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Freitag, 31.7.2009

Sommergeschichte

Mendelssohn fliegt beinahe schon zum Mond (3)

Am Freitag, den 27. Juli 2012, las Mendelssohn an seinem Schreibtisch zum dritten Mal hintereinander die als wichtig markierte Nachricht seines Vorgesetzten: »Die Bearbeitung der Anträge auf Erteilung von Fischereischeinen wird aus Effizienzgründen mit sofortiger Wirkung von der Fachabteilung an die Poststelle verlagert. Ihr künftiges Aufgabengebiet wird kurzfristig festgelegt. Halten Sie sich bitte bis auf Weiteres zur Verfügung.«

Mendelssohns Büro, Juli 2012Mendelssohn spürte, wie der Zorn in ihm aufstieg. So wütend war er nur vor Jahren einmal gewesen, als sich ein Fremder auf seinen angestammten Sitzplatz in der Straßenbahn gesetzt hatte. Aber wie damals würde er es auch diesmal nicht hinbekommen, seine Ansprüche durchzusetzen. Widerstand oder Widerspruch waren einfach nicht seine Sache.

Trotzdem bebte er vor Wut. Immerhin hatte er im zurückliegenden Jahr dreiundvierzig Anträge bearbeitet oder waren es vierunddreißig? Egal! , das sollte die Poststelle erst einmal schaffen. Diese Ignoranten!

Außerdem hatte Mendelssohn diesen Sommer erstmalig komplett auf seinen Jahresurlaub verzichtet. Er hatte sich die Urlaubstage auf sein persönliches Lebensarbeitszeitkonto gutschreiben lassen. Er würde also fünf Wochen früher in Rente gehen. Und trotz seines vorbildlichen Engagements erfolgte auf einmal diese offensichtliche Herabwürdigung seiner Leistung!

Mendelssohn kaute und würgte an seiner Wutattacke und warf sie schließlich wie einen nassen Wischlappen seiner Büropflanze, dem Ficus Benjamini Franz in den Topf: »Du mieser Wurz! Wie können die uns das nur antun? Tu doch etwas!«

Franz wedelte mit seinen Ficusblättern. »War das denn nicht absehbar, Herr Mendelssohn? Kurzarbeit aller Orten? Seien Sie doch froh, dass Sie noch nicht auf der Straße sitzen. Außerdem überschätzen Sie die Möglichkeiten einer Topfpflanze. Tun Sie selbst etwas!«
 

Pah! Selbst etwas tun. Der Franz hatte gut reden. Beleidigt strafte Mendelssohn den Ficus mit Missachtung und begann in Ermangelung wirklich zielgerichteter Tätigkeiten in der mitgebrachten Wochenzeitschrift zu blättern. Dabei stieß er zufällig auf einen Artikel, der seine Aufmerksamkeit fesselte:

»Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt schreibt Teilnahme am Programm für Mondbesiedelung aus«

Hastig flog Mendelssohns Blick durch die Gläser seiner Lesebrille über die Zeilen des Beitragstextes. » Freiwillige zur Besiedelung der ersten permanenten menschlichen Niederlassung auf dem Mond Zwischenstation für Langstreckenflüge ins All Depot, Quarantänestation, Handelsposten alle Altersgruppen vor allem Techniker, Informatiker und Geologen; aber auch andere Berufsbilder Projektbeginn geplant für 2020 «

Abrupt schloss er das Magazin. Wieso eigentlich nicht? Über kurz oder lang würden die da oben sicher auch korrekte Beamte wie ihn benötigen. Etwa um Genehmigungen für Mondspaziergänge auszustellen. Oder für die Bearbeitung von Aufnahmegesuchen Extraterrestrischer? Oder für die Verwaltung von Gesprächsguthaben der Erdkommunikation? Nach Hause telefonieren.

Auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Ganz sicher war dies der Grund für die Aufgabenverlagerung der terrestrischen Fischereischeinverwaltung in die Poststelle. Seine Vorgesetzten hatten Großes mit ihm vor! Mendelssohn konnte sich beruhigt zurücklehnen und seine Versetzung auf den Mond abwarten.

Endlich. Er freute sich sehr. Dort oben würden sie ihm bestimmt ein Büro zuteilen, dessen Türe in einer normalen Position angebracht wäre. Ob Topfpflanzen in der Mondsiedlung erlaubt sein würden? Und ob er vielleicht sogar eine Vorzimmerdame zugeteilt bekäme? Und ein Namensschild neben dem Türrahmen?

»H. Mendelssohn, Lunar Ambassador Of Public Affairs«!

(Wer zum Teufel ist dieser Mendelssohn?)

UB

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