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Samstag, 24.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (7)

Wie sich die Sekunden ziehen, Vom gelben Sand, Die Russen haben auch ihre Wege, Von den Tannen, 10 Rubel, Vom Hungerengel, Die lateinischen Geheimnisse, Schlackoblocksteine, Der gutgläubige und der skeptische Flacon, Von der Tageslichtvergiftung

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Die Kommentarlosigkeit, die meine Mitleser befallen zu haben scheint und die im krassen Gegensatz zu den plötzlich gewaltig nach oben schnellenden Besucherzahlen steht, zeugt von einer gewissen Ratlosigkeit. Von einer Ratlosigkeit, die ich gut nachempfinden kann: Das ist kein geschnitten Brot, das uns Herta Müller mit ihrem Roman kredenzt. Das ist eher schwere Kost, die wohl durchgekaut sein will.

Ich versuche jetzt einmal, ein bisschen vorzuverdauen, nicht mehr jedes Kapitel in chronologischer Abfolge anzusprechen, sondern zu straffen und zu glätten, um uns alle gemeinsam etwas rascher voran zu bringen. Schließlich nähern wir uns bereits der Halbzeit in Hinblick auf die Seitenzahlen der Atemschaukel.

Arbeit gibt es genug im Russenlager. Wenn es nicht der Zement ist, dann ist es eben Sand auf der Baustelle. Schaufeln, träumen, nur weiter, immer nur weiter. Auf Freigang fällt Leo ein Zehnrubelschein in die Hände, den er auf dem Markt sofort in Getränke und Essbares umsetzt. Doch zuletzt wird ihm schlecht vom ungewohnten Überfluss und er übergibt sich; alles umsonst, was für eine Verschwendung. Und sofort ist der Hunger wieder präsent, tote Erdhunde kann man nicht essen: »Der Hungerengel [...] taumelt enge Kreise und balanciert auf der Atemschaukel«.

An Samstagabenden wird manchmal in der Kantine getanzt. Woher all diese wandelnden Leichname die Kraft nehmen, in ihrem Elend auch noch zu tanzen, ist mir schleierhaft. Und Leo verdrückt sich irgendwann, nachdem er mit der Trudi Pelikan, die ihrer erfrorenen Zehen wegen nicht mehr gehen, geschweigen denn tanzen kann, über den allgegenwärtigen Tod im Lager gesprochen hat. Und am Morgen danach erwischt es mich wieder eiskalt: »Dann wache ich auf und wische mir mit dem Kissen die Mundwinkel aus. Diesen Platz lieben die Wanzen in der Nacht.«

Aber bevor mir übel werden kann, geht es glücklicherweise wieder an die Arbeit. Diesmal werden aus Schlacke, Zement und Kalkmilch sogenannte Schlackoblocksteine gepresst und zu Tausenden zum Trocknen ausgelegt. 24-Stunden-Schichten und Prügel, wenn Steine zerbröckeln.

Und irgendwann kriegt der zischende Lagerkommandant Schischtwanjonow den Leo dran, weil der sich Krautsuppe in zwei leere Glasflacons abgefüllt hat. Nur zufällig entgeht er irgendeiner Bestrafung und fragt sich, wozu bloß er den Sud eingeweckt hatte. Der Irrsinn überschlägt sich. Ich mich auch.
 

Seite 167. Ich beginne, mich krank zu fühlen beim Lesen. Ganz sicher keine Tageslichtvergiftung.

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UB

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Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 27.10.2009 um 19:10 h:

es gibt einfach nichts zu kommentieren zu dem,
was Du uns da gerafft vorsetzt:deshalb keine Rückmeldungen.Der Stoff muss sich ja auch erst einmal setzen.
Ich kann nur hoffen, dass Dir das Thema nicht so auf die Seele schlägt, dass Du wirklich krank wirst vom Lesen.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 27.10.2009 um 23:10 h:

Ach, meiner Seele geht es gut. Ich habe nur gerade die Atemschaukel aus der gewählten Hirnschublade herausgezogen und versuche sie jetzt, an geeigneterer Stelle neu einzusortieren. Die nächsten Kapitel habe ich jetzt schon ein paarmal in Wiederholungsschleife gelesen und bin ein wenig ratlos.

Aber so darf das ruhig sein auf neuen literarischen Wegen. Bis die Tage.

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 30.10.2009 um 7:10 h:

Gegen neue literarische Wege habe ich ja gar nichts,
aber es gibt mir zu denken, wenn DU als Literaturkritiker ratlos bist, was bzw.wie Du uns, die wir in Deinem Lesewindschatten mitreisen , etwas vorstellen sollst.
Hast Du noch nie ein Buch wieder weggelegt und es erst Jahre später wieder neu angelesen? Manchmal ist die Zeit nicht richtig für ein spezielles Buch.(Ich versuche seit 30 Jahren den -Butt- zu lesen und habe es noch nicht geschafft. Das Buch verweigert sich mir durch die Art wie es geschrieben ist. Und andere Leser haben damit überhaupt kein Problem... )
Schönes WE

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 30.10.2009 um 21:39 h:

Die Ratlosigkeit, Frau Muschel, ergibt sich hier ja aus einer Momentaufnahme. Vergiss nicht, dass ich ja auch erst im Begriff bin, den Roman Satz für Satz, Kapitel für Kapitel zu lesen, und eben parallel mitnotiere, was mir dabei durch den Kopf geht.

Ich hatte zu Anfang eine völlig andere Erwartungshaltung als jetzt. In solche Romane dreht man sich hinein wie ein Korkenzieher in den Weinflaschenstopfen. Dass ich da manchmal ratlos bin, bleibt einfach nicht aus.

Ab und an geht mir eine Sequenz auch derartig auf den Senkel, dass ich die Lektüre unterbreche und einige Zeit brauche, um weiter machen zu wollen.

So ist das eben: Das ist hier keine Buchbesprechung, sondern die Mitleseabteilung. Nur für Schwurbelige geeignet!
=;o)

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