Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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1.10.2002

Cover: Schnee, der auf Zedern fällt

Schnee, der auf Zedern fällt - Mit seinem Erstlingswerk hat sich der amerikanische Autor David Guterson aus dem Stand in die englischsprachigen Bestsellerlisten geschrieben. Seinem Roman handelt von einen Mordfall, der 1954 auf einer kleinen Pazifikinsel an der US-Küste begangen wurde. Das eigentliche Thema des Buches aber ist das schwierige Verhältnis zwischen Amerikanern europäischer und japanischer Abstammung.

Den Rahmen der Handlung bildet eine Gerichtsverhandlung auf der Insel San Piedro im Puget Sound vor der amerikanischen Nordwestküste auf Höhe von Seattle. Der japanischstämmige Fischer Kabuo Miyamoto ist angeklagt, seinen Kollegen und ehemligen Freund Carl Heine umgebracht zu haben, dessen Familie einst aus Deutschland zugewandert war. Es gibt keine Zeugen, nur Indizien und ein Motiv: Rache wegen einer persönlichen Fehde, die durch Geschehnisse aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg entstand, als die aus Japan stammenden Amerikaner starken Repressionen unterlagen.
Unter den Prozessbeobachtern ist Ishmael Chambers, Herausgeber der Lokalzeitung San Piedros. Er kennt alle Beteiligten von Kindheit an. Darüber hinaus verbindet ihn mit der Frau des Angeklagten eine viele Jahre dauernde, interkulturelle Jugendliebe. Während des Prozesses, der die Abgründe aufdeckt, die zwischen den Heines und den Miyamotos entstanden waren, findet Chambers mehr oder weniger zufällig entscheidendes Beweismaterial.
Der Ablauf des Gerichtsverfahrens wird geklammert durch einen gewaltigen Schneesturm, der das Inselleben während des gesamten Prozesses zum Erliegen bringt. Mit den Schilderungen im Zusammenhang mit Naturgewalten lockert der Autor unaufdringlich die kriminalistische Handlung auf, gibt ihr einen Rahmen.

In den Handlungsstrang um Unwetter und Gerichtsverhandlung hinein webt Guterson seine eigentliche Erzählung. Diese handelt vom Leben der Inselbevölkerung hauptsächlich in den Vierziger- und Fünfziger-Jahren. Der Autor versteht es, die Erdverbundenheit der Menschen, die Schönheit der Landschaft in wunderbaren, poetischen Bildern plastisch zu schildern. Fast riecht der Leser zusammen mit den Romanfiguren den Duft der Zedern, den Geruch des Mooses, des Schnees und des Salzwassers.
Aber auch die Probleme, die aus dem Zusammenleben von Menschen verschiedener Hautfarbe entstehen, weiß Guterson auf eindringliche Weise zu schildern. Die Entwicklung der Liebe zwischen zwei Hauptfiguren des Romans, der Japanerin Hatsue und dem Amerikaner Ishmael, macht deutlich, welchen Einfluss unterschiedliche Abstammung, Kultur und gesellschaftlicher Druck auf persönliche Beziehungen haben. Aus unbekümmerter, kindlicher Freundschaft wird zunächst starke, sich gegen Konventionen auflehnende, jugendliche Liebe. Durch historische und gesellschaftliche Ereignisse in der Kriegszeit schlägt die Liebe in Hass und schließlich in Gleichgültigkeit um. Sowohl die Ansichten und Denkungsweise der japanischen Einwanderer, als auch die der westlichen Amerikaner schildert der Autor dabei einfühlsam und nachvollziehbar. Sehr bedächtig, behutsam und ohne Partei zu ergreifen erzählt David Guterson von den Schwierigkeit im Verhältnis zwischen Amerikanern und Japanern.
Die historische Problematik baut Guterson in das Gemeinschaftsleben der Inselbevölkerung seines Buches ein. Das, was seine Romanfiguren erleben, transportiert er über die Berichterstattung der Inselzeitung, die zunächst sein Vater und später er selbst herausgeben, auf eine allgemein gültige Ebene. Zeitungsartikel und die Reaktionen der Bevölkerung geben die Entwicklung der amerikanischen Stimmungslage in den Jahrzehnten wieder, die die Lebensläufe der handelnden Hauptpersonen umfassen.
Über dieses komplexe Gerüst vermittelt Guterson seine Botschaften: den Wert von Schönheit und Kraft der Natur gegenüber der Hässlichkeit und unfassbaren Gewalt des Krieges; die historischen Gegensätze zwischen menschlichen Kulturen und die schiere Unmöglichkeit diese Kluft zu überwinden; die persönliche Entwicklung von Charakteren über Jahrzehnte hinweg vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man als Einzelner seinen Lebensweg nur wenig beeinflussen kann; aber auch die Gefahr, die eine politisch entschlossene Regierung für das Individuum und die Gesellschaft darstellen kann.

Als am 7. Dezember 1941 wie aus heiterem Himmel Flugzeuge Pearl Harbour angriffen, war Amerika entrüstet über die Heimtücke der Japaner. Heute sagen Historiker: Präsident Franklin Delano Roosevelt wusste im Voraus von dem Angriff, hatte ihn sogar provoziert. Roosevelt wollte in den Zweiten Weltkrieg eintreten. Doch bis Pearl Harbour waren fast neunzig Prozent der Amerikaner dagegen gewesen. Danach schlugen Patriotismus und Xenophobie Kapriolen in der amerikanischen Gesellschaft.
Angesichts der Situation, in der sich die US-amerikanische Außenpolitik derzeit befindet - nach dem Attentat am 11. September und am Vorabend eines Agriffskrieges auf den Irak - drängen sich parallele Schlüsse geradezu auf. Wusste nicht auch die Bush-Regierung von den bevorstehenden Terrorattacken? Wie weit ist es von dieser Feststellung bis zum Verdacht, man könne wie damals während des zweiten Weltkrieges die Kriegsbereitschaft des eigenen Volkes schüren, indem man gegnerische Angriffe bewusst in Kauf nimmt?

Fazit: Ein aus vielerlei Gründen äußerst lesenswertes Buch; nicht nur wegen der eben angesprochenen historischen Parallelen, sondern vor allen Dingen wegen der unparteiischen und dadurch so glaubwürdigen Schilderung kultureller Gegensätze innerhalb einer Gesellschaft. Dass darüber hinaus die ausdrucksvoll geschilderte Schönheit der Natur als verbindendes Element derart gekonnt eingebracht wird, das ist mir ohne jede Einschränkung die vollen fünf Sterne Wert.

David Guterson: Schnee, der auf Zedern fällt
btb Verlag, 2001

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