Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
Sieh dich in der folgenden Auswahlliste nach Buchtiteln um, die dich interessieren könnten. Ich hoffe, es ist auch für dich etwas dabei.

Hinweis: Die Gestaltung wurde mit Rücksicht auf unterschiedliche Bildschirmauflösungen und Ausgabemedien, sowie auf sehbehinderte Besucher ausschließlich auf Basis von Cascading Style Sheets realisiert. Da du CSS deaktiviert hast, oder einen Browser benutzt, der diese nicht oder nur teilweise umsetzen kann, musst du leider auf Gestalterisches und auf eine besucherfreundlichere Anordnung der einzelnen Abschnitte verzichten. Der Textinhalt ist allerdings ohne Einschränkungen auch ohne CSS zugänglich.


28.10.2003

Cover: Vor dem Frost

Vor dem Frost - Wachablösung im schwedischen Ystadt: Linda, die Tochter von Kurt Ingvar Wald, übernimmt das Steuer. Zwar ist es auch dieses Mal noch ihr Vater, der im Kriminalfall »vor dem Einsetzen des Frostes« die Ermittlungen leitet, aber machen wir uns nichts vor: eigentlich ist es die Tochter, die die Straftaten aufklärt. - Linda, übernehmen Sie!

Zuerst einmal muss angemerkt werden, dass ich nicht an geistiger Umnachtung leide. Tatsächlich heißt der Kriminalkommissar, um den sich bisher das Gros der Romane von Autor Henning Mankell drehte, mit Nachnamen zwar Wallander und nicht etwa Wald. Wenn man allerdings die Hintergründe ausleuchtet, die zu Mankells ungeheuer erfolgreichen Krimiserie führten, so stellt man fest, dass es zum fiktiven Polizisten Kurt Wallander ein Vorbild in der Realität gibt. Kurt Ingvar Wald ist wie Wallander Polizeibeamter in Ystad, geschieden, hat eine Tochter namens Linda und liebt die Oper. Außerdem klärte er um 1990 den Mordfall um das Bauernehepaar auf, den Mankell im ersten Wallander, Mörder ohne Gesicht, wiedergab.

Nach neun Folgen mit Kurt Wallander soll also jetzt Schluss sein. Vor dem Frost berichtet von der Übergabe der Amtsgeschäfte vom Vater an die Tochter. Linda Wallander hat die Polizeischule absolviert und wartet auf ihren Dienstbeginn in Ystad. Sie wohnt übergangsweise zu Hause bei ihrem Vater, und da bleibt es nicht aus, dass sie in dessen Ermittlungen einbezogen wird. Als ein anonymer Anrufer der Polizei von brennenden Schwänen berichtet, begleitet sie Kurt ebenso an den Ort des Geschehens wie kurz darauf, als ihr Vater einem Bauern beisteht, dessen Jungstier mit Bezin übergossen und angezündet wurde. Außerdem findet Linda die Spur zum ersten menschlichen Opfer der Mörder.
Es ist schon fast überflüssig anzumerken, dass es auch Linda ist, die stets den besten Riecher hat, die wichtigsten Entdeckungen macht und die richtigsten Eingebungen hat. Kurz und gut, auch ohne Uniform ist Linda Wallander selbst in kriminalistischer Hinsicht die Hauptperson des Romans.

Auch im neuen Roman rahmt Henning Mankell seine Geschichte durch Anmerkungen zu gesellschaftlichen Missständen. Diesmal nimmt er religiösen Fanatismus auf Korn. Der Kriminalfall baut auf ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1978 auf, als der Sektenführer Jim Jones in Guayana neunhundert Mitglieder seiner Volkstempler in den Freitod führte.
Bei Mankell überlebt einer der Gefolgsleute und sucht 23 Jahre nach dem Massaker Südschweden mit seiner eigenen Variante des christlichen Fanatismus heim. Der Autor spannt den entstehenden Bogen bis ins Jahr 2001, wenn er Linda Wallander am Ende der Geschichte, bereits als Polizeibeamtin in Amt und Würden, das Attentat auf das World Trade Center am Fernsehgerät miterleben lässt.

Doch was zu Anfang von Vor dem Frost überaus spannend beginnt, verblasst mit zunehmendem Fortschreiten der Erzählung und steht am Ende merkwürdig zusammenhangslos, aus dem Kontext gerissen im Raum. Es gelingt dem Autor nicht so recht, den Bogen von Jones zu bin Laden überzeugend zu spannen.

Auch die eigentliche kriminalistische Handlung, hervorgerufen durch die Aktionen des Sektenführers in Schonen, wirkt unterkühlt und ungewohnt spannungsarm. Blutrünstig sind die Geschehnisse zwar allemal. Da sterben Tiere den Flammentod, Menschen werden aus unterschiedlichen Gründen brutal gemeuchelt, Blut spritzt in alle Richtungen. Die Täter werden trefflich charakterisiert, ihre Motive sind durchaus nachvollziehbar. Aber dennoch wirken die Mordfälle wie eine im Hintergrund inszenierte Rahmenhandlung.

