Gedanken, Geschichten, Ansichten und Einsichten.


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Montag, 16.11.2009

Brave New World

Geschichten aus der Heimat

Heute will ich mal etwas sehr Persönliches erzählen; nämlich ein wenig Klatsch und Tratsch aus dem Dorf, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Vor ein paar Tagen hat der Bürgermeister unseres Krals die Ergebnisse einer Befragung veröffentlicht, die während des Sommers auf anonymer Basis durchgeführt wurde und deren Details uns alle ziemlich überrascht haben.

Interessanterweise waren zum Stichtag der Erhebung ganz genau einhundert Personen in meinem Dorf gemeldet. Wenig beeindruckend war für uns noch die Meldung, dass es in 2009 zwei Geburten und (bisher) einen Todesfall gegeben hatte. Schließlich wusste jeder, dass die Rosi M. und die Petra K. Mütter geworden waren – meine Güte waren das zwei hässliche Babys! Und: nein, von keinem bin ich der Vater. Der Alois B. – das haben wir alle gewusst –, der hat schon seit Jahrzehnten zu viel gesoffen, so dass sein Tod niemanden wirklich überrascht hat.

Aber dann ging es schon los. Tatsächlich leben zehn Dörfler mit einer Behinderung; das fällt im Alltag gar nicht so auf, muss ich sagen. Dass wir vier Arbeitslose im Dorf haben und sogar einen Obdachlosen, ist hingegen kein Geheimnis. Man kennt sich halt, und dass der Jakob ab elf in der Nacht im Buswartehäusl schläft, weiß jeder und stört sich nicht daran.

Peinlich war es allerdings zu erfahren, dass es immerhin 13 Analphabeten hat bei uns. Da können die mickrigen zwei Studenten nicht so recht gegenhalten. Zu diesem Ergebnis hat dann aber keiner von uns eine Frage stellen wollen. Wahrscheinlich haben sie alle Angst gehabt, sich selbst als Analphabeten zu outen. »Wer den Furz zuerst gerochen, dem ist er aus dem …« — Na, Ihr wisst schon.

Interessant wurde es dann bei der Frage nach den materiellen Besitztümern. Da haben wir alle die Ohren gespitzt. Tatsächlich gibt es im Dorf nur 13 Autos, aber – hallo? – satte 68 Mobiltelefone. Zwölf Leute haben einen eigenen Computer, aber 25 gehen ins Internet; Nachbarschaftshilfe also, sozusagen. Vier Menschen haben angegeben, dass sie bei Facebook aktiv sind; ich würd' ja zu gerne wissen, wer die sind.

Aber noch mehr reizen würde mich – und gewiss auch alle anderen –, zu erfahren, wer die vier Dörfler waren, die angegeben haben, am Tag vor der Erhebung Sex gehabt zu haben. Ob es eine Schnittmenge gibt zwischen diesen Wolllüstigen und den 19 Rauchern im Dorf? — Wegen der Zigarette danach, meine ich.
 

Spätestens wenn ich Dir jetzt noch erzählte, dass von uns Dörflern immerhin 59 Asiaten sind, 15 Afrikaner, 14 Amerikaner, nur 11 Europäer und sogar einer Australier, würdest Du bestimmt wütend mit der Hand auf den Tisch schlagen und rufen: »Wo, in drei Teufels Namen, wo nur wurdest Du verdammter Kerl geboren!?«

Wenn es wirklich so weit käme, dann würde ich Dir ohne mit der Wimper zu zucken antworten: »Mein Dorf liegt zwischen Venus und Mars, ziemlich genau 150 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Die Gemarkung meines Dorfes umfasst etwas weniger als 150 Millionen km2, Wasserflächen nicht mitgerechnet, und wer noch mehr Einzelheiten der Auswertung nachlesen möchte, den verweise ich hiermit an ›Unser Weltdorf‹

Und wenn Du dort zufällig den Jakob im Bushäusl triffst, sei nett zu ihm und leg ihm 'nen Euro hin, damit er sich am nächsten Tag davon ein Bier am Bahnhofskiosk kaufen kann.

Übrigens: Zum Thema »Brave New World« gibt es bei E-Script noch weitere 28 Geschichten. Interessiert? — Titelliste einblenden.

