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Freitag, 9.10.2009

Elektrodomestiziert

Herr Mens und das blaue Grün

Guten Freunden bringt man gerne etwas mit von Reisen oder von gelungenen Ausflügen. Sozusagen um ihnen nachträglich mitzuteilen, dass man sich gefreut hätte, die frohen Momente mit ihnen teilen zu können. Vor ein paar Tagen tappte ich ganz in diesem Sinn die Treppe hinunter in den Keller; einen Korb mit leeren Flaschen in der linken sowie ein kleines Metallplättchen verborgen in der rechten Hand.
Im Lagerraum räumte ich zunächst geschäftig Flaschen in zugehörige Getränkekisten, während mein Freund Mens, der im Halbschatten hinter der Kellertüre stand, leise vor sich hin brummend so tat, als habe er mich nicht bemerkt. Als es beim besten Willen nichts mehr hin und her zu räumen gab, räusperte ich mich und sprach meinen Freund an: »Sie, Herr Mens«, sagte ich. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.«

Überrascht verstummte Mens. »Sehen Sie nur«, fuhr ich nach einer Kunstpause fort, während derer sich die Neugier meines Freundes ins Unermessliche steigerte, so hoffte ich zumindest. Ich öffnete meine Rechte, auf deren Handfläche nun offen das mitgebrachte Metallstück lag, und streckte sie ihm entgegen.

Blue Efficiency Sticker»Blue Efficiency«, las Mens langsam und mit blecherener Stimme vor. »Was ist das?«
»Das ist für Sie, Herr Mens«, antwortete ich feierlich. »Das habe ich Ihnen von der IAA mitgebracht. Von der Internationalen Automobilausstellung.«
Das menssche Kühlaggregat sprang an und er begann wieder zu brummen. »Was soll ich damit, Herr Вrоѕѕmаnn«, schnarrte er. »Ich bin kein Auto, ich bin ein Kühlschrank. Soll ich das Ding etwa für Sie kühlen?«

In seiner Stimme hörte ich einen ersten Anflug von Indignation, deshalb beeilte ich mich, erklärend hinzuzufügen: »Das soll eine Auszeichnung sein, Herr Mens. Eine Auszeichnung für Sie. Meine Auszeichnung zum Dank für Ihre jahrelangen, unermüdlichen Dienste. Eine Art Orden! Verstehen Sie?«

»Ein Orden? Blue Efficiency? Was bedeutet das?« Mein Freund klang verunsichert. Er wusste offenbar nicht, wie er das Kompliment verstehen sollte. Also setzte ich zu einer Erklärung an:
»Die Plakette habe ich von einem dieser weiß lackierten Merzedesse in der Messehalle eins abgeknibbelt. Extra für Sie, weil ich sofort an Sie denken musste. Blue Efficiency, verstehen Sie doch, blaue Effizienz! Blau ist das neue Grün. Zumindest in der Automobilbranche. Blaue Effizienz bedeutet gelebtes Umweltbewusstsein, wer blau-effizient ist, ist ein ausgewiesener Freund der Menschheit.«

»Aber, Herr Вrоѕѕmаnn«, Herrn Mens Stimme klang jetzt belegt. »Wie kommen Sie denn auf die Idee, mir blaue oder grüne oder meinetwegen auch rosarote Effizienz anzudichten? Sie wissen doch, wie alt ich bin und dass es beileibe umweltfreundlichere Kühlschränke als mich gibt. Die beiden Liebherren da oben in Ihrer Küche zum Beispiel.«
»Ach, papperlapapp, Herr Mens. Ich weiß genau, dass Sie mit meinem Strom so sparsam umgehen wie nur eben möglich. Und wie sie letzthin, zum Geburtstag meiner Frau, diese ungeheuerliche Aufgabe gemeistert haben, mein Kompliment: Eine Schwarzwälder Kirschtorte und zeitgleich elf Flaschen Sekt und sieben Flaschen Wein nebst Wasser und Limonade für Kinder und Abstinenzler unter den Gästen. Das muss Ihnen erst mal ein anderer Kühlschrank nachmachen.«
Jetzt hatte ich mich in Schwung geredet und setzte in verschwörerischem Tonfall noch einen drauf: »Außerdem müssen Sie wissen, dass dieser Merzedes, von dem ich dieses Schildchen habe – ich meine natürlich Ihren Orden, auch nicht viel umweltfreundlicher ist als alle anderen Modelle. Das ist pures Marketing. Ein bisschen weniger Gewicht verbaut, ein wenig am Motormanagement gedreht und schwupps in weißen Lack getaucht; schon rollt ein sogenanntes Energiesparfahrzeug vom Band. Ich versichere Ihnen, Herr Mens: Sie sind gewiss energieeffizienter als dieser Benz und haben die Auszeichnung weit mehr verdient als jedes Auto.«

»Von einem Merzedes Benz …« Mein Freund hauchte diesen Halbsatz mit träumerischer Stimme heraus. »Was war es denn für ein Modell?«
»Eine S-Klasse«, entwortete ich ohne zu zögern, obwohl das gelogen war. Ich konnte es einfach nicht über mich bringen, meinen guten, alten Herrn Mens aus seinem Traum herauszureißen, in dem er auf einmal zu den oberen Zehntausend gehörte und nicht mehr das Kellerkind der Realität war.
»Von einer S-Klasse …« Man hörte Mens seine tiefe Rührung deutlich an. Während er schnurrte wie eine zufriedene Hauskatze, zupfte ich den Plastikfilm von dem doppelseitigen Klebeband, das ich bereits auf die Rückseite des Schildchens geklebt hatte, und befestigte die Plakette rechts auf halber Höhe der Türe meines Freundes.
»Violà, der Effizienzorden erster Klasse am Blauen Band. Sir Mens. Meinen herzlichen Glückwunsch, Herr Baron.«

