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Sonntag, 8.11.2009

Mitlesen

Atemschaukel (Nachwort)

« Zurück zum elften Teil

Vor drei Wochen hatte ich mit der öffentlichen Lektüre von Herta Müllers Atemschaukel begonnen. Jetzt sind wir durch damit, die Mitleser und ich. Ich weiß nicht, wie es Euch dabei ergangen ist, mich jedenfalls hat der aktuelle Roman der Nobelpreisträgerin in ein Wechselbad der Lesegefühle gestürzt.

Mal war ich verzaubert vom Stil der Autorin, mal konnte ich so gar nichts anfangen mit dem literarischen Stoppelhopsen durch russische Zwangsarbeitslager. Nun, da ich den ersten Lektüredurchgang hinter mir habe, überlege ich, welches Resümee aus meiner Sicht zu ziehen ist.

Beim Durchblättern meiner Mitlesenotizen aus den vergangenen Wochen stelle ich fest, dass meine Zweifel und zeitweisen Schwierigkeiten, bei der Stange zu bleiben, im Rückblick nicht mehr so prominent nachfühlbar sind wie während der Lektüre. Zurück bleibt an allererster Stelle Bewunderung für die außergewöhnliche Formulierungskunst Herta Müllers und für ihre Wortschöpfungen und Stimmungsbilder. Selbst das exzessive Breitwalzen ihrer Zement- oder Schlacke- oder Hungerengelpassagen nehme ich ihr nicht übel. Wie Fieberfantasien ihres physisch und psychisch vollkommen überforderten Protagonisten Leo kommen sie daher und überrumpeln den Leser.

Die Autorin spinnt eine szenisch verdichtete Geschichte auf der Empfindungsebene, in der Leo der lebensbedrohenden Wirklichkeit im Arbeitslager durch Phantasien und Behelfsinterpretationen zu entgehen versucht. Es ist wahrhaft erstaunlich, wie es Frau Müller gelingt, in die Gedankenwelt ihres Protagonisten, eines homosexuellen Heranwachsenden, einzutauchen und den Leser mit hinein zu ziehen in diese Welt der Verzweiflung und Einsamkeit, die nicht etwa mit der Entlassung Leos endet, sondern sich danach sogar noch düsterer entwickelt.

Zwar kenne ich sonst kaum Texte der Autorin, kann nun jedoch verstehen, was die Juroren des Nobelpreiskommitees dazu bewogen hat, Herta Müller den angesehenen Literaturpreis im Jahr 2009 zu verleihen. Eine solch faszinierende Mischung aus Belletristik und Lyrik habe ich bislang noch von keinem anderen Autoren aufgetischt bekommen. Ich freue mich schon auf einen zweiten Lesedurchgang; dann allerdings bitte nicht wieder im Digitalformat auf dem Bildschirm, sondern gedruckt auf Papier.
 

Ich hoffe, der Roman und womöglich auch meine episodenhafte Lesestunde haben auch dem einen oder anderen Mitleser Spaß gemacht. Ich wünsche Euch einen guten Start in die kommende Woche.

Nochmals zum Nachlesen:
Atemschaukel (1)
Atemschaukel (2)
Atemschaukel (3)
Atemschaukel (4)
Atemschaukel (5)
Atemschaukel (6)
Atemschaukel (7)
Atemschaukel (8)
Atemschaukel (9)
Atemschaukel (10)
Atemschaukel (11)

UB

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