Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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4.7.2002

Cover: Gelber Kaiser

Gelber Kaiser - »Ein Panorama der chinesischen Geschichte von der Gründung der Volksrepublik bis hin zur Gegenwart. Ein Roman über machtpolitische Schachzüge, unerbittliche Grausamkeit und über zerborstene Träume.«

So steht es auf dem Einband des Buches; und der Gelbe Kaiser hält dieses Versprechen. Am Schicksal der amerikanischen Missionarsfamilie Farlane über Generationen hinweg schildert der Autor Raymond A. Scofield in seinem ersten Roman chinesische Historie, beginnend in den Dreißiger Jahren bis hin zu einem fiktiven Finale in der nicht genau datierten Gegenwart. Scofield schafft eine nicht ganz einfach zu verfolgende Kette aus historischen Fakten und erfundenen Lebensgeschichten, die schließlich in einer drastischen Auflösung gipfelt.
»Operation Gelber Kaiser« nennt eine Clique chinesischer Generäle den Plan zur Rückeroberung Taiwans irgendwann am Ende des zweiten Jahrtausends. Um den Handlungsstrang der Gegenwart plausibel zu machen, holt der Autor weit aus. In manchmal schwer mitzuvollziehenden Zeitsprüngen zwischen 1931 und dem Heute erzählt er chinesische Geschichte aus dem Blickwinkel dreier Generationen der Familie Farlane; angefangen beim China-Missionar John und abschließend mit dessen Enkel Stenton Farlane, Professor für chinesische Sprache.
Interessant ist der historische Abriss für alle Leser ohne geschichtliche Vorbildung, die sich darauf freuen, einen Überblick über die Entwicklung Chinas von der Gründung der Volksrepublik über die Tragik der Kulturrevolution bis in die Moderne vorgesetzt zu bekommen. Häppchenweise serviert Scofield historische Tatsachen aus dem Blickwinkel der handelnden Personen. Allerdings verhindert die Vermischung von Fakten und Fiktion, von real existierenden und erfundenen Gestalten, dass am Detail Interessierte eine klare Trennung vollziehen könnten. Zur Verwirrung trägt darüber hinaus auch die ansehnliche Sammlung chinesischer Namen bei, die für westliche Namensgedächtnisse nicht einfach auseinander zu halten sind. Auch ein Personenregister auf den ersten Seiten des Buches kann Verwechslungen und Orientierungsschwierigkeiten des Lesers nicht immer verhindern.
Doch über seine Bemühungen, der Handlung zu folgen, sollte sich der Leser auf keinen Fall die Leckerbissen entgehen lassen, die Scofield in seinen Roman einstreut. So kristallisiert sich zum Beispiel im Laufe der Geschichte ein durchweg negatives Urteil über die historische Rolle Mao Zedongs heraus. Es lohnt sich auch, sich die Entwicklung der einzelnen Personen aus dem Namensregister einzuprägen. Denn gegen Ende des Werkes verknüpft der Autor bis dahin zusammenhangslose Handlungsstränge und löst die Geschichte auf den allerletzten Seiten in einem überraschenden Finale auf. Da verzeiht man ihm sogar den relativ unwahrscheinlichen politischen Plot der Gegenwart.

Fazit: Ein mehr als passables, fesselndes Lesevergnügen vor allem für Freunde groß angelegter Historienschmöker. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich statt der vier nicht doch fünf Sterne vergeben hätte sollen.

Raymond A. Scofield: Gelber Kaiser
Lichtenberg Verlag, 1997

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