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Samstag, 7.11.2009

Mitlesen

Atemschaukel (11)

Der Nichtrührer, Hast Du ein Kind in Wien, Der Gehstock, Diktandohefte, Ich bin noch immer das Klavier, Von den Schätzen

« Zurück zum zehnten Teil

»Anfang Januar 1950 kam ich aus dem Lager nach Hause.« Leo ist aus der Unsäglichkeit der Zwangsarbeit bei den Russen heimgekehrt in die träge Beschaulichkeit seines Elternhauses. Der Großvater ist verstorben, der Vater malt Aquarelle, »die Mutter strickt [...] für das Ersatzkind Robert«.

Und ich warte darauf, dass in dieser Familie endlich über Leos Leiden gesprochen wird. Aber das passiert nicht. Und Leo fantasiert Verbindungen zwischen Lager und Freiheit, sieht im Gesicht der Nachbarskatze das von Bea Zakel, der Kaposchnalle des Russenlagers. Mannomann!

Leo ist der große »Nichtrührer«, er leidet, aber sagt kein Wort. Nur die Großmutter, die sich im ersten Kapitel so sehr seine Rückkehr gewünscht hatte, fragt immer wieder ungläubig, ob er denn tatsächlich zurück gekommen sei. »Ich war froh, dass keiner etwas fragte, und insgeheim kränkte es mich.«

Als wahrhaftig erschütternd empfinde ich einen beiläufig eingestreuten Satz: »Das Grammophon war wieder in mein abgenutztes Köfferchen eingebaut und stand auf dem Ecktisch wie immer.« Die Grammophonkiste hat wie Leo das Unsägliche erlebt und wird danach kommentarlos in den Alltag zurück gestellt. Das ist grotesk.

Dann kommt ein Brief aus Wien, vom Barbier aus dem Lager. Er erzählt vom Rachemord an Tur Prikulitsch, dem Kapo; mafiamäßig geknebelt und mit der Axt hingerichtet. Dazu der Vater: »Man weiß ja nicht, was ihr im Lager alles gemacht habt.« Und der Leo antwortet: »Man weiß es nicht.«
Sprachlosigkeit an allen Fronten. Das ist schlimm und beim Lesen kaum zu ertragen.

Sehr gelungen ist an dieser Stelle Leos Interpretation einer Geschäftsauslage: Gipsmenschen stehen darin mit Schildchen zu ihren Füßen, Preise darauf notiert; aber die Szene erinnert ihn an einen Mordtatort, an dem polizeiliche Markierungen angebracht sind und der Tote eben erst weggebracht wurde. Gespenstisch.
 

~ Der Gehstock ~

Leo arbeitet als Gehilfe in einer Kistenfabrik, als er unverhofft Trudi Pelikan trifft. »Beide waren wir jetzt seit mehr als einem Jahr in der selben Stadt wieder daheim. Uns zuliebe wollten wir uns nicht mehr kennen. Daran gibt es nichts zu verstehen.«
Trudi geht am Stock, will sich aber Leo gegenüber keine Blöße geben und er ihr gegenüber kein Mitleid offenbaren.

Die Krux ist, dass Leo nicht daheim zu Hause ist, aber auch mit dem Lager nichts mehr zu tun haben will. Wie ausladend kann man Einsamkeit beschreiben?
 

~ Diktandohefte ~

Da fängt Leo damit an, das Erlebte in Tagebücher aufzuschreiben. Er beginnt mit dem VORWORT. Keine wirklichen Namen, nur Kürzel oder Decknamen. Und er erzählt auch ein bisschen von der Heimfahrt, auf der er in Tränen ausbricht beim Abschied vom Lager.

Eine der Mitreisenden hält fest: »Schau, wie der heult, dem läuft was über.« Und damit hat sie recht, denn Leo wälzt diesen Satz in sich von vorne nach hinten, von rechts nach links.

Das VORWORT wird immer länger, erstreckt sich über drei Schreibhefte. Und schließlich streicht Leo die Überschrift VORWORT durch und ersetzt sie durch NACHWORT. Gibt es da noch etwas hinzuzufügen?
 

~ Ich bin noch immer das Klavier ~

In der Kistenfabrik arbeitet Leo im Akkord. Sein Chef lobt ihn, aber er weiß, dass er noch immer im Rhythmus des Lagers werkt. Die Apfelsinenkistchen sind für ihn Särge; die Särge seiner Mitinsaßen.

Jetzt, gegen Ende des Romans, holt Leo auf einmal seine Homosexualität ein. Den ganzen Roman über war nichts davon zu lesen, oder auch nur zu ahnen. Zurück in der Freiheit aber gibt es wieder Verlangen, verbotene Berührungen. Zwar heiratet er eine Frau aus der Nachbarschaft, Emma, nimmt jedoch das versteckte Schwulenleben mit Begegnungen in den Parks der Stadt erneut auf.

Als einige seiner homosexuellen Partner verhaftet werden, verlässt Leo seine Frau und flieht in den Westen, nach Wien.
 

~ Von den Schätzen ~

Ganz zuletzt versickert der Roman Herta Müllers im Surrealen. Leo sitzt in seinem selbst gewählten Grazer? Exil und sinniert über den Tod Tur Prikulitschs und kokettiert mit seinen Schätzen, den immateriellen Mitbringseln aus dem Arbeitslager: Stolze Unterlegenheit, Angstwünsche, unwillige Eile und Arbeitszwang, Nachgiebigkeit und Opportunismus

Leo sitzt an seinem weißen Resopaltischchen oder tanzt mit Gegenständen seines neuen Lebens: mit der Teekanne, der Zuckerdose, mit dem Telefon. »Einmal lag unter dem Resopaltischchen eine staubige Rosine. Da habe ich mit ihr getanzt. Dann habe ich sie gegessen. Dann war eine Arte Ferne in mir.«
 

Mit diesen vier Sätzen endet der Roman. Danach schreibt Herta Müller noch im Nachwort ein paar Zeilen zur Entwicklungsgeschichte der Erzählung, über die Zusammenarbeit mit Oskar Pastior und den Wert seiner Detailerinnerungen. Aber die Geschichte ist mit dem Rosinentanz tatsächlich am Ende.

Jetzt, wo die ganze Odyssee auf einmal ein Ende gefunden hat, bin ich erstaunlicherweise unruhig. Wahrscheinlich geht es mir dabei genau so wie Leo selbst: Alles vorbei?

Weiter zum Nachwort »

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1257573601

Kommentare

Link zu diesem Kommentar Laila, 26.11.2009 um 15:00 h:

Am Ende hatte ich das erste Mal Mitleid mit Leo alias Oskar Pastior. Das Buch hat mich sehr traurig gemacht und ich denke, jemand der so was schreibt, muss auch traurig sein.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 27.11.2009 um 0:03 h:

Mir geht es genau so wie Dir. Der gesamte Aufenthalt im Zwangsarbeitslager wird stets mit einer gewissen humoristischen Nonchalance erzählt. Aber das Ende des Romans, die Nachwehen sind abgrundtief.

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