Leser seit April 2002
Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten. Beinahe ein Journal.


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Montag, 21.9.2009

Neulich am Hammermann

Benzingespräche

Spaziergang über die IAA 2009 mit einem Automuffel

Ich räume ein: Aus Autos mache ich mir überhaupt nichts. Das letzte Vierrad, zu dem ich eine innige, sentimentale Beziehung hegte, war ein VW-Bus (für Insider: Modellreihe T2), der in liebevoller Handarbeit zum rudimentären Wohnmobil ausgebaut worden war und mit dem ich so manches erlebt habe. Das aber ist fünfundzwanzig Jahre her, und mit dem T2 ist auch mein Faible für Automobiles in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

Die Internationale Automobilausstellung besuche ich aber trotzdem gerne und regelmäßig alle zwei Jahre. Zum einen, weil sie vor der Haustüre stattfindet; zum zweiten, weil die Eintrittspreise sehr zivil sind; und zum dritten, weil der Sohn 2.0 so gerne hingeht. Er schwärmt schon immer Wochen vorher davon und macht dann auch gerne lustige Sachen mit den Exponaten.
 
Neuerdings ermöglicht die Leichtbauweise Erstaunliches!

Wir beide gehen da also hin. Besser gesagt: Wir fahren da hin, standesgemäß mit dem Fahrrad hinunter an den Main zum Frankfurter Messegelände. Der Sohn eilt voran, er hat seine Ziele längst abgesteckt; und ich tappe staunend hintendrein.

Los gehen soll es bei BMW, am anderen Ende des Geländes. Die haben da so eine Zukunftsstudie, sagt der Sohn, die muss man gesehen haben. Auf dem Weg dorthin kommen wir auf dem Freigelände an einer Menschentraube vorbei. Um einen Chevrolet stehen, sitzen und liegen regungslos mehrere junge Menschen herum, im konzentrierten Zungenkuss mit dem Metall des Wagens. Wir erfahren, dass hier der ausdauerndste Küsser des Blechs zuletzt den Wagen mit nach Hause nehmen darf.

Lachend (Sohn) und stirnrunzelnd (ich) nehmen wir erneut unsere Wanderung zur brandneuen Halle 11 (BMW) auf. Der angekündigte Konzeptbolide aus Bayern erweist sich als kühle Studie im Halbschatten der Halle, bewacht von einer zaundürren Amazone, die wohl alle technischen Details des Wagens in Gedanken rekapituliert, während sie hoheitsvoll mit ernster Miene für die fotografierende Meute posiert.
 
Konzept für die Zukunft?

Das automobile Geschoß besitzt auf dem Papier alle Eigenschaften bereits existierender Edelflitzer; und darüber hinaus auch noch einen respektablen, nur zweistelligen CO2 Footprint samt Benzinverbrauch eines Kleinstwagens. In Serie wird er wahrscheinlich in zwanzig oder dreißig Jahren gehen, wenn ich längst wieder mit meinem geliebten T2 in der Ewigkeit vereint sein werde.

Bis dahin steht ein anderes BMW-Modell im Zentrum des Publikumsinteresses. Um den bereits jetzt käuflich erwerbbaren X6 M – eine Art aufgeblasenem X5 plus mit einem Extraschüppchen Pferdestärken obendrauf – scharen sich die Besucher in dichten Wolken. Es gelingt mir lediglich, einen Blick auf das Täfelchen mit den Umweltwerten des Neuen zu werfen: Zwanzig Liter Benzin auf hundert Kilometer und deutlich über dreihundert Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer.

Auf unserem Weg aus der Halle fällt mit ein, dass vor zwei Jahren bei BMW einige Standardmodelle mit einem bombenartigen Wasserstofftank im Heck zu sehen waren. Was mag aus diesen Ökomobilen wohl geworden sein? In diesem Jahr ist nichts mehr von ihnen zu sehen.
 

Unser nächstes Ziel sind die Exponate von Aston Martin, der erklärten Lieblingsmarke des Sohnes. Auf dem Weg zu den Bondmobilen bleiben wir jedoch zunächst an einer auffälligen Studie der französischen Automarke Peugeot hängen.
 
