Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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28.2.2010

Cover: Das andere Kind

Das andere Kind - Offenbar ist gerade die Zeit für Autorinnen gekommen, die im Alter von sechzehn ihre Erstlingsromane veröffentlichen oder veröffentlicht haben. Zuletzt nach Helene Hegemann und ihrem Axolotl Roadkill bin ich nun bei Charlotte Link und Das andere Kind gelandet. Im Gegensatz zum aktuellen Fräuleinwunder Hegemann ist die Autorin Link allerdings mittlerweile knapp fünfzig Jahre alt und lebt nicht im schrillen Berlin, sonden im vergleichsweise betulichen Wiesbaden. Außerdem behandeln ihre Romane, von denen sie mittlerweile mehr als zwanzig Stück geschrieben hat, nicht Drogen- oder Sexexzesse von Teenagern; Frau Link hat sich eher der Stilrichtung Spannungsroman in englischer Tradition verschrieben.

Die Autorin hegt offensichtlich ein Faible für die Grafschaft Yorkshire im Nordosten Englands; nicht nur ihr Roman Das andere Kind spielt zu großen Teilen in dieser Gegend. Aber mit der Einschränkung auf große Teile der Handlung bin ich nun schon bei einer Besonderheit angelangt, die ich jedoch noch ein paar Zeilen aufschieben möchte. Beschränken wir uns zunächst einmal auf den Handlungsstrang, der sich in der Jetztzeit in Yorkshire zuträgt:
Im Hafenstädtchen Scarborough werden eine junge Studentin und wenige Tage später eine über Achtzigjährige ermordet, beide auf ähnliche Art und Weise. Im Umfeld des Bekanntenkreises der alten Frau beginnt die Suche nach dem Täter. Das hierbei übliche Personal ist in Hülle und Fülle vorhanden: eine schlecht organisierte, unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Hauptkommissarin, ein ehrgeiziger Unterkommissar, ein ehemaliger Liebhaber des Opfers, ein verärgerter Widersacher, eine Lieblingsnichte und diverse Freunde der Familie, die mehr zu wissen scheinen, als man ihnen zunächst zutraut. Sogar mit einem verabscheuungswürdigen aber gewitzten Psychopathen wartet Charlotte Link zwischenzeitlich auf. Mit solchen Zutaten hatte schon Agatha Christie, Gott hab sie selig, so manch spannenden Krimicocktail angerührt.

Im Grunde wäre der Roman - mit Verlaub gesagt und sorry, Mrs Christie - eine ziemlich fade Geschichte, wenn da nicht noch die ausgeklügelte Nebenhandlung wäre. Erst durch diese setzt sich die ganze Angelegenheit von der kriminalistischen Beliebigkeit ganzer Schwärme vorgeblich echt englischer Kriminalromane ab.
Unerwartet tauchen Computerausdrucke auf, die eine Art Lebensbeichte der ermordeten Alten, einer Dame namens Fiona Barnes, enthalten und die in den Vierzigerjahren einsetzen, während des Zweiten Weltkrieges. Damals war Fiona ein Teenager, der von ihrer Mutter für einige Jahre nach Scarborough in Yorkshire zu einer Gastfamilie verschickt wurde, um sie vor den Bombenangriffen der Deutschen auf die britische Hauptstadt in Sicherheit zu bringen.
Alleine tritt Fiona den Weg in die Fremde jedoch nicht an. Denn unangemeldet schließt sich ein kleiner, geistig behinderter Junge an, dessen Angehörige kurz zuvor unter dem Bombenteppich ums Leben kamen - »das andere Kind«.

Was aus Fiona, dem anderen Kind und den sonstigen Beteiligten wird, darf an dieser Stelle natürlich keinesfalls verraten werden. Allerdings sei angemerkt, dass die Nebenhandlung durchaus Charme und Tiefe hat und vor dem Hintergrund des Mordfalles den Leser zu den wildesten Spekulationen anregt.

Was gesagt werden darf ist, dass diese Nebenhandlung drastisch endet. In psychologischer Hinsicht sogar erheblich drastischer als der Haupthandlungsstrang mit dem Doppelmord. Die Hauptgeschichte enttäuscht hingegen regelrecht: Die Protagonisten handeln nicht nur erratisch, sondern weisen auch noch selbst darauf hin. Mehrfach ist zu lesen, dass sich der oder die eine oder andere darüber im Klaren ist, dass in der jeweiligen Situation nichts anderes in Frage kommen sollte, als die Polizei zu alarmieren; dass sie aber gerade nicht anders könne, als eben dies aus unerklärlichen Gründen zu unterlassen. Dies lässt den Leser unwillig und die Romanhandlung unwirklich werden.
Die Auflösung des Mordes an Fiona Barnes ist nicht besonders originell. Auf diese Idee dürften viele Leser längst selbst gekommen sein, um sie sogleich wegen mangelnder Originalität wieder verworfen zu haben. Und selbst der Showdown lässt weniger die Nerven flattern als die Ahnung keimen, dass hier jedes Wort bereits auf Drehbuchtauglichkeit abgeklopft worden sein könnte.

(Was der chronologisch erste Mord in der Geschichte zu suchen hat, bleibt bis zuletzt schleierhaft. Müssen wir uns darauf gefasst machen, demnächst die Fortsetzung aufgetischt zu bekommen?)

Vielleicht liegt die Schwäche des Plots auch daran, dass der Geschichte eine Protagonistin fehlt. Die Nichte von Fiona Barnes schleppt sich mit Selbstmitleid beladen durch die Handlung, die ermittelnde Polizeibeamtin wird in jeder Szene hauptsächlich von Selbstzweifeln gepeinigt, und die teilnehmenden Männer sind alle ohnehin nur rückenmarkslose Statisten. Oder Schweine. Oder beides.

Fazit: Ein besonderer Coup ist der Autorin Charlotte Link mit Das andere Kind nicht gerade gelungen. Die klischeehafte Handlung der Kriminalgeschichte hätte bestenfalls einen von fünf Bewertungspunkten erhalten. Die Nebenhandlung hat allerdings Kraft und Gewicht genug, um eine Aufwertung um einen oder zwei Punkte zu rechtfertigen. Und weil die linksche Schreibe flüssig ist und man trotz gelegentlicher Verärgerung über die Überschaubarkeit der Inhalte gerne weiterliest, soll der Roman hier immerhin drei Sterne bekommen, auch wenn mir diese morgen vielleicht schon als zu positives Urteil erscheinen könnten.

Charlotte Link: Das andere Kind
Blanvalet Verlag, 2009

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