelssohns, Gesundheit. Man könne allem und jedem eine positive Seite abgewinnen, wenn man nur wolle.
Mittags in der Kantine hatten sie ihn dann ausgelacht, seine sauberen Kollegen. Man habe schon immer gewusst, spotteten sie, dass er, Mendelssohn, zu etwas Höherem geboren war. Und er solle doch froh sein; so habe er wenigstens seine Ruhe.

An seine beiden ersten Tage nach dem Urlaub musste Mendelssohn nun in der Straßenbahn denken, und ihm wurde ganz flau im Magen. Er verstand die Welt nicht mehr. Es konnte doch nicht angehen, dass Fehler gemacht und nicht unverzüglich wieder behoben würden.
Das fing schon im Kleinen an: Wenn ein Maler nicht nur die Wand anstrich, sondern auch Dinge, die nicht gestrichen gehörten, wie zum Beispiel den Türrahmen: Zu faul oder zu wenig organisiert, um den Rahmen abzukleben, und statt dessen eben einfach mit anzustreichen. Für derlei Pfusch hatte Mendelssohn kein Verständnis. Wenn er selbst die Dokumente und Anliegen der Antragsteller auf dem Amt derart unkonzentriert behandeln würde, man hätte ihn wahrscheinlich längst auf die Straße gesetzt. Oder zumindest versetzt, in eine andere Abteilung, vielleicht in den Keller ins Archiv. Denn das mit dem Rauswerfen war natürlich nicht so einfach für einen öffentlichen Arbeitgeber. Deshalb saßen die dümmsten Mitarbeiter, die Alkoholiker und die Pfuscher in einem fensterlosen Archivraum im Keller, in der Sibirienabteilung des Amtes.

Mendelssohn rutschte auf dem Straßenbahnsitz herum. Im Bauch spürte er eine kleine harte Stelle, als ob er eine heiße Stahlkugel verschluckt hätte. Bitterer Säuregeschmack kroch in ihm die Speiseröhre nach oben. Er hasste diesen Tag noch bevor er richtig begonnen hatte. Überall das Gleiche: Die Regierung brachte auch nichts zu Ende von dem, was die Politiker vollmundig versprochen hatten. Erst hatten sie das Rauchen in Gaststätten verboten, dann hieß es, in Bierzelten solle es erlaubt bleiben und jetzt waren sie vollends eingeknickt vor der Zigaretten- und Alkohollobby, die ihnen wahrscheinlich vorgerechnet hatte, wie viel Steuereinnahmenverlust das Rauchverbot mit sich brachte.
Jetzt würde wieder überall geraucht werden. Nicht dass ihn das persönlich sonderlich gestört hätte; schließlich ging er ohnehin so gut wie nie aus. Aber niemand brachte mehr je etwas vernünftig zu Ende. Alles war Pfusch.

Als er kurz vor der Amtshaltestelle aufstand, wurde es Mendelssohn schwindlig. Er klammerte sich an die Haltestange, schloss die Augen und atmete tief ein und aus, um die aufsteigende Übelkeit zurückzudrängen. Ohne sein willentliches Zutun wanderten seine Beine den Gehsteig entlang, zweihundertfünfzig Schritte bis zum Haupteingang des Bürogebäudes, an der Pforte vorüber, er nickte Alois kurz zum Gruß zu. Dann durch das Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock und den Gang entlang, dessen Linoleumfußboden seit Jahrzehnten den gleichen Geruch nach Bohnerwachs verströmte.

Vor seiner Bürotüre hielt Mendelssohn an, wechselte die Aktentasche in die Linke und stieg seufzend auf den Holzstuhl, der vor der Türe an der Wand stand.
 
[Was macht Herr Mendelssohn auf dem Stuhl? »]

(Wer zum Teufel ist dieser Mendelssohn?)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1247810401

Kommentare

Petra?

Link zu diesem Kommentar Petra, 19.7.2009 um 9:20 h:

Klasse!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 21.7.2009 um 22:43 h:

Freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt! =:o)

Kirre?

Link zu diesem Kommentar Kirre, 29.8.2009 um 15:59 h:

Ich bin zutiefst beeindruckt...

Nun muss ich dringend weiterlesen - Verzeihung

Liebste Grüsse, die vor Verzückung lächelnde Kirre

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 30.8.2009 um 17:22 h:

Hach! Schon zwei Leser(innen) …

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