Riding french!

In der Kutsche sitzen vier Personen nicht auf den üblichen Polsterbänken und -sesseln, sondern nehmen auf zwei längs gerichteten Barren Platz. Hinten steigen zwei Passagiere im Reitersitz auf ihre Plätze, dann werden die Rückenlehnen von Fahrer und Copilot in die Senkrechte geklappt, die beiden nehmen ebenfalls auf ihren Sätteln Platz und auf geht es mit einem fröhlichen Wiehern in Richtung Avignon. — Ho, Brauner, ho!

Wir kichern immer noch, als wir in die Halle mit den PS-Boliden für gut gepolsterte Bankkonten einlaufen. Doch die Fröhichkeit soll uns hier rasch vergehen.
Es herrscht ein ungeheuerliches Gedränge. An die Ferraris ist nicht heranzukommen, und nebenan fauchen die Jaguare wild angesichts des Publikumsansturms, wahrscheinlich riechen sie den Menschenschweiß. Inmitten der Massen haben sich wagemutige oder wahnsinnige Eltern mit ihren Kleinkindbuggys hoffnungslos verkeilt. Die Kinder brüllen wie am Spieß; ob wegen der lauernden Jaguare oder der Enge, wir wissen es nicht. Gegenüber lungern ein paar dicht umlagerte Elisen von Lotus herum und versperren den Zugang zum Stand von Aston Martin.

Unerschrocken bahnen wir uns mit den Macheten einen Weg zum Eingang in den Stoffglobus von Aston. Handverlesene Besucher dürfen die kleine Arena mit einem einzigen Ausstellungsmodell betreten. Wir tun so, als hätten wir Geld, und stehen schließlich vor dem sagenumwobenen Modell für Geheimdienstagenten, die in die Jahre gekommen sind und womöglich neben der Geliebten auch noch ein oder zwei Kinder mitnehmen müssen: Ein Aston Martin für die Familie! Oder zumindest für vier Fahrgäste.
 
Martins Köfferchen

Hier geht mir zum ersten Mal während des Messebesuches das Herz auf. Ein Blick in den Kofferraum des exklusiven Gefährts offenbart mir einen erstaunlich üppigen Kofferraum, der sich ohne Abtrennung hinter zwei fipsigen Campingstuhllehnen erstreckt. Das Beste aber sind die beiden handvernähten Reiseköfferchen – oder sind das Schulränzchen für Kinder von Besserverdienenden? – in cremefarbenem Leder, für die eigens eine Vertiefung in den Laderaum eingearbeitet wurde.
Bei derlei Liebe zum Detail vergesse ich doch glatt die Frage nach den Umwelteigenschaften des Gefährts. Wahrscheinlich hätte ich sowieso nur verständnislose Blicke geerntet, hätte ich nachgefragt.

Aber wo wir gerade bei Handarbeit sind: Mich beeindrucken die Tempel der automobilen Marktführer, in denen wir Götzen auf vier Gummiwalzen anbeten, nicht so sehr wie die kleinen, aber feinen Anbieter. Auf dem Stand der Automobilmanufaktur Wiesmann kann man zum Beispiel zusehen, wie eines ihrer barock gerundeten Echsenfahrzeuge live und in Handarbeit Schritt für Schritt, oder besser: Handgriff für Handgriff wächst. Da könnte ich stundenlang gucken und staunen, auch wenn ich natürlich niemals das Geld für so einen Wagen ausgeben könnte oder wollte. Ab 139, sagte der Mann mit dem silbernen Echsenpin am Anzugrevers. Und meint damit Tausend. Euronen. Und »ab« heißt natürlich nur, dass darunter absolut gar nichts geht.

Für uns beide geht es also weiter durch diverse Hallen, und wir lassen nichts aus, bis wir im Schatten des Messeturms angekommen sind, wo wir noch beim VW-Konzern und bei Merzedes vorbeischauen möchten. Die Leute von Volkswagen geben sich bescheiden, lackieren fast alle Modelle weiß und kleben ein Blue-Motion-Schildchen drauf, was bedeuten soll, dass die Kisten ein paar Schnapsgläschen weniger Sprit verbrauchen als ihre Vorgänger. Den phetten Phaeton und den tonnenschweren Tuareg habe ich übrigens vergeblich gesucht. Die waren entweder gut versteckt, oder lieber gleich im Lager gelassen worden.