Gerade hatte ich mich zufrieden mit meinem Einfall, mit mir selbst und mit dem Rest der Welt zum Gehen gewandt, da verstummte urplötzlich das Schnurren in meinem Rücken. Mit frostigem Tonfall, ja, man könnte sagen mit schneidender Stimme rief mir Herr Mens hinterher: »Das haben Sie doch nicht etwa nur deshalb gemacht, um mich leichter verkaufen zu können, Herr Вrоѕѕmаnn?«
Entgeistert kehrte ich um und ging erneut auf ihn zu. »Wie kommen Sie denn auf diese Idee?«
»Nun, die Stuttgarter«, argumentierte Mens schnippisch, »die Stuttgarter werden diese Schildchen doch nicht als Anerkennungsmedaillen auf ihre Autos pappen, oder? Die machen das doch ausschließlich deshalb, weil sie wissen, dass sich so eine Kiste noch eher an den Mann bringen lässt als das gleiche Modell ohne Schild, oder? Blue Efficiency ist ein Verkaufsargument. Reines Marketing, das haben Sie selbst gesagt. Sie wollen mich verkaufen, geben Sie es zu, Sie Unmensch!«

So schnell konnte sich das Blatt also wenden, dachte ich und rief erschrocken: »Aber nein, Herr Mens, niemals! Sie bleiben hier! Für immer! Ob mit oder ob ohne Orden. Wenn er sie ängstigt, dann mache ich ihn wieder ab. Die Merzedesleute werden sich bestimmt freuen, wenn ich ihn zurückbringe, und …«
»Stop!« Abrupt fiel mir mein Freund ins Wort. »Meinen Orden zurückbringen? Meinen Orden? Das geht nicht. Geschenkt ist geschenkt. Und nun gehen Sie. Vergessen Sie aber nicht die Flasche Bier, die Sie sicherlich haben mitnehmen wollen.«
 

Es ist manchmal ein bisschen mühselig, mit einem neurotischen Kühlschrank zusammen zu leben. Aber ich möchte Herrn Mens trotzdem keinesfalls missen.

Alles über Herrn Mens und mich:
Herr Mens und das blaue Grün
Herr Mens und die Schwarzen Löcher (25.3.09)
Die Kompetenz des Herrn Mens (28.9.08)
Herr Mens und die Made in China (13.5.08)
Herr Mens geht unter Leute (13.11.07)
Herr Mens ist der Kühl-Killer (30.10.06)
Herr Mens hat mitgezählt (10.7.06)
Herr Mens zieht um (18.4.06)
Herr Mens in der Servicewüste (23.6.05)
Herr Mens schielt nach Rom (25.4.05)
Herr Mens und die Pfaffentittchen (10.12.04)
Herr Mens hört Plätschern unterm Dach (25.10.04)
(31.3.04)
Herr Mens ist eingeschnappt (17.12.03)

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1255068011

Kommentare

Kathleen?

Link zu diesem Kommentar Kathleen, 9.10.2009 um 17:44 h:

Einfach hinreißend, lieber Ulf!
Deine Kühlschrankgeschichten mag ich schon sehr lange besonders gern. Mußte mal gesagt werden.

Link zu diesem Kommentar Frau muschel, 10.10.2009 um 16:15 h:

Schliesse mich meiner Vorrednerin an :
Warum bringst du nicht endlich einen Band mit
elektrodomestizierten Geschichten heraus.
Dann hätte man Weihnachten ein schönes und unterhaltsames Geschenk für Leute, die schon alles andere haben...?!?

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 10.10.2009 um 18:42 h:

Endlich ein Mensbuch. Wäre grundsätzlich keine schlechte Idee. Dagegen spricht allerdings, dass ich den Gedanken mit dem sprechenden Kühlschrank im Dezember 2003 von Axel Hacke und seinem Freund Bosch übernommen hatte, siehe erste Mens-Folge, am unteren Ende des Beitrags.

Ich lasse mich ja oft und überall inspirieren, aber ein Plagiator, der Geld aus den Ideen anderer macht, bin ich nicht. — Trotzdem danke ich Euch beiden für die Ermunterung. So etwas liest man gerne …
=;o)

Link zu diesem Kommentar frau Muschel, 11.10.2009 um 1:51 h:

Wieso Plagiat ?
Es gibt doch zu fast allen Themen des Lebens
immer mehrere Autoren, die sich der Sache thematisch angenommen haben.
Bosch und Siemens sind doch wie Dr.House und Dr.E-script.....

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 13.10.2009 um 0:12 h:

Da stimme ich nicht zu, Frau Muschel.

Ziehen wir es einmal andersherum auf: Nehmen wir an, ich hätte einen Einfall gehabt, und ein anderer nimmt diesen auf. Solange er das im Rahmen seiner offenbar nicht kommerziellen Internetseiten machte, hätte ich wohl nichts dagegen, wäre womöglich sogar amüsiert.

Wenn der Kerl allerdings auf Basis meiner Idee daran ginge, Geld zu verdienen, wäre es schnell vorbei mit dem Amüsement.

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