Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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2.2.2005

Cover: Middlesex

Middlesex - Jeffrey Eugenides, Amerikaner mit griechischen Wurzeln, hat eine ebenso wunderbare wie wunderliche Familienchronik abgeliefert. Um die Figur des Hermaphroditen Cal (geborene Calliope) Stephanides als Erzähler und Protagonisten spinnt der Autor eine Tragikomödie, die facettenreich sowohl die genetischen Folgen von Inzest, die Geschichte einer amerikanischen Einwandererfamilie aus Griechenland über drei Generationen hinweg, als auch historische Details aus dem zwanzigsten Jahrhundert beginnend mit dem Exodus der Griechen von heute türkischem Gebiet, bis zu Ereignissen der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Der Autor Jeffrey Eugenides wurde im Jahr 1960 in Amerika, Detroit, geboren. Heute lebt er mit Frau und Tochter in Berlin, wohin es ihn durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes verschlug. Das selbst gewählte Exil führt der Schriftsteller als Erfolgsfaktor für Middlesex an. Erst in Deutschland fand er die Muße, den Roman zu schreiben, für den er insgesamt neun Jahre Zeit aufwandte. Väterlicherseits ist Eugenides griechischer Abstammung, von Seiten der Mutter hat er britische Vorfahren. Middlesex ist nach den Selbstmordschwestern sein zweiter Roman und wurde im Jahr 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Das Buch erzählt einen Abschnitt aus dem Leben dreier Generationen der Familie Stephanides. 1922 verlassen die Geschwister Desdemona und Eleutherios Smyrna heute Izmir , als türkische Truppen zum Angriff auf die kleinasiatische Stadt ansetzen. Auf dem Schiff, das die beiden in die USA bringt, nutzen sie die Gelegenheit, ihr Familienverhältnis zu verschleiern und sich gegenseitig zu heiraten. In Detroit schließt sich das Ehepaar Stephanides, Eleutherios nennt sich von nun an nur mehr Lefty, der Familie der Cousine Sourmelina an, die als einzige die wahre Vergangenheit des Paares kennt. Die bereits zu diesem Zeitpunkt verstrickten Familienverhältnisse komplizieren sich in der weiteren Handlung noch einmal, als der Sohn Desdemonas und Leftys, Milton, die Tochter Sourmelinas ehelicht, seine eigene Cousine Tessi. Frucht dieser Beziehung ist Calliope, die als Mädchen aufwächst, im Alter von vierzehn Jahren jedoch feststellt, dass sie genetisch ein Mann ist. In Folge einer Mutation, deren Ursache in den inzestuösen Familienverhältnissen liegt, ist Calliope ein Hermaphrodit. Der geplanten operativen Geschlechtsumwandlung zur Frau entzieht sich Calliope, um als Cal ihren eigenen Weg zu finden.

Soviel sei zum Gerippe der Handlung gesagt. Erzählt wird die Geschichte von Cal(liope), der Protagonistin oder dem Protagonisten. Diese(r) berichtet grundsätzlich chronologisch aus einer Art Perspektive der Allwissenheit über die Familienhistorie, fügt aber immer wieder Begebenheiten aus seinem späteren persönlichen Leben ein, speziell wenn es sich um Folgen historischer Ereignisse handelt.

In Interviews weist Jeffrey Eugenides gerne darauf hin, dass ihn die Idee faszinierte, eine Ich-Erzählung aus Sicht eines Hermaphroditen zu schreiben: »Es schien mir, als ob Schriftsteller hermaphroditische Vorstellungskraft haben müssten, da sie in der Lage sein sollten, sich in den Köpfe von Männern und Frauen einzunisten, um Bücher zu schreiben. Was wäre ein besseres Vehikel für diese Fähigkeit als ein hermaphroditischer Erzähler? […] Ich habe den Hermaphroditen nicht gewählt, um eine Geschichte über ein Monster oder eine Abnormität zu erzählen, sondern als Sinnbild der Verwirrung im Sexuellen und in Bezug auf die Identität, die jeder von uns während der Pubertät durchlebt.«

Middlesex ist ein Roman über Metamorphosen: Die Wandlung vom Geschwister- zum Ehepaar, vom Europäer zum Amerikaner, vom Mädchen zum Mann, oder – wie im Fall einer Nebenfigur – vom unerfüllten Ehemann zum Glaubensstifter. Die willkürliche Odyssee eines mutierten Gens durch Zeit und Raum, die Unwahrscheinlichkeit von verketteten Zufällen, das Kreisen um sich selbst und die letztliche Unabwendbarkeit der Geschehnisse machen die Geschichte zu einem literarischen Ereignis.
Einmal abgesehen von der Menge an Erkenntnissen, die der Leser gewinnen kann, wenn er nur mag, ist das Buch prall gefüllt mit Randnotizen und Details, mit Charakteren und historischen Begebenheiten, von denen man nie weiß, wie wichtig sie im weiteren Verlauf der Geschichte noch werden. Die Sprache des Romans strotzt nur so vor Freude am Fabulieren. Allein schon der Name der Protagonistin ist ein Omen, war doch Calliope einst die Muse des Erzählens.

