Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten.


Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da Sie CSS deaktiviert haben, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, müssen Sie leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte weit gehend verzichten. Die Textinhalt sind allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


Freitag, 30.10.2009

Mitlesen

Atemschaukel (8)

Von der Tageslichtvergiftung, Jeder Tag ist ein Kunstwerk, Wenn ein Schwan singt, Von den Schlacken, Der weinrote Seidenschal, Von den chemischen Substanzen, Wer hat das Land ausgetauscht, Kartoffelmensch, Himmel unten Erde oben, Von den Langeweilen, Ersatzbruder

« Zurück zum siebten Teil

Heute geht es endlich weiter mit dem Roman, nach ein paar Tagen Pause. Herta Müller schreibt weiterhin in den ihr eigenen, verschnörkelten Sprachbildern, die sie mit eigenen Wortschöpfungen anreichert und die sie wie Perlen auf einer Schnur aneinander reiht.

Leo erkrankt an einer Vergiftung, die er sich bei der Zwangsarbeit zuzieht, übersteht die Krankheit und arbeitet weiter im Kohlenschacht, entlädt Schlacke und versucht zwischenzeitlich, einen Seidenschal zu Geld zu machen, indem er ihn über Bea Zakel, das Kapoliebchen, auf dem Russenmarkt verkaufen lassen will. Das geht zwar schief, weil Tur Prikulitsch seiner Freundin den Schal abnimmt und für sich behält.
Allerdings wird Leo im Anschluss zur Feldarbeit abkommandiert und versogt sich auf dem Heimweg mit Unmengen an Kartoffeln, die er in seiner Kleidung ins Lager schmuggelt.

In dieser Phase der Erzählung erhalten auch die Erinnerungen an Leos früheres Leben, an seine Kindheit mehr Gewicht. Bis dahin hatte die Autorin lediglich ab und an einige Vergangenheitsfetzen in einzelne Kapitel eingeflochten, nun dehnt sie die Reminiszenzen schon mal auf ein ganzes, wenn auch kurzes Kapitel aus.
In diesem Zusammenhang erzeugen die poetisch anmutenden, müllerschen Klauseln einen dünnen Vorhang aus Wehmut, so zum Beispiel bei der Sequenz über zwei Holzbänke auf einer Obstwiese, die beide Namen haben: der »Herrmannonkel« und die »Tante Lula« (Himmel unten Erde oben)

Bis zur Seite 196 im Kartoffelkapitel hat es gedauert, bis wir den vollen Namen des Protagonisten erfahren dürfen: Leo Auberg heißt also das Alter Ego von Oskar Pastior im Roman.

Dieser Leo erzählt dann auch, was sie mit den Leichen der Umgekommenen machen; dass sie sie ausziehen, um die Kleidung selbst zu verwenden, und dass sie natürlich die wenigen Habseligkeiten der Toten aus der Baracke an sich nehmen; dass sie sogar das Haar der Leichen, sofern lang genug, abschneiden und verwenden für »Fensterkissen«, die den Luftzug abhalten. Resteverwertung eben.

Und schließlich, im November '47, wird die Geschichte im Kapitel über den Ersatzbruder ganz plötzlich wieder beinhart. Da erhält Leo von zu Hause eine Ansichtskarte, auf der seine neu geborenes Brüderchen abgebildet ist: Robert, geboren am 17. April 1947.
Man möchte meinen, dass sich Leo über so eine Nachricht, oder generell über eine Nachricht von draußen freuen würde. Er aber interpretiert ganz anders:
» es ist mein Ersatzbruder. Meine Eltern haben sich ein Kind gemacht, weil sie mit mir nicht mehr rechnen. [...] Meinetwegen kannst du sterben, wo du bist. Zu Hause würde es Platz sparen.«

Das ist womöglich das Ärgste, was die Gnadenlosigkeit der Internierung den »Hautundknochenmenschen« antut. Sie zerstört gründlich das Selbstbewusstsein und macht misstrauische Argwöhner aus ihnen, die sich an nichts mehr erfreuen können.
 

Mit dieser Erkenntnis haben wir die Seite 213 erreicht und das zweite Romandrittel überschritten. »Der Schnaps brennt im Magen und die Tränen im Gesicht.«

Weiter zum neunten Teil »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1256886001

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 30.10.2009 um 22:21 h:

Also :an alle schwurbeligen Mitleser,
zeigt Euch und kommt aus den Bloglöchern,
sonst denkt der Ulf noch, ich bin die Einzige, die ihm die Treue hält.....

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 30.10.2009 um 23:43 h:

Es gibt hier wahrlich mengenweise Mitleser. Wenn auch zu 99,9% schweigende. Die Zugriffszahlen des offiziellen Zählwerks enthüllen schier beängstigenden Zulauf: Kein Wunder, der Googlehupf vermeldet E-Script seit Tagen auf der ersten Seite (wenn auch ganz unten), sobald zum Beispiel nach »Herta Müller« gesucht wird.

Über mangelnde Treue kann ich mich also wahrlich nicht beklagen. Aber danke trotzdem für den wohlgemeinten Aufruf.
=;o)

Link zu diesem Kommentar Marta, 1.11.2009 um 15:40 h:

Bin sehr dankbar für diese Mitleserhilfe. Ich muss ehrlich zugeben, dass mich dieses Buch überfordert, die Sprache mag zwar schön sein, erfordert allerdings volle Konzentration beim Lesen und man fragt sich ständig: für was stehen die einzelne Begriffe - z.B. das Wort "Zement", ist es wirklich nur Zement gemeint oder steht es symbolisch für etwas anderes und diese Überlegungen kostetn enorm viel Zeit.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 1.11.2009 um 23:45 h:

Ach, Frau Marta, vielen Dank für den Dank. Überlegungen zur Interpretation (Zement oder Hungerengel oder Atemschaukelei oder, oder, oder) stelle ich beim erstmaligen Lesen noch gar nicht an. Vielmehr werke ich mich erst einmal durch den Text und stelle mir womöglich die eine oder andere Verständnisfrage. Oder projiziere ein paar Assoziationen, die mir bei der Lektüre in die graue Masse schießen.

Wenn ich es recht bedenke, lese ich eigentlich alle Romane zweimal am Stück. Sonst hat man meist eh keine Chance, auch nur ansatzweise in die Tiefe zugehen.

Viel Glück trotzdem bei der Interpretation!

Kommentar abgeben: