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Freitag, 23.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (6)

Steinkohleschnaps, Zeppelin, Von den Phantomschmerzen der Kuckucksuhr, Planton-Kati, Der Kriminalfall mit dem Brot, Mondsichelmadonna, Vom Eigenbrot zum Wangenbrot, Von der Kohle

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Die nächsten acht Kapitel variieren in ihrer Länge. Vom Zehnzeiler bis zum Achtseiter reicht die Spanne. Aber in der Mehrzahl handelt es sich um sehr kurze Abschnitte.

Offenbar wird sogar im Lager des Hungers gesoffen (Steinkohleschnaps), und trotz allen Hungers gibt es noch Raum und Zeit für sexuelle Begegnung (Zeppelin), zumindest in der wärmeren Jahreszeit. Einer amputierten Kuckucksuhr in der Lagerbaracke ist ein Kapitel gewidmet (Von den Phantomschmerzen ), ein anderes der schwachsinnigen Zwangsarbeiterin Katharina Seidel (Planton-Kati). Es geht um Diebstahl von Brotresten unter den Lagerinsaßen (Der Kriminalfall ) und um Besuche in den Frauenbaracken, im Fall des homosexuellen Leo naturgemäß in aller Unschuld (Mondsichelmadonna). Schließlich wird von der vollkommen absurden Praktik des Brottauschens berichtet, das die Verschleppten zwanghaft untereinander und reihum durchführen, immer in der Hoffnung, doch ein größeres Stück einzutauschen als das, das sie eben noch in Händen halten (Vom Eigenbrot ). Und nach dem Brottausch ist die Kohle dran, die vielen verschiedenen Sorten, die über Eisenbahnwaggons das Lager erreichen (Von der Kohle).

All diese Kapitel haben formale Gemeinsamkeiten: Sie handeln von Episoden aus dem Lagerleben, die losgelöst voneinander für sich stehen. Sie erzählen keine zusammen hängende Geschichte, sie illustrieren wie Momentaufnahmen den mühseligen Alltag Leos und der anderen Inhaftierten: Ein Mosaik aus Kleinigkeiten, das höchstens einen einzigen, größten gemeinsamen Nenner hat; den Nenner, den der gesamte Roman bis zumindest bis hierhin aufweist, den Hunger.

Über diesem Abschnitt des Romans schwebt eine nicht greifbare Zeitlosigkeit. Man weiß nicht, wann sich das alles so abgespielt hat innerhalb der fünfjährigen Haftzeit, die bereits mehrmals Erwähnung fand. Herta Müller füllt Seite um Seite mit Begebenheiten, die sich so ganz sicher auch in anderen Gefangenenlagern abgespielt haben mochten, mit einem Reigen von Belanglosigkeiten und Grausamkeiten, die sich in ihrer Wertung voneinander nicht mehr abgrenzen lassen. Das Lagerleben tickt wie eine Zeitbombe.

Clockwork Orange. Wieso fällt mir dieser Buchtitel von Anthony Burgess auf einmal ein? »Wenn ein Mensch nicht wählen kann, hört er auf, Mensch zu sein« ???

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UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1256277601

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