Dieses Zurücktreten sowohl der eigentlichen Handlung, als auch der moralischen Schlussfolgerung entsteht durch Mankells ausführliche Bezugnahme auf die Personen und Hintergründe der Familie Wallander. Solche Sequenzen nehmen einen guten Teil des Gesamtwerks für sich in Anspruch. Sie trennen den eigentlichen Kriminalroman in kurze Happen, die die Leserschaft jedes Mal von Neuem in Zusammenhang bringen muss.
Sehr wahrscheinlich wird der vorliegende, zehnte Wallander die Fangemeinde entzweien. Wer an Mankells Krimis vor allen Dingen die unerhörte Spannung liebte, mag sein letztes Buch nach dem Lesen ein wenig enttäuscht beiseite legen. Die andere Fraktion aber, die schon immer am liebsten bei Wallanders zu Hause auf dem Sofa saß, um wie in einer Soap Opera deren Familiengeschichten zu verfolgen und womöglich Parallelen zum eigenen Leben aufzustellen, die wird Vor dem Frost sehr wahrscheinlich zum Leckerbissen der gesamten Reihe erklären.

Auf eine lange Reise ins Innenleben seiner Heldin entführt uns Henning Mankell in seinem Roman. Ganze Seiten füllt er mit den Gedankengängen Lindas, ihren Erinnerungen an persönliche und familiäre Ereignisse, Reflexionen über Parallelitäten zwischen ihrem Vater und ihr selbst, ihr Aufarbeiten von Kindheitserlebnissen und die Integration von Kriminalfällen früherer Wallanderromanen aus eigener Sicht.
Darüber hinaus lässt der Autor auch Vater Kurt sehr persönliche Gedanken äußern, etwa wenn er die Tochter durch seinen geheimen »Waldfriedhof« führt. Und selbst Lindas Mutter Mona bekommt ihren völlig aus dem Roman gerissenen Auftritt, als sie von der Tochter betrunken und unbekleidet in ihrer Wohnung angetroffen wird.

Besonders auffällig wird der persönliche Blickwinkel bei Lindas Beziehung zu ihrer Freundin Anna. Diese stellt als Romanfigur den Zusammenhang zwischen Lindas Berufswelt und den Sektenmördern her. Dennoch gilt der weitaus größte Teil der Schilderungen um Anna deren früherer und aktueller freundschaftlicher Beziehung zu Linda Wallander. Im Roman verschwindet Anna spurlos, Linda verbeißt sich besorgt in die Suche nach der Freundin. Dabei taucht sie immer wieder über lange Textpassagen hinweg tief in ihre eigene Vergangenheit ein, etwa wenn sie in Annas Wohnung nach Ansatzpunkten für deren Verschwinden forscht.

Webseiten, die sich auf die Wallander-Romane spezialisiert haben, listen den zehnten Teil ohne mit der Wimper zu zucken als ersten Teil der zu erwartenden Lindaserie. Ich hatte beim Lesen jedoch den Eindruck, dass uns mit Vor dem Frost der erste Schritt zu einem Genrewechsel des Autors vorliegt. Sind wir mit dem letzten Mankell dabei, dem Kriminalroman den Rücken zuzukehren? Wandelt sich die Wallanderserie zum Entwicklungs- oder Gesellschaftsroman?
Genügend Türen in Richtung auf einen solchen Wechseln lässt Henning Mankell offen stehen. Dazu gehört zum Beispiel der Einschub über Lindas Mutter Mona und deren offensichtliche Lebenskrise, die sich in Selbstvernachlässigung und Alkoholismus äußert. An diesen Aufsatzpunkt könnte der Autor eine ganze Menge unterschiedlicher Folgeentwicklungen knüpfen, die allesamt wenig mit Krimi zu tun hätten, eher weit verbreiteten Gesellschaftsproblemen ein Gesicht gäben.
Ein weiteres Detail der Geschichte lässt Spekulationen über künftige Romanfolgen breiten Spielraum. Einer der Ermittler im aktuellen Fall ist Stefan Lindman, der sich von Borås nach Ystadt versetzen hat lassen. Man erinnert sich: Lindman ist der Held aus Die Rückkehr des Tanzlehrers, dem Roman, den Henning Mankell zwischen den neunten Wallander und den Beginn der Lindaserie geschoben hatte. Vor dem Frost skizziert nun den Beginn einer romantischen Beziehung zwischen Stefan und Linda. Man mag sich die Frage stellen, ob das Einbeziehen des alternativen Helden nichts anderes als des Autors Versuch ist, seinem Werk eine gemeinsame Linie zu geben. Vielleicht steckt aber mehr hinter diesem Link.

Wir dürfen gespannt sein, was Mankell aus seiner breit angelegten Neuinszenierung machen wird. Ob er zum klassischen Kriminalroman zurückkehren, oder ob er sich in unbekannte Gewässer begeben wird? Das werden wir wohl erst in seinem nächsten Buch erfahren. - Dass ein solches kommen wird, steht in meinen Augen außer Zweifel.

Fazit: Für den Krimifreund ist Vor dem Frost nicht gerade eine Empfehlung. Auch wer sich in die Wallanderserie einlesen möchte, ist mit diesem Roman als Startpunkt schlecht beraten. Zu viele Details verweisen auf die Vergangenheit, hauptsächlich auf die private Seite der Wallanders, als dass Einsteiger Verständnis für die langen Abhandlungen und Gespräche zwischen Vater und Tochter aufbringen könnten. Wenn sich allerdings jemand mehr für Wallander als Person denn als Kriminalist interessiert, dann ist das Buch eine echte Empfehlung.
Da ich mich eher zur letztgenannten Gruppe zähle, habe ich Lindas erstem Auftritt vier von fünf Sternen zugesprochen - wohl wissend, dass es Leser gibt, die aus völlig nachvollziehbaren Gründen noch nicht einmal drei vergeben würden.

Henning Mankell: Vor dem Frost
Paul Zsolnay Verlag, 2003

*****