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Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Freitag, 18.9.2009

Wahlkrampf 2009

Isch kandidiere nich'!

»Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.« Diese Erkenntnis hat André Gide bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Worte gefasst. Die politische Gilde nicht nur Deutschlands verdrängt diese Wahrheit und zieht es vor, wie der Hase vor dem Jagdhund in todesähnliche Starre zu verfallen.

Dabei gäbe es so viele Standpunkte, die es verdient hätten, mit äußerster politischer Vehemenz vertreten zu werden. So viele neue Erdteile könnte man ansegeln, um unserem Staat, unserem Kontinent und unserem Planeten eine wirklich bessere Zukunft in Aussicht zu stellen.

Wir alle brauchen umweltschonende Energieen. Dringend benötigen wir die bestmögliche Ausbildung und Erziehung der nachfolgenden Generationen. Und zweifellos haben wir immensen Bedarf an umfassender medizinischer Forschung, um dramatische menschliche Einzelschicksale, die sogar unsere eigenen Sein könnten, zu verhindern. Das sind lediglich drei beispielhafte Themenfelder, die uns allen so sehr präsent sind, dass allein ihre Aufzählung an dieser Stelle an abgedroschene Plattitüde grenzt.

Womit aber beschäftigen sich unsere zu wählenden Vordenker und Visionäre?
Mit der finanziellen Rettung von Automobilkonzernen, deren Fahrzeuge überteuerte, in Metall und Plastik gegossene, energetische Witzmodelle sind. Mit Hickhack um die Fragestellung, ob Tschernobyl & Co. beherrschbare Energielieferanten sein können, sei es auch »nur« für die kommenden ein oder zwei Jahrzehnte.
Mit Kampfgeschrei zu den Fragen, ob Privatschulen mehr als zweihundert Euro Schulgeld pro Monat und andererseits Universitäten gar keine oder nun doch? Studiengebühren erheben dürfen.
Mit Kostenbeteiligung der Krankenversicherten und seitenlangen Katalogen zur Beschränkung von gesetzlichen Kassenleistungen.
Meister sind wir! Meister in der Verwaltung des in grauem Mörtel erstarrten Status Quo.
 

André Gide aber ließe sich interpretieren: Wir brauchen keine bruchstückhafte Vergangenheitsbewältigung sondern Zukunftsperspektiven!

Die Hürde hierbei ist gewiss kein Geldmangel sondern schlicht fehlende Vorstellungskraft. Oder zumindest Angst vor der eigenen Courage. Mit Mühe sind wir dabei, längst unzeitgemäße Subventionen (Stichwort Kohleförderung) abzubauen, und übersehen gleichzeitig, dass wir mit dem Hätscheln der ach so kostbaren Automobilindustrie bereits die nächste sterbende Technologie künstlich beatmen. Wollen wir Egoshooter auf vier Rädern oder umweltverträglichen Transport von A nach B?

Seit vielen Jahren stellen wir Sinn und Zweck unbeschreiblich teurer Militäreinsätze in Frage und bedauern im nächsten Nebensatz die chronische Unterversorgung unserer Sicherheitskräfte vor Ort zu Hause. Mir hat noch niemand nachvollziehbar erklären können, wieso nicht Äußere und Innere Ordnung in einer einzigen Schutztruppe vereint werden könnten Skaleneffekt nennt man sowas seit vielen Jahren in der freien Wirtschaft.

Unter welcher objektiven Rechtfertigung dürfen noch immer sechzehn aufgeblähte, deutsche Kultusministerien an sechzehn unterschiedlichen Bildungsmodellen herumbosseln, die dann doch nur für interregionalen Unmut und Verärgerung sorgen?

Woraus ergibt sich die Notwendigkeit weiterer landespolitischer Extrawürste hinsichtlich lokal begrenzter Sonderregelungen, zum Beispiel in Bezug auf Nichtraucher- oder Rauchergesetzgebung? Sind etwa Berliner weniger nikotinsuchtgefährdet als meinetwegen Bayern?

Das alles sind Beispiel für alte Zöpfe, die es endlich abzuschneiden gilt. »Alte Küsten«, die man ruhigen Gewissens aus den Augen verlieren darf. Muss. Ein bisschen natürlich schon für mich/uns selbst; aber vor allen Dingen für meine/unsere Kinder.

Statt Unsummen an Steuereinnahmen in anachronistische Unternehmungen zu pumpen, könnten wir uns womöglich objektiv wichtigeren Zielen widmen, vielleicht dem organisierten Kampf gegen Krebs?
 

Einer Partei, die sich uneingeschränkt solche Grundsätze auf die Fahnen schriebe, würde ich am 27. September nur zu gerne meine Kreuzchen geben; ganz unabhängig vom möglichen Wahlerfolg, nur um signalisieren zu können: »Daran liegt mir!«.
Die Grünen waren einmal so eine Partei. Früher, vor vielen Jahren. Heute sind auch sie »arriviert«, wie man so sagt. Infiziert vom Virus des politischen Machtstrebens und des Machterhalts.

Wir lesen uns wieder in zehn Tagen. Sobald mein dünnes Proteststimmchen für die Piratenpartei? oder doch gegen alles Etablierte als großes Kreuz quer über den Wahlzettel? ungehört in den Gullis der Wahlstatistiken versickert und der politische Grundkurs entlang der alten Küsten erneut formale Rechtfertigung erfahren haben wird.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1253253601

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 19.9.2009 um 15:45 h:

lieber Ulf könntest du meinen Beitrag zum Freitagsbild bitte weiterleiten....
-Vor der Wahl hatte er kein Blatt vor den Mund genommen,
nach der Wahl sah die Sache ganz anders aus...-
Danke

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 19.9.2009 um 22:46 h:

Ich kann das natürlich schon übernehmen, wenn es technische Schwierigkeiten gibt. Geht aber eigentlich ganz einfach: Den Beitrag beim Herrn Formschub anklicken, dann ganz nach unten zu den Kommentaren scrollen, Formular ausfüllen wie gehabt und ab die Post

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 21.9.2009 um 23:45 h:

Deinen Textvorschlag habe ich jetzt mal wie gewünscht in Deinem Namen transferiert. Bis jetzt war er nämlich nicht dort zu finden, obwohl er gut ist. Mein persönlicher Favorit, möcht ich sagen

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 23.9.2009 um 12:10 h:

Danke...
übernehmen Sie Tiger

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 24.9.2009 um 19:45 h:

Gern geschehen. Es geht morgen übrigens weiter mit den Freitagstextern beim Signore Giardino!

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