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Freitag, 24.7.2009

Sommergeschichte

Mendelssohn goes 2.0 (2)

In seiner tristen Amtsstube im Bahnhofsviertel der Stadt saß Mendelssohn am Schreibtisch und atmete die staubige Luft der zurückliegenden Jahrzehnte. Sein Blick fiel auf das Regal an der gegenüberliegenden Wand, in dem säuberlich aufgereiht neun Aktenordner mit verblassten Rückenschildern standen: »Fischereischeine älter als 1985« bis »Fischereischeine 2008/10«. Sein berufliches Lebenswerk.

Mendelssohns Amtsstube, Juli 2010Auf dem Bildschirm des PehZehs las Mendelssohn die neuste Nachricht aus der Verwaltung: »Die Antragsdokumente der Antragssteller werden ab sofort nicht mehr papierhaft an die Bearbeiter verteilt. Sie erhalten nunmehr per Mail die geprüften und eingescannten Dokumente zur weiteren Bearbeitung. Eine Ablage in Aktenordnern erübrigt sich damit.«

Das bedeutete natürlich eine Arbeitserleichterung, da Mendelssohn jetzt nicht mehr täglich an der Poststelle die ihn betreffenden Papier abholen musste. Oder nicht mehr abholen durfte. Er brauchte die Amtsstube nun eigentlich nur mehr zu Arbeitsschluss verlassen und konnte die ausgefüllten Fischereischeine zu Feierabend an der Pforte zum Versand durch die Poststelle am nächsten Tag ablegen.

Mendelssohn warf über den Rand seiner Brille einen Blick auf den Blumentopf auf dem ansonsten leeren Schreibtisch gegenüber. »Ach, Franz«, sagte er zu dem dürren Ficus Benjamini im Topf, »wir werden ab jetzt noch mehr Zeit füreinander haben.« Und Franz antwortete mit raspelndern Stimme: »Dann bringen Sie mir doch bitte mal einen Schluck Wasser, Herr Mendelssohn.«

Seit man im Sommer des Vorjahres bei Renovierungsarbeiten die Bürotür in die luftige Höhe von Unterkante einen Meter gelupft hatte ein architektonisches Versehen, gewiss! war Mendelssohn immer stärker isoliert worden. Kollegen kamen inzwischen überhaupt nicht mehr vorbei, und Mendelssohn selbst war dazu übergegangen, an Stelle des Kantinenessens mittags ein mitgebrachtes belegtes Brot zu verspeisen, um sich das unnötige, zweimalige Übersteigen der Bürotürschwelle zur Essenszeit zu ersparen.

Die beiden letzten Papieranträge auf Erteilung von Fischereischeinen hatte Mendelssohn exakt um 14:35 Uhr in den aktuellen Ordner abgeheftet und lehnte sich danach in seinem Schreibtischstuhl zurück. Ab morgen würde er auf digitale Antragsformulare per Mail warten. Auf den täglichen Besuch bei der dicken Schmitz in der Poststelle konnte er ganz gut verzichten, stellte er erleichtert fest. Die war nicht nur hässlich, sondern hatte auch Mundgeruch.

Er schraubte die mitgebrachte Thermosflasche auf und goss den letzten Rest Grünen Tees gönnerhaft in den Blumentopf von Ficus Franz. »Prost!«

Kurz vor Feierabend, am Freitag, den 23. Juli 2010, 28° Celsius, hohe Luftfeuchtigkeit, Gewitterstimmung zum Wochenende.

(Wer zum Teufel ist dieser Mendelssohn?)

UB

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