Rezensionen, kritische Kommentare und Anmerkungen eines Viellesers zur Gegenwartsliteratur. Man muss schließlich nicht wirklich alles selbst gelesen haben ... =;o)
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2.1.2006

Cover: Drop City

Drop City - Obwohl T. Coraghessan Boyle, US-amerikanischer Autor von mittlerweile siebzehn Romanen, längst mehr als ein Geheimtipp ist, hatte ich vor Drop City noch keinen seiner Texte gelesen. Das wird sich jetzt ändern, denn seine rasante Geschichte über die Konflikte zwischen enttäuschten Utopien einer kalifornischen Hippiekommune und den viel simpleren Anforderungen des Überlebens in der Wildnis Alaskas hat meinen Hunger nach mehr Boyle geweckt.

Drop City ist der Name einer Hippiekommune in der Nachbarschaft der kalifornischen Stadt Somona. Die Romanhandlung setzt im Juni 1970 ein, längst nach dem Höhepunkt des Nirvana, nach Easy Rider. Dennoch, das Szenario ist romatisch bis fantastisch. Die Kommune lebt im pausenlosen Traumsommer, verfügt über eigene Ziegen, eine Sammlung von Schallplatten, die weltweit ihresgleiche sucht (Jimmy Hendrix, Jefferson Airplane, Janis Joplin, Country Joe and the Fish, …), Zucchini im Garten, Acid im Orangensaft, Marihuanakekse und frei Liebe zwischen den wechselnden Bewohnern, den langhaarigen »Freaks« und BH-befreiten »Bräuten«. — Was braucht der Mensch mehr?

Doch die Idylle, die das »Millionen-Kilowatt-Lächeln« seiner zugedröhnten Bewohner verspricht, trügt. Längst bröckelt die Fassade, das Versprechen, ein jeder dürfe hier ganz einfach »nur sein Ding durchziehen«, lässt sich nicht mehr einhalten. Der Abwasseranschluss der Wohngebäude ist überfordert, überall liegen Exkremente in den Gebüschen, niemand fühlt sich verantwortlich für die Angelegenheiten, die menschliche Gemeinschaften am Leben erhalten. Auch das Traumbild der freien Liebe hat längst Risse bekommen: Star, die Protagonistin der Kommune, ist wie auch viele der anderen Frauen nicht mehr bereit, mit jedem ins Bett zu steigen, der fragt, nur um nicht als verklemmt eingestuft zu werden und schlechtes Karma im nächsten Leben zu vermeiden. Sie verweigert sich Ronnie, alias Pan, ihrem Jugendfreund und bisherigen Begleiter, um sich dem fahnenflüchtigen Neuankömmling Marco zuzuwenden. Die Situation auf Drop City eskaliert, als eine Gruppe fragwürdiger Neu-Hippies eine vierzehnjährige Ausreißerin vergewaltigen.

Nach knapp hundert Seiten springt die Handlung nach Alaska; genau genommen nach Boynton, der letzten befestigten Ortschaft westlich von Fairbanks. Drei Kanustunden von Boynton lebt Sess Harder, der letzte echte Amerikaner. Schweigsam, gerecht und unter keinen Umständen bereit, Provokationen ohne passende Antwort hinzunehmen, lebt Sess vom Fallenstellen und seinen ausgeprägten Fähigkweiten zum Überleben in der eisigen Wildnis des nördlichsten US-Bundesstaates. Diesem amerikanischen Prototypen zur Seite steht seine Braut Pamela, die ihr Leben als moderne Städterin leid war und nach dem Schema der TV-Bachelorette den Mann ihres Lebens aus drei konkurrierenden Trappern auswählte. Sess' (und Pamelas) Gegner weitab jeder Gerichtsbarkeit ist Joe Bosky, ein überheblicher und brutaler Nachbar. Die Qualität der gegenseitigen Attacken zwischen Joe und Sess steigert sich beständig.