Eine solch ungeheure Fülle muss der Leser erst einmal verkraften können. Es mag sein, dass der eine oder andere der ganzen Geschichte nicht mehr folgen möchte, weil sie ihm zu verwinkelt, zu unwahrscheinlich angelegt ist, oder zu unmittelbar unterbrochen wird von Zeitsprüngen, scheinbar zu ziellos vor sich hin mäandert. Der Autor selbst entschuldigt sich bereits auf den ersten Seiten für den »homerischen Schreibstil«, dem er oft erläge. Doch mir zumindest hat gerade dieser Stil sehr viel Spaß bereitet, diese aus der Zukunft rückwärts gerichtete Erzählwarte, die mit der Vergangenheit beginnt, aber immer wieder kurze Einblicke in spätere Folgen der Geschehnisse gewährt, oder gar zwischendurch wissenschaftliche Abhandlungen einschiebt, wenn es darum geht, das genetische Phänomen zu erklären, das aus Calliope Cal werden lässt.

Wegen der vergleichbaren Themen und Autoren rückt Eugenides Middlesex unweigerlich an die Seite von Jonathan Franzens Korrekturen. Auch bei Franzen geht es um einen amerikanischen Familienroman, der sich über mehrere Generationen entwickelt. Auch bei ihm spielen physiologische Probleme einer der Hauptfiguren eine tragende Rolle. Aber trotz aller zunächst gefühlten Parallelität unterscheiden sich die Romane letztendlich enorm. Ich möchte einmal ganz absehen davon, dass Eugenides den Prototypus europäischer Einwanderer nach Amerika portraitiert, Franzen hingegen die ebenfalls prototypische Mittelschicht des Mittleren Westens. Denn vollends unterschiedlich sind die sprachlichen Bilder und Stimmungen, die beide Autoren auszeichnen. Franzen ist ein Zyniker, der sarkastisch und mit chirurgischer Präzision seine Figuren zerlegt. Eugenides hingegen schreibt nicht nur mit offenbarem Vergnügen, sondern auch mit einer Gelassenheit, die selbst tragischen Ereignissen eine komische Komponente verleiht.
Die Vertreibung der Griechen aus Smyrna etwa empfindet man beim Lesen kaum so dramatisch, wie sie es wohl gewesen sein muss. Aber auch das genetisches Schicksal, das sich in einzelnen Erlebnissen von Cal als furchtbar darstellt, schildert der Autor stets mit einem zwinkernden Auge, ganz so als ob alles nur halb so schlimm sei. Mit mediterraner Gelassenheit steigen die Figuren des Romans über Abgründe hinweg, in die Franzens Charaktere mit Sicherheit hinabgestürzt wären.

Diese über sich selbst und seine eigenen Gefühle erhabene Erzählweise lässt Eugenides auch Passagen meistern, die andere Schriftsteller leicht in eine Zwickmühle gebracht hätten. So seziert er zum Beispiel die sexuellen Experimente des heranwachsenden Zwitters Cal(liope) mit expliziten, minutiösen Beschreibungen körperlicher Handlungen und Reaktionen, die ohne Zweifel in Pornografie hätten abgleiten können, wenn da nicht stets dieses relativierende Achselzucken wäre. Auf diese Weise erlebt der Leser sexuelle Findung nicht in schlüpfrigen Details, sondern vielmehr als überraschende Entdeckung an der Seite eines Menschen, der selbst nicht weiß, wie ihm geschieht.

Fazit: Middlesex ist ein großartiges Epos über das Leben, die Liebe und über die Geschichte Amerikas. Darüber hinaus aber ist der Roman auch noch eine Aufforderung, das Schicksal zu akzeptieren wie es gerade kommt, das Leben zu lieben, sich selbst zu akzeptieren und zu mögen, dabei aber sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Für enormes Lesevergnügen, Lerneffekt und Selbsterkenntnis bleibt mir gar nichts anderes übrig, als Jeffrey Eugenides die vollen fünf Punkte zu verleihen.

Jeffrey Eugenides: Middlesex
Rowohlt, 2003

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