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Freitag, 7.8.2009

Sommergeschichte

Mendelssohn hält durch (4)

Seit Monaten, so kam es ihm vor, hatte Mendelssohn seine Arbeitstage mit der geistigen Vorbereitung auf seine unmittelbar bevorstehende Versetzung in die Mondstation zugebracht. In allen Einzelheiten hatte er sich seinen Alltag als Pionier der Menschheit ausgemalt; wie er morgens mit seiner Ledertasche – denn auf die wollte er keinesfalls verzichten! – durch die Raumstation zum Mondamt gehen würde. Alle würden ihn, den »Lunar Ambassador Of Public Affairs« kennen, schätzen und grüßen. Womöglich musste er für den Arbeitsweg sogar einen Raumanzug tragen, um von seiner kleinen Privatstation am Rande des Mondkraters bis zum Hauptgebäude der Siedler zu gelangen. Oder vielleicht würden alle Angestellten von einem Mondshuttle an ihren Behausungen abgeholt und abends wieder nach Haus gebracht?

Mendelssohns Büro, August 2015Wie schon hier in der Straßenbahn würde Mendelssohn Wert darauf legen, dass er seinen persönlichen Sitzplatz im Mondshuttle bekommen würde.

Merkwürdig war nur, dass sein Vorgesetzter sich bisher noch nicht bei Mendelssohn gemeldet hatte. Seit diesem kryptischen Hinweis, man werde seine künftigen Aufgabengebiete kurzfristig festlegen und er möge sich zur Verfügung halten, hatte sich niemand mehr bei ihm gemeldet.
Wann war das gewesen? Er öffnete das Mailprogramm auf dem Bildschirm des Amts-PehZehs. Vier E-Mails lagen im Posteingang, die jüngste war die, mit der ihn der Chef seiner Aufgabe enthoben hatte, und trug das Datum 27.07.2012. Das war nun schon gut drei Jahre her; heute war Freitag, der 7. August 2015.

Mendelssohn blickte durch das schlierige Bürofenster nach draußen, wo sich seit dem Frühjahr täglich die dunkelgrauen Sommerwolken ballten. Den blauen, wolkenlosen Himmel, den er noch aus seiner Erinnerung kannte, gab es nicht mehr. Die Sommer in Deutschland waren in ein trübes, schwülwarmes Treibhaus verlegt worden.

Möglicherweise, sinnierte er, sollte er bei seinem Vorgesetzten einmal nachfragen, ob er ihn bei der Benennung von Mondpersonal berücksichtigt und nur noch nicht daran gedacht hatte, ihm, Mendelssohn, Bescheid zu sagen. Eine Stunde später hatte er einen perfekt formulierten Dreizeiler an den Chef getippt und klickte mit der Maus auf das Senden-Symbol.
Es dauerte keine drei Sekunden, bis eine Antwort in Mendelssohns Posteingang erschien. Halb erschrocken, halb neugierig öffnete er die Nachricht mit dem AW vor seinem Betreff:

»Ihre Nachricht hat einige oder alle Empfänger nicht erreicht. Folgende Empfänger konnten nicht erreicht werden: Dietzel Reiner am 07.08.2015 14:38.
Die E-Mail-Adresse wurde nicht gefunden. Möglicherweise wurde der Empfänger in eine andere E-Mail-Organisation verschoben, oder die angegebene Adresse weist einen Fehler auf. Überprüfen Sie die E-Mail-Adresse, und versuchen Sie es dann erneut.«

Nachdenklich starrte Mendelssohn die Zeilen der Systemmeldung an. Wo war sein Chef abgeblieben? Wann hatte er ihn eigentlich zuletzt gesehen? — Je länger Mendelssohn in seinem Gedächtnis kramte, desto weiter gelangte er in die Vergangenheit zurück. Wenn er es recht bedachte, dann mussten sich Herr Dietzel und er nach seinem Urlaub im Jahr 2009 gesehen haben, damals als er ins Amt zurückgekehrt war und seine Bürotüre stark verändert vorgefunden hatte. Das war vor sechs Jahren gewesen.

Genau genommen hatte Mendelssohn seit geraumer Zeit keinen seiner Kollegen mehr gesehen oder am Telefon gesprochen. Ohne Arbeitsaufgaben brauchte er sich schließlich mit niemandem abzustimmen. Im vorletzten Winter war er sogar eines Tages fast eine ganze Stunde lang vor der verschlossenen Haupteingangstüre gestanden und hatte sich dann glücklicherweise an die Hintertüre erinnert, durch die die Schmitz von der Poststelle und andere immer zum Rauchen hinausgeschlüpft waren. Die Türe war unverschlossen gewesen, und seither verwendete Mendelssohn diesen Zugang als Schlupfloch. Seit jenem Tag hatte er auch den Pförtner Alois nicht mehr getroffen.

Wie ferngesteuert stand Mendelssohn vom Schreibtisch auf und kletterte durch seine Hochtüre hinaus auf den Gang. Er ging von Tür zu Tür, doch alle waren sie abgesperrt. Nur seine eigenen Schritte hallten durch den dunklen Flur. Probeweise stieg er noch hinauf in die Chefetage und rüttelte dort an verschiedenen Türgriffen. Doch es war ihm längst klar: Er war der letzte Mitarbeiter hier im Amt. Alle anderen waren verschwunden.
 

Als er wieder zurück in sein Büro geschlurft war, ganz langsam, so als ob er die zentnerschwere Last der Erkenntnis auf seinen Schultern durch die Flure schleppen musste, sank Mendelssohn auf seinen Schreibtischstuhl. Sein verwirrter Verstand schlug sich einen Pfad durch den Urwald der Vergangenheit. Er verwarf verschiedene Erklärungsmöglichkeiten als unwahrscheinlich und konzentrierte sich schließlich auf die einzig plausible Variante. Es gab keine andere Lösung:

Das gesamte Amt war auf den Mond versetzt worden. Sie waren vermutlich gerade alle dabei, sich im Trainigszentrum für Astronauten fit für den Einsatz zu machen. Nur ihn, Mendelssohn, hatten sie nicht mitgenommen.
Die Wucht des Begreifens ließ seinen alten Körper auf dem Stuhl in sich zusammensacken. Wie bewusstlos saß er mehrere Stunden ohne jede Regung vor dem Schreibtisch. Doch auf einmal richtete sich Mendelssohn auf, als ob frische Luft in ihn zurückgeblasen worden wäre wie in eine Gummipuppe. Seine Augen glänzten hinter den dicken Brillengläsern.

Nun gut, nicht er war auf dem Weg zum Mond, sondern die anderen. Andererseits bedeutete das für ihn eine ungeheure Verantwortung. Sie ließen ihn auf der Erde zurück als ihren einzigen Vertreter. Damit war Mendelssohn zum Amtschef geworden, auch wenn ihm das niemand mitgeteilt hatte.

Als er an diesem Abend das Büro verließ, sah er sein Gebäude mit ganz anderen Augen. Fröhlich pfeifend trat er durch die Raucherpforte hinaus in die statisch aufgeladene, feuchte Luft des Sommerabends.

(Wer zum Teufel ist dieser Mendelssohn?)

UB

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