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Sonntag, 18.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (2)

Meldekraut, Zement, Die Kalkfrauen

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In der Erinnerung schmeckt das erste Kapitel des Romans von Herta Müller ein wenig fade: Keine Gefühle, keine Furcht vor der Verschleppung nach Russland, aber auch keine Freude über irgendetwas. Schlichtes Erzählen, oder soll ich schreiben: Aufzählen?

Trotzdem macht das Lesen Spaß. Die Autorin hat ein ganz besonderes Gespür für Worte. Worte, die mir merkwürdig fremd sind, obwohl es doch durchaus deutsche Wörter sind, die da geschrieben stehen. Das Fremde liest sich gut. Auch im zweiten Kapitel geht das so weiter.
 
 
~ Meldekraut ~

Meldekraut ist der Name einer Pflanze, von der sich die Deportierten im russischen Arbeitslager ernähren. Mit dem Meldekraut verbringt Frau Müller einen guten Teil des Kapitels: Aussehen, Ernte, Beschaffenheit, Zubereitung

Mit dem Meldekraut lernen wir auch den wichtigsten Begleiter der Lagerinsaßen kennen, den Hunger.

»Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. [...] Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre einem eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt.«

Zusammen mit dem Hunger kommen die Läuse und das Drangsalieren durch die Aufseher: Lagerkommandant Towarischtsch Schischtwanjonow, »ein Knirschen und Krächzen aus Ch, Sch, Tsch, Schtsch«, und Tur Prikulitsch, der gut aussehende Kapo.

Aber trotz aller Widrigkeiten gibt es auch im zweiten Kapitel kein Gefühl, kein Selbstmitleid, keinen Hass. Oskar hat sich entweder gut im Griff, oder er hat so viele Jahre nach der Verschleppung, als die Erzählung stattfindet, seine Gefühle vergessen oder verdrängt.

im letzten Absatz findet sich zum ersten Male der Titel des Romans: Der Hunger steigt Oskar in den Gaumen. »Die Atemschaukel überschlägt sich, ich muss hecheln.«
 
 
~ Zement ~

Kann man fünf Romanseiten über Zement schreiben? Herta Müller kann das. Es geht in diesem Kapitel um den Arbeitseinsatz der Zwangsarbeiter, Bauen mit Zement. Zement als Arbeitsmittel, Zement als Feind.

Es ist bewundernswert, wie die Autorin mit einer ungeheuerlichen Anhäufung des Wortes »Zement« die Mühseligkeit der Arbeitseinsätze, Beschimpfungen durch die Brigadiers und Vorarbeiter, das gegenseitige Misstrauen der Arbeiter und die schleichende Abstumpfung und seelische Verwahrlosung der Männer skizziert. Das kann man nicht mehr Prosa nennen, was sie schreibt ist lyrisch.

»Man schuftet und hört seinen eigenen Herzschlag und: Zement muss man sparen, auf Zement muss man aufpassen, Zement darf nicht nass werden. Zement darf nicht wegfliegen. Aber Zement streut sich, ist selbstvergeuderisch und mit uns geizig bis ins Letzte. Wir leben so, wie der Zement es will. Er ist ein Dieb, er hat uns gestohlen, nicht wir ihn.«

Zement ist ekelhaft.


~ Die Kalkfrauen ~

Jetzt geht der Text langsam an die Nieren. Nur eine halbe Seite schreibt Herta Müller über die Zwangsarbeit der Frauen im Lager. Sie transportieren Kalk, offenbar eine elendige Schwerstarbeit. Oskars Bekannte, Trudi Pelikan, wird dort eingesetzt und beschreibt das Schlimmste:

»Schlammfliegen riechen das Salz in den Augen und die Süße am Gaumen. Und je schwächer man ist, umso stärker tränen die Augen und umso mehr zuckert sich der Speichel. [...] Die Schlammfliegen setzten sich nicht mehr in die Augenwinkel, sondern ins Auge auf die Pupille, und nicht mehr auf die Lippen, sondern in den Mund hinein.«
 

Ich glaube, jetzt begriffen zu haben, wie das Rezept der Autorin funktioniert: Sie schreibt nicht, dass es fürchterlich ist im Lager. Sie webt den Leser ein in einen dichten Kokon, ein verdichtetes Spinnennetz von schauderhaften Szenen und Details, aus denen er sich nicht mehr befreien kann. Man ahnt, was mit der Wortgewalt gemeint ist, die Herta Müller zugeschrieben wird.

Wie lange ich das wohl noch aushalte? Wo soll das enden?

Weiter zum dritten Teil »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1255845601

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