Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Montag, 19.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (3)

Interlope Gesellschaft

« Zurück zum zweiten Teil

Was ist eine »Interlope Gesellschaft«, frage ich mich und stelle ein paar Zeilen weiter fest, dass ich mich verrannt habe. Der Protagonist Oskar Pastior heißt gar nicht Oskar im Roman von Herta Müller sondern Leo. Glücklicherweise geht es im fünften Kapitel nicht so drastisch weiter, wie das vierte endet, und ich schöpfe wieder Hoffnung, die Lektüre guten Mutes zu Ende bringen zu können.
 
 
~ Interlope Gesellschaft ~

Ab Romanseite 43 erfahren wir, wer sich alles eingefunden hat im russischen Arbeitslager. In der überwiegenden Mehrzahl handelt es sich um Deutsche. »Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.«

Hängen bleiben vor allem einige Episoden über Oswald Enyeter, den Barbier des Lagers, der im Gegensatz zu den anderen zwar keine Zwangsarbeit im Zement ableisten muss. Allerdings ist er trotzdem kaum zu beneiden, da er Tag für Tag Zeuge des körperlichen Verfalls der anderen Zwangsarbeiter wird.

Interessant ist eine Assoziation Leos, in der er seine Situation mit einem Hotelaufenthalt vergleicht:

»Niemand brauchte einen Schlüssel hier im Hotel. Keine Rezeption, offenes Wohnen, Zustände wie in Schweden. [...] Ich war den halben Sommer beim Zement und ein Kalb in Schweden, ich kam aus der Tag- oder Nachtschicht und spielte Hotel im Kopf. Manche Tage musste ich in mich hineinlachen. Manche Tage brach das Hotel krass in sich, also in mir, zusammen und mir kamen die Tränen. Ich wollte mich aufrichten, aber ich kannte mich nicht mehr. Das verfluchte Wort Hotel. Wir wohnten alle fünf Jahre ganz dicht daneben im Appell.«
 

Ich schweife jetzt beim Lesen in Gedanken öfter ab zu Eugen Kogon. Herr Kogon war genau hier, wo ich wohne, bei den US-Besatzern Deutschlands nach dem Krieg Lagerschreiber. In seinem Buch Der SS-Staat, das mit dem Roman von Herta Müller nur am Rande zu tun hat, beschreibt er minutiös die Funktionalitäten der Nazijahre.

Kogons Buch habe ich vor mehreren Jahrzehnten gelesen, aber es taucht auf einmal immer dichter aus der Vergangenheit hervor. Es handelt sich dabei zwar um ein anderes Thema, eine andere Perspektive und um einen völlig anderen Schreibstil, dringt jedoch beim Lesen der Atemschaukel mehr und mehr in mein Bewusstsein.
 

[Nachtrag] Es sind die präzise, akribische Wortwahl und die Prägnanz der Sätze, die Kogon und Müller gemeinsam sind.

Weiter zum vierten Teil »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1255932001

Kommentare

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 19.10.2009 um 8:02 h:

Am Sonntag hat die Romanlektüre zurückstecken müssen. Ich war auf der Frankfurter Buchmesse.

Mein erster Besuch dieser Wahnsinnsbuchmesse überhaupt. Erster Eindruck: Die gigantische Menge der ausgestellten Bücher hat mich schier erschlagen. Angesichts solcher Bücherberge muss man sogar über Witze wie diesen hier lachen.

Zweiter Eindruck: Besucher der Buchmesse sind entweder Kosmopoliten, die ständig auf dem Sprung in den nächsten Zug oder ins nächste Flugzeug sind, oder aber Jäger und Sammler. Auf anderen Publikumsmessen erkenne ich Sammler an mitgeführten Einkaufswägelchen, den sogenannten Granny Wagons. Für Buchmessis reichen Granny Wagons nicht aus. Hinsichtlich des Volumens. Die Messegassen sind vollgestopft mit Schrankkoffern, hüft- oder brusthoch und mit vier Röllchen unten dran, die ihre Besitzer vor oder neben sich durch die Massen manövrieren. Wozu diese fahrbaren Schränke gut sein sollen, ist mir unklar. Wer jemals versucht hat, eine Umzugskiste mit Büchern auch nur zu lupfen, der weiß, dass so ein Koffer, gefüllt mit literarischen Errungenschaften, keine Chance hat, jemals in einen Zug gehievt zu werden; geschweige denn in ein Flugzeug.

Dritter Eindruck: Buchmessebesucher können sich nicht nur durch das Mitführen von Schrankkoffern vom Durchschnittsmitmenschen unterscheiden. Schon während der Anfahrt am Morgen in der S-Bahn saß eine junge Dame neben mir, die mich nicht nur um einen halben Kopf überragte, sondern mich zusätzlich dadurch beunruhigte, dass sie in einen bodenlangen, schwarzen Umhang gehüllt war, ihr Haar hüftlang trug, schwarz mit einer weißen Strähne darin, und zu allem Übel noch eine riesige Streitaxt mit sich führte. — War mir der Schnitter begegnet? Sollte dies mein letzter Tag auf Erden sein?
Glücklicherweise gelang es mir, Mutter Tod im Messegewimmel abzuschütteln, allerdings nur, um sogleich in ein Meer pinkfarbener Mädels zu geraten. Wenn ich pinkfarben sage, dann meine ich auch pinkfarben: Schuhe in pink, Strümpfe in pink, Bluse und Jäckchen in pink, Haare in pink. Am Rand des Pinkmeeres spazierten derweil zwei koalabärenartige Gestalten umher, die sich aber trotz meines Winkens nicht zu mir ins Meer trauten. Gerettet wurde ich schließlich von Jack Sparrow, der plötzlich leibhaftig neben mir auftauchte und mich durch die Wogen des Rosa Meeres an Land zerrte.
Wenn ich gewusst hätte, dass am Sonntag die 3. Deutsche Cosplaymeisterschaft auf der Buchmesse ausgetragen wurde und alle Cosplayer freien Eintritt hatten, wäre ich von Anfang an vorsichtiger gewesen.

Link zu diesem Kommentar christiane, 28.2.2010 um 14:05 h:

hey - wolte mal anmerken - in diesem Kapitel wird gleich im ersten Satz der volle Name des Protagonisten genannt - nicht erst auf Seite 196 ;)

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 28.2.2010 um 15:07 h:

Tatsächlich? Muss ich wohl überlesen haben. Danke für den Hinweis ... =;o)

Kommentar abgeben: