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Freitag, 14.8.2009

Sommergeschichte

Mendelssohn wartet auf Mail vom Mond (5)

Gleich am ersten Tag, nachdem er im August des Erdjahres 2015 die provisorische Verantwortung in der Behörde übernommen hatte, begann Mendelssohn mit den Vorbereitungen. Er überprüfte jede einzelne der Zimmertüren des Verwaltungsgebäudes; wie erwartet waren alle Büros verschlossen worden; alle bis auf sein eigenes, das mit der merkwürdig platzierten Türe. Das E-Mailsystem funktionierte jedoch nach wie vor, er schickte sich selbst eine Testnachricht aus einem Internetcafé, die in der Tat im Büro ankam. Auch sein Telefonanschluss war von außerhalb einwandfrei erreichbar. Es hatte also alles seine Richtigkeit.

Mendelssohns Büro, August 2020Zumindest war sicher gestellt, dass seine ehemaligen Vorgesetzten noch vor ihrer Abreise auf den Mond Kontakt zu Mendelssohn aufnehmen konnten, falls es noch Instruktionen für den neuen Behördenleiter geben sollte. Mendelssohn war auf alle Eventualitäten vorbereitet. An der Pforte hinter der verschlossenen Eingangstüre in das Amtsgebäude hatte er eine Liste mit den Namen aller ehemaligen Kollegen gefunden, die er mitnahm, nachdem er das Empfangstelefon auf seine eigene Nebenstelle umgeleitet hatte.

Der zunehmenden Verschmutzung im Gebäude begegnete er, indem er mit Putzmitteln, die er auf seinen Rundgängen durch das Amt in verschiedenen der unverschlossenen Kammern vorfand, zumindest seinen Weg von der Rauchertüre, die er weiterhin als Ein- und Ausgang benutzte, bis zu seinem Büro sowie das Büro selbst einmal alle drei Monate säuberte. Schließlich war Mendelssohn ein verantwortungsvoller Mitarbeiter.

Sorgen bereitete ihm lediglich, dass im Herbst 2018, als die Temperaturen sanken, die Heizungsanlage des Amtsgebäudes nicht mehr ansprang. Die Kellertüren waren alle verschlossen, so dass er gar nicht versuchen konnte, das Ding wieder zum Leben zu erwecken.
Allerdings hatte sich das Wetter in Deutschland über die zurückliegenden Jahre hinweg kontinuierlich verändert. Das ganze Jahr über hingen nun dichte Wolken tief am Himmel, so dass es in den Sommern nie extrem warm, aber auch in den Wintermonaten nicht mehr sehr kalt wurde. Im Wollpullover und einer Jacke ließen sich sogar Januar und Februar ohne Heizung ganz gut ertragen, auch wenn der Putz im ganzen Gebäude feucht wurde und abzuplatzen begann.

Weiterhin prüfte Mendelssohn zweimal täglich seinen E-Mail Posteingang. Er wartete unverdrossen auf Nachricht von der Erde oder vom Mond.

Vergebens. Am Freitag, den 14. August 2020, als Mendelssohn seinen PehZeh starten wollte, stellte er fest, dass der Strom im Gebäude ausgefallen war und dadurch Telefon und IT nicht mehr zur Verfügung standen.
Mendelssohn wusste dies sofort zu deuten: Seine Amtskollegen waren jetzt tatsächlich auf den Mond umgezogen. Ab sofort war er der letzte irdische Repräsentant der Behörde.

Er straffte sich innerlich und übernahm die volle Last der Verantwortung. Am nächsten Tag gab Mendelssohn auf eigene Kosten bei einem Schildermaler ein Namensschild in Auftrag, das er kurz darauf an der Wand neben seiner Bürotüre anbrachte:

»H. Mendelssohn, Terrestral Ambassador of Public Moon Affairs«

(Wer zum Teufel ist dieser Mendelssohn?)

UB

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