Bei den Kollegen von Audi hingegen zelebriert man Technik wie eh und je. Im Mittelpunkt steht eine vollverchromte Flunder mit der Typenbezeichnung R8. Hier gibt es keine »Blaue Bewegung« wie nebenan bei den Wolfsburgern.
 
Audi R8 5,2 Liter quattro in Chrom

In Halle 1 unter dem »Guten Stern« geht meine Verwunderung sogar noch weiter. Weltpremiere! Hier wird der neue Kombi der E-Klasse präsentiert. Ich sehe zu, wie ein Merzedesverkäufer dem potenziellen Kunden erklärt, dass man den Kofferraumboden und das Reserverad herausnehmen könne. Da könne man schon eine ganze Menge unterbringen. Und tatsächlich gähnt da eine riesige Grube unter der hochgehobenen Kofferraummatte.
Der Interessent schließt sofort messerscharf: »Da kann ich ja einen gigantischen Gastank einbauen!« Aber dazu schüttelt der Verkäufer sofort bedauernd den Kopf. Nein, für den Gasbetrieb gebe es keine Freigabe der neuen E-Klasse. — Wir haben verstanden.
 

Was also soll ich sagen, nach sechs Stunden IAA. Ein Resümee?

Eines ist klar: Weiß ist das neue Schwarz! Das haben wahrscheinlich alle außer mir schon längst gewusst. Aber mir als Automuffel wurde das erst klar, als ich nach all den weiß lackierten Autos in den Hallen draußen vor den Toren des IAA-Geländes wieder mit der schwarzen Armada des Status Quo konfrontiert wurde.
Und noch etwas gibt es hinsichtlich der Lackierungen zu vermelden: Matt ist das neue Perlmutthochglanz! Wer seine Abwrackersatzkiste bereits voraus schauend in mattweißer Lackierung geordert hat, liegt voll im Trend.
Ansonsten fällt mein Fazit zur IAA betrüblich aus. Die Angst sitzt den Konzernen zwar offensichtlich im Nacken, wenn man sich all die weiß gelackten Blue Motions, Efficiencies und sonstigen blauen Konzepte ansieht. Aber außer Konzepten und Studien hat sich hinsichtlich der Umweltverantwortlichkeit in der Automobilbranche nicht viel getan in den letzten Jahren. Bei der Grundeinstellung der Ausstellungsbesucher allerdings auch nicht, wenn man sieht, wo sich noch immer die Massen ballen.

Aber der Sohn kam voll auf seine Kosten, auch wenn er während des Heimwegs auf dem Drahtesel anmerkte: »Die Amerikaner waren dieses Jahr gar nicht dabei, oder?«
Na ja, beinahe nicht. Denn zuletzt war dann doch sogar für mich noch etwas dabei auf der IAA 2009.
 
Riding a Fat Boy

Und beinahe hätt ich es vergessen; da war auch noch der Glückskeks vom Infostand in der BMW-Halle. Auf meinem Zettelchen stand: »Wer sich freut, braucht sich nicht zu ärgern.« — Wie wahr.

Technischer Hinweis: Die wunderbaren Fotografien auf dieser Seite wurden allesamt eigenhändig von Sohn 2.0 oder mir unter Zuhilfenahme zweier Handycams mit der Hochauflösung von 640 × 480 Pixel verwackelt.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1253512801

Kommentare

schmerles?

Link zu diesem Kommentar schmerles, 25.9.2009 um 16:08 h:

Mehr als so einen schönen text zur IAA muß ich gar nicht haben, schon gar keinen Besuch derselben!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 26.9.2009 um 0:54 h:

Ich müsste das ja eigentlich auch nicht haben. Andererseits bin ich dem Sohn verpflichtet dafür, dass er mich dorthin schleppt. Der Unterhaltungswert ist auch für Automuffel enorm. — Und Dir danke fürs Lob …

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