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Donnerstag, 18.11.2010

E-Leserei

Oyos Elektropapier

« Oyos Plaste und Elaste

In den beiden ersten Texten über die E-Leserei habe ich versucht, Euch Äußerlichkeiten des Oyo nahe zu bringen: Vanitas vanitatum! Hier gehen wir nun im wahrsten Sinn des Wortes ins Eingemachte. Was geht ab im E-Book-Reader der Thalia-Buchhändler, wenn wir auf ihm herumtippen? Ich beginne die oyosche Nabelschau mit leerem Akku:
 
Oyo ist leerOyo tankt aufOyo ist randvoll

Zwischen der Abbildung ganz links und der auf der rechten Seite liegen eine Stunde und vierzig Minuten. So lange hat der Oyo gebraucht, um nach dem Abschalten wegen leeren Akkus wieder auf volle Ladung zu kommen. Wer die Muße dazu aufbringt, dem Gerät beim Aufladen zuzusehen hier erkennt man wieder einmal das ganze Ausmaß des gemäßigten Temperaments des Autors dieser Zeilen, der sogar dazu in der Lage ist, einer dynamischen Batterieanzeige permanente Aufmerksamkeit entgegen zu bringen , wird rasch einer Eigenart der Bildschirmanzeige gewahr: Das Batteriesymbol flackert beständig zwischen starkem Schwarz-Weiß-Kontrast und dem 16-stufigen Grauwert der normalen Anzeige.

Das liegt an der Bildschirmtechnologie des Elektronischen Papiers, das im Gehäuse des Oyo nicht von der Firma E Ink aus Cambridge (USA) stammt sondern von SiPix, die in Kueishan (Taiwan) produzieren. Im Vergleich zu den aktuellen Bildschirmen von E Ink mit dem Namenszusatz »Pearl«, die meines Wissens in Amazons Kindle 3 und in den neuen Sony E-Book-Readern ihre Dienste tun, scheint mir das Flackern beim Anzeigenwechsel des Oyo besonders stark ausgeprägt zu sein.

Tatsächlich dauert der Seitenwechsel beim Lesen etwa vier Sekunden, sagt zumindest mein Zeiteisen. Den Großteil dieser Zeitspanne nach dem Tastendruck tut sich gar nichts auf dem Bildschirm. Dann färbt sich die Schrift von dunkelgrau auf schwarz, der Bildschirm leert sich, die neue Seite erscheint ebenfalls in tiefschwarz und wechselt dann in die dunkelgraue Normaldarstellung.
Dieses Geflackere ist anfangs äußerst gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Lesestunden hat man sich an die ungewohnte Form des Seitenaufbaus gewöhnt. Was bleibt, ist die Irritation über die relativ lange Zeitspanne nach Tastendruck, in der das Gerät überhaupt nicht zu reagieren scheint. Der Leser fragt sich manchmal, ob sein Befehl beim Oyo überhaupt angekommen ist und drückt gerne ein zweites Mal. Ist man ungeduldig und drückt mehrfach, kaskadieren die Seitenwechsel irgendwann und man landet irgendwo, bloß nicht dort, wo man hin wollte.
Besonders störend ist diese Pause, wenn man nicht den Seitenwechselknopf auf der rechten Rahmenseite verwendet, sondern den Touchscreen des Lesers bedient: Ein Fingerwisch nach oben oder nach links bedeutet vorwärts blättern, ein Wisch nach unten oder nach rechts heißt zurückblättern. Wenn man aber nicht weiß, ob ein Wisch zwar erkannt wurde, aber der Oyo noch nachdenkt, was er tun soll, oder ob meine Fingerbewegung zu hektisch war; dann wischt man hin und her und es tut sich erst recht nichts, weil die arme Kiste natürlich total durcheinander gerät und gar nicht mehr weiß, wo man hin will.

Bewegungsdisziplin ist hier also unbedingt von Nöten. Und man lernt auch, sich in Geduld zu üben. Denn der Wechsel von einem Kapitel zum nächsten oder aus dem Buch ins Menü und umgekehrt dauern ein Vielfaches länger als die vier Sekunden, die ich beim Umblättern gemessen habe. Der Sprung vom Text ins Menü war bei meinem Messversuch erst nach 14 Sekunden abgeschlossen. Da kann man sich in der Zwischenzeit schon mal gemütlich ein Gläschen Wein nachgießen.
 