In diese Welt des Überlebenskampfes am Thirty-Mile-River platzt eines schönen Tages die Hippiekommune von Drop City. — Was war passiert? Nach einigen Schockerlebnissen in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern steht die Situation auf der Farm auf der Kippe. Als die Behörden den Abriss der Gebäude verfügen, packen die Freaks und Bräute um den Anführer Norman Sender ihre sieben Sachen und verlegen die Kommune nach Alaska, wo Sender von einem Onkel ein Grundstück geerbt hatte. Dieser Onkel war einst Nachbar, Mentor und Lehrer Sess Harders, der es nun mit der ungewohnten Nachbarschaft zu tun bekommt, die Drop City ganz einfach nach Alaska verlegt.

Der weitere Verlauf der Geschichte erzählt von den Schwierigkeiten, mit denen sich die Hippies konfrontiert sehen in einer Umgebung, die keinen Fehler verzeiht, aber auch von unverhofften Freundschaften, Persönlichkeitsenwicklungen mit denen niemand, am wenigsten der Leser, gerechnet hat. Er erzählt vom persönlichen Scheitern und von Erfolgen und gipfelt in einer gnadenlosen Konfrontation am Polarkreis, die zwar im Laufe der Handlung immer unausweichlicher wurde, den Leser aber in ihrer Konsequenz und Härte nichtsdestoweniger erschauern lässt. — Randnotiz an alle: Trinke keinen Schnaps, wenn das Thermometer zig Grade unter Null anzeigt.

Der primäre Reiz von Drop City für die Leserschaft in meinem Alter mag darin bestehen, dass wir die Hard-Core-Hippiezeit gerade nicht mehr selbst durchlebt haben, am verklärenden Beispiel der älteren Geschwister oder Cousins aber durchaus das Gefühl hatten, etwas verpasst zu haben. T.C. Boyle rückt das Ikonenhafte der Peace-People zurecht, ohne die Ernsthaftigkeit der Grundidee in Frage zu stellen. Seine Hippies stehen am Rande eines Entwicklungsschrittes, mit dem der eine besser, der andere schlechter zurecht kommt.

Die Magie der Geschichte entwickelt sich aus der meisterlichen Fähigkeit des Autors, Personen und Orte zu beschreiben oder zu erschaffen, die den Leser geradezu in die Handlung hineinsaugen. Dies gilt für die kalifornische Kommunenszene ihre Unzulänglichkeiten und ihre exotischen Bewohner ebenso, wie für die eigenbrötlerischen Hinterwäldler und die natürliche Schönheit und Gefahren der unberührten Natur Alaskas. Die verschiedenen Standpunkte, gedanklichen und sozialen Hintergründe der handelnden Gruppen vermittelt Boyle dadurch, dass er abwechselnd aus der jeweiligen Sicht seiner fünf Protagonisten erzählt – Star, Marco und Ronnie, sowie Sess und Pamela.

Ich weiß gar nicht, welchem der beiden Handlungsstränge, die sich aufeinander zubewegen, ich mit mehr Neugier und mehr Freude am Lesen folgte. Beide haben ihre Glanzlichter, aber auch ein paar Hänger. Die Reise der Hippiekommune und schon deren Vorbereitung empfand ich als ermüdend, wie ich auch die Geschichte um Pamelas Wahl ihres Lebenspartners in Alaska für aus der Luft gegriffen hielt. Von solchen, sehr raren Passagen abgesehen hat mich Drop City von vorne bis hinten gefesselt.

Fazit: Wer in Bezug auf sein Alter allzu weit von den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts entfernt ist, wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, die Romanhandlung nachzuvollziehen. Zu fremd und unverständlich dürfte das prä-feministische, sex-, drogen- und alkoholfixierte Kommunenleben und vor allen Dingen die ständig eingewobenen Verweise auf damals aktuelle Rockgruppen, deren Songs und Texte wirken. Lesern im passenden Alterskorridor aber dürfte T.C. Boyles Abrechnung mit dem Lebensentwurf einer Generation gefallen; vor allen Dingen deshalb, weil der Autor ohne jeden Sarkasmus das Versickern dieser Bewegung in den Notwendigkeiten des Lebens beschreibt. Aus meiner Sicht hat sich Boyle mit Drop City vier Sterne von fünfen verdient, obgleich mir bewusst ist, dass jüngere und ältere Leser als ich wahrscheinlich deutlich weniger Gefallen an diesem Roman haben werden.

T.C. Boyle: Drop City
Carl Hanser Verlag, 2003

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