Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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10.6.2005

Cover: Tintenherz

Tintenherz - Es gibt wenige Bücher, die für Kinder geschrieben wurden, aber Erwachsene ebenso in ihren Bann ziehen. Das erste in meiner kurzen Liste war Michael Endes Geschichte von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, das vor fünfundvierzig Jahren publiziert wurde. Das neuste ist für mich nun seit ein paar Tagen Tintenherz von Cornelia Funke: ein zauberhaftes Buch über den Zauber, den Bücher ausüben können, das jedem Büchernarren wärmstens zu empfehlen ist; egal ob er nun acht oder achtundachtzig Jahre alt ist.

Worum es in der Erzählung geht: Meggie Folchart ist zwölf Jahre alt und lebt mit Ihrem Vater Mortimer, einem Buchbinder, auf einem heruntergekommenen Hof. Die Mutter war neun Jahre zuvor »fortgegangen«. Von seinem Vater hat das Mädchen die Liebe zu Büchern übernommen. All die Geschichten, die zwischen zwei Buchrücken stecken, sind Meggie Trost oder Anregung in allen Lagen des Lebens. Als eines Abends der zwielichtige Staubfinger auftaucht, werden Meggie und Mo in einen Strudel sich überschlagender Ereignisse gezogen. Die drei fliehen vor dem ominösen Bösewicht Capricorn in Richtung Süden – wahrscheinlich nach Italien – zu Meggies Großtante Elinor Loredan, die zurückgezogen auf ihrem Landsitz inmitten einer riesigen Bibliothek lebt. Noch ahnen Meggie und Mo nicht, dass sie ihrem Verfolger Cacpricorn geradewegs in die Arme gelaufen sind.
Erst als sie Capricorn gefangen nimmt, erfährt das Mädchen von einer besonderen Gabe ihres Vaters: Wenn Mortimer Folchart aus Büchern vorliest, tauchen Gegenstände und Wesen aus den Geschichten in der Realität auf, Menschen und Dinge verschwinden dafür aus der Wirklichkeit in den Büchern. Stück für Stück erkennt Meggie, dass ihr Vater ohne es zu wollen den Schurken Capricorn und einige seiner Männer, sowie den unglücklichen Staubfinger aus einem Buch mit dem Titel Tintenherz heraus- und gleichzeitig die seither verschwundene Mutter in das Buch hineingelesen hatte. Capricorn verfolgt seit dieser Zeit den Vorlesekünstler Mortimer, um sich mit Hilfe dessen seltener Fähigkeit noch mehr Gold und Gefolgschaft aus Büchern herbeischaffen zu lassen. — Wie die Geschichte weitergeht, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Jungen Kindern mag zunächst diese ungeheuerliche Kunst des Herauslesens von Personen aus Büchern frappierend erscheinen. Vielleicht sind sie auch gebannt von all den merkwürdigen Wesen, die wie selbstverständlich im echten Leben von Meggie erscheinen: gehörnte Marder, Elfen, Feen und Kobolde. Ältere Leser werden schnell in die Magie der Metaebenen gezogen, die sich in Cornelia Funkes Roman erkennen lässt. Unter dem Titel Tintenherz schreibt sie über eine gänzlich andere Geschichte gleichen Namens, die von einem gewissen Fenoglio verfasst wurde; eben dieser Fenoglio spielt dann später im Funke-Roman eine tragende und traurige Rolle.
In Cornelia Funkes Tintenherz vermischen sich durch Heraus- und Hineinlesen ihre eigenen Akteure mit denen der ursprünglichen Erzählung auf ein und derselben Wirklichkeitsebene. Gleichzeitig gelingt es der Autorin auch noch, ihre Leser einzubeziehen. Denn die unglaubliche Vorlesekunst Mortimers färbt schnell ab auf die des Funke-Romans. Als ich meinen Kindern aus dem Buch vorlas, lautete ihre einhellige Meinung, ich habe noch aus keiner anderen Geschicht so packend und plastisch gelesen. »Pass auf, dass du nicht gleich jemanden aus dem Tintenherz herausliest!«, riefen sie entzückt und entsetzt zugleich.

Abgesehen einmal von den beschriebenen Verquickungen verschiedener Bewusstseins- und Realitätsebenen gelingt es der Autorin mit ihrer Geschichte bei Lesern und Zuhörern eine erstaunliche Leidenschaft für Bücher zu wecken. Die Zuneigung der Romanfiguren zu Büchern als solchen und zu den erzählten Geschichten färbt ab und weckt schier unbezähme Lust auf mehr; darauf, selbst Leseabenteuer zu erleben, vielleicht sogar selbst die Schranken zwischen Wirklichkeit und Erfindung zu überwinden und selbst Romanfiguren herbeilesen zu können.
Einer der Kunstgriffe Cornelia Funkes besteht darin, jedes der Kapitel mit einem Zitat aus einem mehr oder weniger bekannten Buch einzuleiten. All diese Einleitungen dienen einerseits dazu, inhaltlich auf die Geschehnisse des jeweiligen Kapitels vorzubereiten. Andererseits können die Zitate als Anker für künftigen Lesestoff verwendet werden.

Einschränkend könnte vielleicht erwähnt werden, dass ein erwachsener Leser in Tintenherz so einige Ungereimtheit entdecken mag, die als Diskrepanz zwischen den Erfordernissen des wahren Lebens und der Handlung empfunden werden können. Sprachbarrieren gibt in der Geschichte es ebensowenig wie finanzielle Grenzen. Aber wer mag schon solche Unwichtigkeiten einem Kinderbuch vorwerfen?

Fazit: Für ältere Alleinleser ist die Geschichte durchaus empfehlenswert, trotz der genannten Einschränkungen. Insbesonders Bibliophile kämen auch für sich alleine voll auf ihre Kosten. Drei von fünf Punkten wäre mir Tintenherz selbst in diesem Fall wert. Als Vorlesestoff – speziell für Väter von acht bis zwölfjährigen Töchtern – ist das Buch jedoch eine Offenbarung. In dieser Kombination wäre ohne Frage die volle Punktzahl fällig. In der Summe kann ich also besten Gewissens vier Sterne vergeben.

Cornelia Funke: Tintenherz
Dressler Verlag, 2003

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