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Donnerstag, 22.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (5)

Schwarzpappeln, Taschentuch und Mäuse, Von der Herzschaufel, Vom Hungerengel

« Zurück zum vierten Teil

Herta Müller hatte mich zuletzt vergrault, die Lust am Lesen war mir abhanden gekommen. Das lag daran, so weiß ich inzwischen, dass ich bereits einige solcher Lagergeschichten hinter mir habe; nicht zuletzt die aus dem Sachbuch Der SS-Staat von Eugen Kogon, das ich in meinem dritten Mitleseteil bereits erwähnt hatte. Wohl im Unterbewussten bereitete mir die Tatsache Probleme, dass die Autorin das Beschriebene gar nicht selbst erlebt hat; ein Aufguss aus zweiter Hand, dachte ich und war nicht mehr recht bei der Sache.

Aber ich muss mich zurücknehmen, denn es geht nun doch wieder beeindruckend weiter.
 
 
~ Schwarzpappeln ~

Im elften Kapitel erlebt Leo die Neujahrsnacht 1947/48 im Schock. Die Lagerinsaßen harren in eisiger Kälte aus und erwarten ihre vermeintliche Hinrichtung.

»Wenn man seine Todesangst bezwingen will, ihr aber nicht entkommen kann, schaltet sie um auf Betörung. Auch die Eiseskälte, in der man sich nicht rühren darf, spinnt das Grausige mild. In der Trance des Erfrierens ergab ich mich dem Erschießen.«

Dass es dann nicht dazu kommt und die Zwangsarbeiter statt dessen absurderweise Pflanzlöcher in den gefrorenen Boden hacken müssen, empfindet Leo trotz seiner ursprünglichen Todessehnsucht als Erleichterung.

»Und solange wiederholte mir der Takt der Schaufel: Ich weiß, du kommst wieder. Ich war vom Schippen schon wieder ernüchtert und wollte lieber weiter für die Russen hungern, frieren und schuften als erschossen werden.«


~ Taschentuch und Mäuse ~

Einmal, während einer Betteltour im Nachbardorf, nimmt eine Russin Leo auf und bewirtet ihn mit Kartoffelsuppe, weil er sie an ihren eigenen Sohn erinnerte, der in Sibirien in einem Strafbataillon diente.

»Die Suppe war heiß, ich schlürfte und schielte zu ihr. Sie nickte. Ich wollte langsam essen, weil ich länger was von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß.«

Aus dieser Begegnung nimmt Leo als Geschenk ein weißes Taschentuch mit, das für ihn zum Symbol seines Überlebenswillens wird: »Ich war sicher, der Abschiedssatz meiner Großmutter ICH WEISS DU KOMMST WIEDER hat sich in ein Taschentuch verwandelt. Ich schäme mich nicht, wenn ich sage, das Taschentuch war der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte. Ich bin mir sicher, auch heute noch.«

Das ist monströs, denke ich und blättere schaudernd weiter.


~ Von der Herzschaufel ~
~ Vom Hungerengel ~

In den Kapiteln zwölf und dreizehn kehrt endlich die Herta Müller zurück, die ich in manchem Kapitel zuvor vermisst habe. Sie schreibt über eine banale Arbeitstätigkeit, das Abladen von Kohle, mit einer Schreibfertigkeit, die mir erneut Höchstachtung abringt.

Es ist müßig, nach einer Textstelle zu suchen, die ich hier beispielhaft hinterlegen könnte, um für die Mitleser nachvollziehbar zu machen, was vorgehen muss in Leo, wenn er sich in seiner Einsamkeit, der Eintönigkeit der Arbeit und dem grenzenlosen Hunger aus dem Leerschaufeln der Ladefläche eines Lastwagens eine artistische Tätigkeitkeit zusammen fabuliert. Nichts aus diesen Textsequenzen darf aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Dann geht es weiter mit dem personifizierten Hunger. Mit dem Hunger als Maßstab und Messlatte. Wen der für zu klein befindet, den bringt er um. Auch hier gilt: Das kann man nur im Zusammenhang lesen und verstehen. Zitieren hieße Details aus dem Fluss des Deliriums zu reißen, und das kann nicht funktionieren.

Großes Kopfkino: Die Herzschaufel und der Hungerengel. Zwar kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich die Leserschaft über der müllerschen Kunstwortorgie von Atemschaukeln, Herzschaufeln und Hungerengeln entzweit. Mir persönlich gefällt dieses Konstruieren, das Suchen nach dem besseren Wort. Und wenn es keines gibt, dann muss eben ein neues her. Da ist es wieder, das Fremde, das mich bereits während der erste Kapitel so sehr fasziniert hat. (Auch wenn sich andere womöglich mit dem Zeigefinger an die Stirne tippen und vorsichtshalber schon mal die Telefonnummer einer Nervenklinik bereit legen mögen.)
 

Damit sind Seite 91 des Buches und beinahe das Ende des ersten Romandrittels erreicht. Das reicht für heute, weil jetzt einfach nichts mehr über die verzerrten Bilder von Arbeits- und Hungerqualen hinausreichen kann.

Weiter zum sechsten Teil »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1256191201

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Laila, 26.11.2009 um 14:25 h:

"Der Hungerengel balanciert auf der Atemschaukel." Genial. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 27.11.2009 um 0:00 h:

Ja, Laila, ich finde auch: Für solche Sprachschätze muss man Herta Müller einfach bewundern.

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