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1258351201

Kommentare

Jekylla?

Link zu diesem Kommentar Jekylla, 18.11.2009 um 7:47 h:

Ich hatte viel Spaß beim Lesen und noch mehr, als ich die Quelle der Dorferzählung angeklickt hatte.

Leichte Überforderungeserscheinung beim Rechen-Captcha, Addieren geht ja noch, aber Multiplizieren? Ich bitte Sie!

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 18.11.2009 um 22:29 h:

Freut mich, dass Sie Spaß beim Lesen hatten, Frau Jekylla. Das Multiplizieren macht hingegen mir sehr viel Spaß. Nicht etwa, weil ich selbst so gerne mit dem kleinen Einmaleins prahle, sondern weil offenbar kein einziger Spammer diese Grundrechenart zu beherrschen scheint.

Wir lesen uns beim nächsten Freitagstexter?

Melody?

Link zu diesem Kommentar Melody, 20.11.2009 um 23:08 h:

Ohneineinein. Ich glaube, ich weiß, warum ich immer im Spam landete ... das ist gar kein PLUSZEICHEN ....

ohjeohje. ich bin offensichtlich sehr blind.

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 20.11.2009 um 23:49 h:

Die Macht der Gewohnheit, Melody! Die Leute haben sich einfach an die läppischen Addierübungen gewöhnt und zerschellen hier dann nicht aus mathematischen, sondern aus Flüchtigkeitsgründen.

Ich freue mich aber, dass Du a) den Pudel entkernt hast und b) auch in Hinblick auf ein gewisses Bildungsgrundniveau nicht scheiterst.
=;oþ

(Das war jetzt wie in der Schule: »Melody braucht heute Nachmittag nicht zur Übstunde kommen, sie beherrscht das kleine Einmaleins bereits.« Ich muss in mich gehen und prüfen, ob ich auf meine alten Tage nicht doch noch auf Pädagogik umschulen sollte. (Be-) Lehrer sind ja derzeit sehr gefragt.)

Kathleen?

Link zu diesem Kommentar Kathleen, 21.11.2009 um 18:23 h:

»Melody braucht heute Nachmittag nicht zur Übungsstunde ZU kommen [...]« - Soviel Zeit muß sein, wenn wir schon bei den Belehrern sind. [Regieanweisung: Duckt sich und rast davon]

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 21.11.2009 um 22:31 h:

Ich bin erschüttert. Haupt auf meine Asche! Natürlich ziehe ich augenblicklich Konsequenzen und mein (Be-) Lehrangebot zurück.

Wälze gerade Volkshochschulangebote auf der Suche nach Kursen zum korrekten Gebrauch des Infinitivs in der deutschen Grammatik.

To do: Anpassung der Dorfstatistik hinsichtlich der Analphabetenrate. Melody kann + von × nicht unterscheiden, Ulf ist eine infinitive Null.

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 23.11.2009 um 9:46 h:

was ist eine infinitive0 ??

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 24.11.2009 um 23:26 h:

Na, eben eine Null in Bezug auf den Gebrauch des Infinitivs. Hat nix mit einer »infinitesimalen Null« zu tun, weil das wäre ja ein Widerspruch in sich selbst.

Im Übrigen habe ich in diesem Kommentar meinen Infinitiv überprüft. Der is' ausnahmesweise korrekt, behaupte ich mal.

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 25.11.2009 um 15:30 h:

sich als Null zu bezeichnen, hätte doch völlig ausgereicht,
dafür hättest du nicht den Infinitiv heranzuziehen gemusst.
( ist das nicht eine feine Formulierung? )

Ulf?

Link zu diesem Kommentar Ulf, 25.11.2009 um 23:07 h:

In der Tat. Bei dieser Formulierung droht mir der Blick zu brechen ... =;o)

Dennoch: Ich bezeichne mich anlässlich der zurück liegenden Ereignisse gerne als infinitive Null. Die Ausweitung auf die gänzliche, unadjektivierte Null weise ich jedoch bis auf weiteres noch von mir.

Link zu diesem Kommentar Frau Muschel, 27.11.2009 um 10:57 h:

Hi N-u(l)-lf !
Der Blick bricht ? ...
na, solange es nicht das Herz ist....
Ich wünsche dir definitiv ein schönes WE

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