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Mittwoch, 4.11.2009

Mitlesen

Atemschaukel (10)

Heimweh. Als ob ich es bräuchte, Ein heller Moment, Leichtsinn wie Heu, Vom Lagerglück, Man lebt. Man lebt nur einmal, Einmal werde ich aufs elegante Pflaster kommen, Gründlich wie die Stille

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Tatsächlich, auf einmal ist der Leo nicht mehr im Lager, sondern berichtet retrospektiv, sieben Jahre nach seiner Heimkehr. »Es gibt Wörter, die mich zum Ziel haben, als wären sie nur für den Rückfall ins Lager gemacht, außer dem Wort RÜCKFALL selbst. Dieses Wort bleibt undienlich, wenn mir der Rückfall passiert. Undienlich ist auch das Wort ERINNERUNG. Auch das Wort BESCHÄDIGUNG ist für den Rückfall nicht zu gebrauchen. Auch das Wort ERFAHRUNG. Wenn ich es mit diesen undienlichen Wörtern zu zun kriege, muss ich mich dümmer stellen als ich bin.«

Meine Eingabehilfe bemängelt beim Tippen das Wort »undienlich«. Sie kennt es nicht. Da fällt mir sofort die Geschichte über Shakespeare ein, in dessen Werk angeblich 34.000 Wörter gezählt wurden. Der Durchschnittsengländer verwendet hingegen maximal 10.000 Wörter. Wenn Herta Müller an solchen Maßstäben gemessen würde, überstiege ihr Vokabular ganz sicher auch das des Normaldeutschen. Selbst dann, wenn man die Eigenerfindungen abzöge. Atemschaukel. Hungerengel. Aber wir Deutschen profitieren in dieser Hinsicht sowieso vom generischen Konkatenieren einzelner Worte zu Schlangenwörtern. Ob Shakespeare wohl den Nobelpreis erhalten hätte, hätte es diesen damals bereits gegeben? Ich vermute, er wäre zuvor gestorben.

Egal. In der Geschichte geht es unvermittelt wieder zurück ins Lager und zum Läuseproblem der Insaßen. Läuse überall. Was man alles gegen Läuse machen kann. »Ich weiß nicht mehr, ob das russische Wort WOSCH die Wanzen meint oder die Läuse.«
 

Richtig erkannt: Wir sind jetzt wieder zurück im Lager. Die einzelnen Kapitel kann man nicht in Textform rekapitulieren; noch nicht einmal zusammenfassend kürzen. Es geht um Stimmungen, da kommt der Herta Müller die schwachsinnige Planton-Kati gerade recht. Die Textpassagen werden lyrisch, rohe Reime?
Und es geht natürlich auch wieder einmal um Hunger. Und dazu nehme ich einmal ein Zitat aus einer der Nachlager-Formulierungen heran: »Für mich ist das Essen auch 60 Jahre nach dem Lager eine große Erregung. Ich esse mit allen Poren. Wenn ich mit anderen Personen esse, werde ich unangenehm. Ich esse rechthaberisch. Die anderen kennen das große Mundglück nicht, sie essen gesellig und höflich.«

Auf einmal dann so ein Resümee, eine kurze Satzkette wie eine Kernschmelze der Verschleppung: »Kälte schneidet, Hunger betrügt, Müdigkeit lastet, Heimweh zehrt, Wanzen und Läuse beißen.«
 

Im letzten Lagerjahr beziehen die Zwangsarbeiter einen bescheidenen Sold. Zunächst geben sie ihn für Lebensmittel aus. Natürlich. Kein Wunder, nach diesem Hungerleiderroman. Aber was kommt danach? Der schiere Wahnsinn: Sie kleiden sich ein. Klamotten. Ich werd nich' mehr. »Man lebt nur einmal.«

Das letzte Kapitel für heute wird etwas wehmütig. Leo fabuliert, was er wohl machen würde, wenn es mit dem Lagerleben vorüber wäre. Ginge es denn überhaupt zu Ende? Oder würden sie hier auf ewig weiter geschunden werden? Oder irgendwann einfach hinausgeworfen werden? Und dann nach Osten, quer durch Russland und Amerika und über den Atlantik und durch Europa und nach 25 Jahren endlich wieder zu Hause, wenn es das dann noch gäbe, dieses ominöse Zuhause.
 

Der Roman beginnt mir hinsichtlich Substanz zu entgleiten. Ich lesen und versuche ihn zu greifen und schlittere doch nur von Fragment zu Fragment, von Szenen im Lager zu Nachbetrachtungen. Eine Kettung von Episoden ist das jetzt und ich frage mich bange, wie das alles zu Ende gehen soll.

Knapp vierzig Seiten kommen da jetzt noch, und jegliche Handlung hat sich bereits aufgelöst. Herta Müllers Geschichte ist auf dem besten Wege dazu, in historischer Unschärfe zu versickern. Jetzt nicht schlapp machen!

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UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1257318001

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