Diese Herumwischerei auf Glasflächen ist eine merkwürdige Angelegenheit. Nicht nur beim Oyo, finde ich. In der Vergangenheit hieß es seit ein paar Jahren immer nur »Klick mich an!«, der Spruch hatte sogar seinen Weg vom PC in die Werbung gefunden, weltweit wurde »geklickt«, was das Zeug hielt. Man muss sich nur mal ansehen, wie viele Regalmeter Platz das Maussortiment in den Elektronik-Supermärkten einnimmt.
Dann haben die iPhonisten, iPodisten und iPädisten mit dieser Augenwischerei Fingerwischerei angefangen; die Leute stehen scharenweise an Bushaltestellen, in U-Bahnen und Raucherecken herum und zwirbeln mit den Fingern auf kleinen Brettchen herum, als wären sie allesamt persönliche Nachfolger_innen der Wahrsagerin Michail Alexandrowitsch Wrubel und würden in wichtigen Seancen die Geschicke der Welt lenken.
Wenn ich es mir recht überlege, dann ist das wahrscheinlich tatsächlich so: Ohne ihre allgegenwärtigen Glasplatten und die mantischen Gesten wären Infojunkies nicht überlebensfähig. Stutzig macht mich jedoch, dass wir von der Glaskugel wieder zurück auf die Glasfläche mutieren, ganz so, als sei die Welt nun doch keine Kugel sondern eine Scheibe.

Also ich wisch' jetzt auch ein bisschen über die Glasscheibe dieses Oyo. Aber nur ganz selten. Weil ich mir erstens blöd dabei vorkomme, ertappt beim kristalloskopischen Hobby; und weil zweitens die Scheibe des Apparillos davon Fettflecken und Schlieren bekommt, die das Leseergebnis buchstäblich trüben.

Die Trübung der Mattscheibe ist ein Minuspunkt, der beim Oyo doppelt schwer wiegt. Denn Elektronisches Papier hin und SiPix her, der Kontrast des Bildschirms ist beim Thalialeser eindeutig verbesserungswürdig. In den Filialen des Bücherhändlers kann man sich den Oyo im Vergleich zu Sony-Readern (Modelle PRS-350 und PRS-650) ansehen, die dort ebenfalls angeboten werden. (Merkwürdige Produktpolitik: Die Hausmarke wird im eigenen Verlagswohnzimmer dem Konkurrenzdruck ausgesetzt? Aber mich geht das ja nichts an.)
Zumindest hinsichtlich des Kontrastes liegen die E-Book-Reader von Sony mit dem Display von E Ink deutlich erkennbar vorne. Schwierigkeiten habe ich beim Ablesen vom Oyo nicht etwa im Sonnenlicht; hier stört der schwächere Konrast dunkelgrauer Buchstaben auf hellgrauem Hintergrund gar nicht. Schwierig wird es bei abgedunkelter Beleuchtung: In der Leseecke oder im Bett braucht es schon eine kräftige Beleuchtungsquelle, um den Text ohne Anstrengung ablesen zu können. Mit Sch(l)ummerlicht geht da gar nix!
 

Aber jetzt habe ich lange genug herumgemäkelt und mache mich erst mal wieder ans Lesen. Man kann das Gerät an die eigenen Lesegewohnheiten anpassen und den Bildschirm im Querformat halten. Nach ein paar (längeren) Sekunden dreht sich die Anzeige enstprechend.
 
Oyo im Querformat

Die Drehung funktioniert in beide Richtungen, man kann also wählen, ob die Tasten am oberen oder am unteren Bildschirmrand liegen sollen. Linkshänder werden jetzt allerdings vermutlich enttäuscht seufzen, denn hochkant funktioniert der Lagesensor nicht, wenn man das Ding auf den Kopf stellt und dadurch versucht, die Bedientasten an den linken Geräterand zu verlegen.

Auch hinsichtlich der Textdarstellung gibt es ein paar Varianten. Dem Leser stehen sechs verschiedene Schriftgrößen zur Verfügung, von Adlerauge bis Altersweitsichtigkeit. Darüber hinaus kann man zwischen fünf Serifenschriften (Stempel Garamond, PMN Caecilia, Bookmark Oldstyle, Rockwell) und einer serifenlosen Schrift (Helvetica World) auwählen.
 
Oyo mit kleiner SchriftOyo mit großer Schrift

Denjenigen allerdings, der sich nicht unbedingt mit Typographie beschäftigt, werden die Unterschiede zwischen den Schriftarten nicht vom Hocker reißen. Interessant wäre es womöglich gewesen, durch Schriftarten mit deutlich unterschiedlichen Grundmaßen eine weitere Differenzierung hinsichtlich der Schriftgröße zu schaffen. Aber das sind Kleinigkeiten. Persönlich wäre ich gut und gerne auch mit einer einzigen Schriftart ausgekommen und falle nun endlich über den Text her.

Nach zehn Tagen ausgiebigen Herumdrückens, Ausprobierens und Blätterns schließlich war auf meinem Gerät Schluss. Der Hersteller gibt die Laufzeit ohne Nachladen mit bis zu zwei Wochen beziehungsweise 8.000 Seitenwechsel an. Das kommt hin. Und danach geht es eben wieder von vorne los.
 
Oyo ist ausgelutscht

UB

Link mich: http://www.e-script.de/?p=1290063601

Kommentare

Autolino?

Link zu diesem Kommentar Autolino, 17.5.2011 um 12:35 h:

Der Oyo ist schon nett, aber als Gerät viel zu menschlich, wenn ihr mich fragt: Braucht ne Menge aufmerksamkeit und hat öfter mal wehwehchen.

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