Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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1.4.2003

Cover: Die Korrekturen

Die Korrekturen - Jonathan Franzen porträtiert in seinem umfangreichen Roman die Lamberts, eine amerikanische Familie der Mittelschicht aus dem mittleren Westen. Der Autor schafft ein eindrucksvolles, lebendiges, allerdings letztlich beklemmendes Bild der Charaktere von Vater Alfred, Mutter Enid, deren beider Söhne Gary und Chip, sowie der Tochter Denise.

Der deutsche Klappentext wirkt nach der Lektüre merkwürdig verunglückt, gibt er doch lediglich die knappe Rahmenhandlung des Romans wieder: Angesichts der Alzheimer-Erkrankung ihres Mannes Alfred will Enid die Familie ein letztes Mal versammeln und lädt ihre Kinder zu Weihnachten ins Elternhaus nach St. Jude ein. Dass dieser Plot für den Inhalt des Werkes vollkommen belanglos ist, erschließt sich dem Leser jedoch ziemlich rasch.
In der dritten Person, jedoch stets aus Sicht der handelnden Figuren erzählt Franzen in ständigen Zeitsprüngen die Familiengeschichte vom Zeitpunkt des Kennenlernens von Enid und Alfred, bis zu dessen Tod. Im Wechsel zwischen der Schilderung von Geschehnissen und persönlichen Gedankengängen der Personen lässt er fünf tiefenscharfe Charaktere entstehen, in die sich der Leser nur allzu gut hinein versetzen kann.

In der präzisen Psychoanalyse der Lamberts liegt die hauptsächliche Attraktivität des Buches. Mit überdurchschnittlichem Sprachvermögen, einem unvergleichlichen analytischen Scharfblick und einer immer wieder überraschenden Liebe zum Detail gelingt es Franzen, seine Leser in eine Familie hineinzuziehen, als ob es ihre eigene wäre. Manch einer wird nicht umhin kommen, Parallelen zur eigenen Existenz zu ziehen.
Vater Alfred ist im Grunde genommen ein Scheusal, das in puritanische Grundfesten eingemauert durch seine unerschütterlichen Grundsätze Frau und Kinder regelrecht tyrannisiert. Enid, einerseits körperlich von Alfred angezogen, ihn andererseits als Menschen verachtend, versucht ihren Lebensweg zwischen Mann, Kindern und eigenen Wünschen zu gestalten, scheitert jedoch stets an ihrer Umgebung oder dem eigenen Mangel an Durchsetzungwillen. Gary, der dem Augenschein nach erfolgreiche Älteste, entpuppt sich als depressiver Stammhalter seines Vaters, dem es trotz klaren Vorsatzes nicht gelingt, die Erziehung durch seinen Vater in der eigenen Rolle zu »korrigieren«. Sein jüngerer Bruder Chip, das schwarze Schaf der Familie, verliert nach einer Affaire mit einer Studentin seinen Job als Literaturdozent und versucht sich erfolglos als Drehbuchautor, wobei er von einer Katastrophe in die nächste schlittert. Das Nesthäkchen Denise, zunächst Papas Liebling, verliert sich in Affairen mit männlichen und weiblichen Partner und ist unfähig, ihren planlosen Lebensstil zu »korrigieren«.
Es wird deutlich: Alle Lamberts sind gescheiterte Existenzen. Doch liegt es an den bestechenden Formulierungen und Beschreibungen des Autors, dass diese verkorksten und doch so normalen Leben den Leser unwiderstehlich in den Bann zu ziehen vermögen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit versetzt Franzen uns etwa in die Gedankenwelt eines in Demenz versinkenden Alzheimer-Patienten hinein. Als ob man durch einen nächtlichen Albtraum trudle, frisst man sich durch die paranoiden Wahnvorstellungen Alfreds; wir sehnen das Ende herbei und wünschen uns doch, dass der Wahnsinn immer noch einen Schritt weiter gehen möge.

Mit der gleichen chirurgischen Präzision, mit der der Autor die unerbittlichen Konsequenzen von Krankheit und Alter formuliert, schafft er Bilder zermürbender menschlicher Schwächen und Angewohnheiten, in denen der Leser sich selbst oder seine Umwelt wiederzuerkennen glaubt.
Ein wenig abgedroschen erschienen mir hingegen die Bilder, die Franzen in seine Studie einflicht, um sie in die Realität des vergangenen Jahrzehnts einzuweben. Seine Geschichten über Ärzte, die Psychopharmaka verabreichen, die Regelung von Alfreds Patentangelegenheiten, Episoden über Aktien- und Internetboom waren mir zu flach; selbst wenn auch diese Sequenzen hervorragend formuliert sind und niemals langweilig wurden.
An dieser Stelle sei einmal angemerkt, dass ich zwar das englische Original nicht kenne, dennoch der deutschen Übersetzung Lob zollen will. Wortwahl und Ausdruck sind mancherorts einfach atemberaubend. Man ist dann versucht, einzelne Absätze wieder und wieder zu lesen, obwohl man sie bereits annähernd auswendig kennt. Zu solchen Leckerbissen zählt zum Beispiel Alfreds Zwiegespräch mit einer seiner Wahnkreaturen, dem »Scheißhaufen«.

In fast allen Buchbesprechungen werden die Parallelen der Korrekturen zu John Updikes Rabbit-Serie erwähnt. In der Tat fällt es leicht, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Updikes Romane werden von einer positiven Grundeinstellung gegenüber den Menschen getragen.
Franzen dagegen ist von Sarkasmus geprägt, seine Figuren sind nicht nur schwach, sondern durch die Bank niederträchtig und selbstsüchtig. Ihnen allen mangelt es an der Fähigkeit zum Mitgefühl, sie handeln heimtückisch und stets auf den eigenen Vorteil fixiert.

Dass das Buch trotzdem derartig fesselt, liegt am Witz des Autors und seiner offenkundigen Freude am Erzählen. Ich habe die Lektüre ungeheuer genossen und werde im nächsten Schritt das (gekürzte) Hörbuch auf mich wirken lassen. Für den Spaß beim Lesen hat sich Franzen die vier Sterne auf jeden Fall verdient.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen
Rowohlt Verlag, 2002

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