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Samstag, 17.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (1)

Genauso wenig wie Herta Müller war der Carl Hanser Verlag auf die Verleihung des Nobelpreises an seine plötzlich prominente Autorin vorbereitet. In keiner der Buchhandlungen, die ich abgeklappert habe, war die Atemschaukel mehr vorrätig. (Nebenbei bemerkt: Auch Du stirbst nicht von Kathrin Schmidt, die den Deutschen Buchpreis verliehen bekam, ist ausverkauft.)

Um den anrollenden Wogen lesewütiger Kaufwilliger überhaupt etwas Nobles bieten zu können, wurde zumindest gestern noch bei Thalia das dünne Erzählbändchen Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt von Frau Müller angeboten: 111 Seiten aus dem Jahr 1986, eine Erzählung aus dem Rumänien Ceausescus, in der eine deutschstämmige Familie auf ihre Ausreiseerlaubnis wartet. Also rasch eines der letzten Heftchen für 8,95 Euronen mitgenommen und gleich losgelegt.

Schwierige Sache, merkte ich nach ein paar Seiten. Herta Müller erzählt szenisch, ohne dem Leser Hintergrundwissen zu vermitteln, so dass man sich die Geschichte aus den getexteten Bildern ertasten muss. Das heißt: Immer wieder zurück blättern, nochmal lesen, wenn man die Handlung nicht mehr nachvollziehen kann. Weit bin ich nicht gekommen, auf Seite dreißig war Schicht im Schacht, Mitternacht. Jetzt verstehe ich nachträglich die Bemerkung der Kassiererin bei Thalia, ob ich glaube, das in fünf Minuten zu Ende lesen zu können.

Heute Morgen bin ich dann über einen kommentarischen Hinweis von Werner Stangl gestolpert. Oh Wunder! Sein Tipp funktionierte und so lese ich nun gratis nicht umsonst den letzten Roman der Nobelpreisträgerin am Bildschirm. Jetzt wäre ein E-Reader praktisch. Hab ich aber nicht, also muss es auch so gehen.

Und wenn ich schon dabei bin, am PehZeh zu lesen, kann ich auch gleich mittippen. Wer also Lust hat, sich mit mir durch die Atemschaukel zu tasten, dem sei empfohlen, sich in den nächsten Tagen ab und an hier blicken zu lassen, um meine Randnotizen mitzulesen und gerne auch zu kommentieren. Ein paar Leseproben fürs G'schmäckle bietet übrigens der Perlentaucher an.

Also, los geht's: Atemschaukel von Herta Müller, erschienen im Carl Hanser Verlag 2009, 300 Seiten.
 
 
~ Vom Kofferpacken ~

Zunächst einmal bin ich erleichter. Im Gegensatz zur Erzählung Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt liest sich die Atemschaukel deutlich flüssiger; obwohl Frau Herta den Leser auch hier gleich in medias res wirft, und man sich erst einmal orientieren muss.

Aus dem Halbwissen vor der Lektüre weiß man: Herta Müller erzählt die Geschichte von Oskar Pastior, nicht ihre eigene. Also erwarte ich unterbewusst, dass auch aus der Sicht Oskars erzählt wird. Dann geht es aber los mit Rendezvous im Park und im Stadtbad. Dass Frau Müller mit Geschlechtlichem nicht geizt, habe ich bereits aus dem Erzählband mitgenommen.
Aber jetzt denke ich: Oskar? Rendezvous mit Männern? Erzählt jetzt doch eine Frau. Erst nach der ersten Seite verdichtet sich die Gewissheit, dass das »große Geheimnis« Oskar Pastiors, das gleich zu Beginn der Geschichte vor der versammelten Leserschaft ausgerollt wird, seine Homosexualität ist.

Oskar ist siebzehn und auf dem Weg aus Rumänien in ein russisches Lager. Warum er deportiert wird? Das bleibt zunächst unerzählt. Aber schön ist auf jeden Fall die Vorbereitung zu lesen. Wie er sich aus einem Grammophonkoffer seinen Reisekoffer bastelt, und die Auflistung der Inhalte. Ich mag ja solche Ordentlichkeit: Säuberlich auflisten, was man alles mitnimmt, auch wenn es in ein russisches Lager statt in den Urlaub geht.

Jetzt wird es ein wenig pathetisch, denke ich. Großmutter und Mutter weinen, die Oma sagt: »ICH WEISS DU KOMMST WIEDER«, in Majuskeln; draußen ist es saukalt, minus 15 Grad; und aha, jetzt erfahren wir auch, wann die Geschichte spielt, nämlich ab dem 15. Januar 1945.

Mit dem Laster zur Messehalle, dort allgemeines Sammeln, dann weiter zum Bahnhof und auf große Reise in Viehwaggons. Oskar spricht es jetzt auch aus: »Mir kommt es vor wie beim Skiausflug in den Karpaten«.
Seine Bekannte, Trudi Pelikan, erzählt derweil vom »Schneeverrat«. Sie wollte sich eigentlich verstecken, aber dann habe der Schnee den Russen ihre und der Mutter Fußspuren verraten. Das werde sie dem Schnee nie verzeihen.

»Was in den Worten VON DEN RUSSEN VERSCHLEPPT stecken könnte, ging einem zwar durch den Kopf, aber nicht aufs Gemüt.«

Dann verbrennen sie in ihrem Waggon Ziegenkadaver, die ihnen eigentlich zum Essen vorgeworfen werden, den Reisenden aber zu dürr sind. Und sie lachen über die Ziegen. Noch lachen sie, denke ich.

Auf Seite 22 des Romans erreichen die Viehwaggons Russland und das erste Kapitel sein Ende.

Weiter zum zweiten Teil »

UB

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